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Europa

Wahlen im Schatten des Todes

Vor rund zwei Monaten starb der polnische Präsident Lech Kaczynski bei einem Flugzeugabsturz. Nun wählen die Polen einen Nachfolger, doch der Schock über das tragische Ende der Amtszeit sitzt immer noch tief.

Präsidentenpalast in Warschau (Foto: AP)

Der Präsidentenpalast in Warschau: Wer wird hier einziehen?

Es ist Wahlkampf in Polen - doch kein gewöhnlicher. Die 30 Millionen Menschen, die am Sonntag (20.06.2010) einen neuen Präsidenten wählen, sind nach der Katastrophe von Smolensk immer noch in einem kollektiven Trauma. Das zeige sich auch im ungewöhnlich ruhigen Wahlkampf, sagt Joachim Ciecierski, der Leiter des deutschen Programms des Polnischen Rundfunks. "Die Politiker benutzen andere Worte, die Wahlkampagne ist nicht so aggressiv wie sonst in Polen. Die Kandidaten überlegen sich zwei Mal, was sie sagen wollen, sie beleidigen sich nicht." Es sei zwar ein wichtiger Wahlkampf, aber die Atmosphäre sei ruhig.

Im Namen des Bruders

Jaroslaw Kaczynski im Wahlkampf (Foto: AP)

Jaroslaw Kaczynski konnte die Sympathie vieler Polen gewinnen...

Die Katastrophe von Smolensk, bei der am 10. April 2010 Lech Kaczynski und 95 weitere Menschen starben, änderte nicht nur den Ton im Wahlkampf: Vor der Tragödie war der national-konservative Präsident Lech Kaczynski am Tiefpunkt der Umfragewerte angelangt. Seine Wiederwahl galt als unwahrscheinlich. Sein tragischer Tod änderte sein Image aber radikal, und Lechs Zwillingsbruder und Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski wusste das politisch zu nutzen.

Er wolle das Werk des verstorbenen Bruders vollenden - mit diesen Worten erklärte er seine Kandidatur. Innerhalb weniger Wochen stiegen seine Umfragewerte. Auch Kaczynskis national-konservative Partei "Recht und Gerechtigkeit" stieg in der Gunst der Wähler. Der Abstand zum Kandidaten der regierenden liberalen Bürgerplattform, Bronislaw Komorowski, verringerte sich von 20 auf sieben Prozent. Habe es anfangs einen klaren Favoriten gegeben, sei das Rennen nun wieder offen, sagt der Warschauer Journalist Joachim Ciecierski: "Aus den Meinungsumfragen geht hervor, dass immer mehr Menschen für Jaroslaw Kaczynski stimmen werden. Nicht weil sie mit seiner Partei übereinstimmen, sondern weil sie in Jaroslaw Kaczynski den Bruder Lech Kaczynskis sehen."

Stichwahl wahrscheinlich

Bronislaw Komorowski im Wahlkampf (Foto: AP)

... doch Parlamentspräsident Komorowski liegt in den Umfragen vorn

Derzeit liegt Komorowski mit 42 Prozent vor Kaczynski (35 Prozent). Je geringer die Wahlbeteiligung am Sonntag sein wird, desto größer sind die Chancen für Jaroslaw Kaczynski. Mit einem eindeutigen Sieger rechnet der Journalist Ciercierski aber am Sonntag nicht. "Es wird bestimmt eine zweite Runde geben." Die zweite Runde - eine Stichwahl - würde zwei Wochen nach der Wahl stattfinden. Dabei hätte Jaroslaw Kaczynski allerdings schlechtere Aussichten, sich gegen den Rivalen zu behaupten. Umfragen zufolge würden dann 59 Prozent der Wähler Bronislaw Komorowski wählen.

Doch für den vor kurzem noch so unpopulären Jaroslaw Kaczynski ist es bereits eine Sensation, es so weit geschafft zu haben. Und es ist für ihn ein hoffnungsvolles Signal für die noch wichtigere nächste Parlamentswahl im Jahr 2012.

Autor: Bartosz Dudek
Redaktion: Julia Kuckelkorn

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