1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Sport

Vorzeichenwechsel bei Giant-Alpecin

Ohne Topsprinter Marcel Kittel, dafür mit einer neuen Strategie: Das deutsche Radteam Giant-Alpecin verteilt die Verantwortung nun auf mehrere Schultern - und hofft dennoch vor allem auf seinen Star.

Stuck an der Decke, antike Möbel, Marmorsäulen, ein festlicher Kronleuchter - das Ambiente war vielleicht das nobelste, in dem jemals ein Radrennstall vorgestellt wurde. Und es drängte sich der Verdacht auf: Das war kein Zufall. Im Festsaal der italienischen Botschaft von Berlin präsentierte sich das deutsche Team Giant-Alpecin mit viel Prunk und Show - ganz so, als wollten die Teamverantwortlichen das Fehlen von einem Mann überstrahlen: Marcel Kittel.

"Kittels Weggang ändert nichts"

Der aktuell wohl schnellste Radprofi der Welt hatte die Mannschaft jahrelang geprägt, sie von einem kleinen Zweitligateam bis an die Spitze des Profizirkus geführt - und ging dann im vergangenen Herbst sehr plötzlich und geräuschvoll zur belgischen Konkurrenz von Etixx-Quickstep. Er und der niederländische Teammanager Iwan Spekenbrink hatten sich über Kittels Nicht-Nominierung zur Tour de France wegen Formschwäche nachhaltig verkracht. Eine Fortsetzung der zuvor sehr erfolgreichen Verbindung war unmöglich.

Radsportler Tony Martin und Marcel Kittel (Foto: Rot)

Gelbe Zeiten: Marcel Kittel (r.) holte für das Team viele Siege, nun wechselte er zu seinem Freund Tony Martin (l.) zu Etixx-Quickstep.

Spekenbrink hat den Groll inzwischen verarbeitet: "Marcel ist eine Ikone des Radsports. Wir können nur hoffen, dass er so stark zurückkommt wie er früher war. Und das wünsche ich ihm auch", sagte der Teamchef der DW und wirkte dabei aufrichtig. Er wird wissen, was er und sein Rennstall Kittel zur verdanken haben. Dennoch geht der Blick nun nach vorne: "Eigentlich ändert sich durch seinen Weggang nichts. Wir wollen weiter als Team erfolgreich sein."

Degenkolb spürt "mehr Verantwortung"

Sicherstellen, dass die konsequente Teamarbeit Erfolg hat, soll allen voran ein Mann: John Degenkolb. Der Sprint- und Klassikerspezialist überzeugt mit Ausnahme der Berge auf jedem Terrain und ist das Zugpferd des Rennstalls. Im

DW-Interview

ließ er durchblicken, dass er nach seinen Siegen bei Mailand-Sanremo und Paris-Roubaix noch lange nicht satt ist. Er wolle "wieder ein Monument gewinnen. Das ist mein großes Ziel", so Degenkolb und natürlich soll auch endlich seine Pechsträhne bei der Tour de France enden: "Ich glaube, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis ich dort einen Sieg einfahren kann."

John Degenkolb

Der Star: Klassikerspezialist John Degenkolb

Seine Siege haben dem Team eine neue Stellung verschafft, Degenkolb spürt, dass Giant-Alpecin stärker beobachtet wird und mehr Verantwortung bei der Renngestaltung erhält. Dem damit verbundenden Erwartungsdruck tritt man offensiv entgegen: "Wir wachsen weiter und wir werden immer besser. Tom Dumoulin und Warren Barguil sind zwar noch keine großen Stars, aber sie werden es sein", hofft Spekenbrink.

Seine Hoffnungen sind durchaus berechtigt. Der niederländische Zeitfahrspezialist Tom Dumoulin fuhr bei der vergangen Vuelta a España wie aus dem nichts um den Sieg mit und soll sich in diesem Jahr beim Giro d'Italia weiterentwickeln. Und dann ist da ja auch noch die französische Kletterhoffnung Warren Barguil. Der 24-Jährige fuhr bei seiner Tour-Premiere lange um einen Top-Ten-Platz, ehe ihn schmerzhafte Sturzverletzungen auf Rang 14 zurückwarfen. Für die Zukunft erwartet das Team und auch er selbst von sich Großes: "Ich träume davon die Tour de France zu gewinnen, sagte der schlaksige Bergspezialist der DW, warum sollte ich es nicht eines Tages schaffen?" Nach 30 sieglosen Jahren bei der Tour de France würde ihm Frankreich sicher zu Füßen liegen.

Zufriedene Sponsoren

Dank dieser beiden Ausnahmetalente und sicher auch ein bisschen wegen des Weggangs von Marcel Kittel vollzieht das Team Giant-Alpecin derzeit einen Umbau: vom reinen Sprint-Rennstall zu einer Mannschaft mit Ambitionen in jeder Disziplin: In den Sprints, bei den Klassikern und jetzt eben auch im Gesamtklassement.

Spanien Team Giant Alpecin 2016 in Altea Niederlande

Mannschaftlich stark: Giant-Alpecin setzt auf Teamwork

Der deutsche Rennstall unter niederländischer Leitung genießt dabei das volle Vertrauen seiner Sponsoren - im Radsport nicht unbedingt eine Selbstvertändlichkeit. Sowohl für den taiwanesischen Fahrradhersteller Giant als auch für den deutschen Kosmetik- und Arzneimittelhersteller Dr. Wolff-Gruppe (mit der Shampoo-Marke Alpecin) rechnet sich das Investment in den Radsport: "Vor allem während der Tour de France haben wir sehr starke Ausschläge verzeichnet, unsere Marke ist mittlerweile bei 90 Prozent der Deutschen bekannt", sagte Dr. Wolff-Unternehmenssprecher Marcel Klöpping und ließ wissen, dass sich inzwischen auch andere interessierte Firmen gemeldet hätten, um zu erfahren, ob sich Radsportsponsoring nach den Dopingskandalen der Vergangenheit wieder lohne. Bei Giant-Alpecin tun sie viel dafür, dass genau dieses Vertrauen wieder entsteht: Einige Fahrer befürworten sogar nächtliche Dopingkontrollen, um ihre Glaubwürdigkeit zu unterstreichen - in vielen anderen Sportarten wäre solch eine Athleten-Initiative kaum vorstellbar.

Eine Chance für den Nachwuchs

Dazu setzt die Mannschaft auch stark auf junge Talente, die schrittweise an die Spitze herangeführt werden sollen. Der 22-jährige Max Walscheid etwa kam zunächst als Praktikant und erhielt nun seinen ersten Profivertrag auf oberstem Level. Der großgewachsene Modellathlet soll im ersten Jahr noch lernen, hat aber bereits eigene Ambitionen: "Ich bin als Sprinter schon jetzt konkurrenzfähig. Ich bin sehr ehrgeizig, will mich als Sprinter weiterentwickeln und dieses Jahr mein erstes Profirennen gewinnen", gab sich Walscheid im Gespräch mit der DW kämpferisch. Genau solche Charaktere suchen die Teamverantwortlichen. Ob sie allerdings mit Nachwuchstalenten wie Walscheid die Lücke schließen können, die Marcel Kittel hinterlässt, bleibt fraglich. Denn das wird nur mit Siegen gehen, nicht mit Prunk und Show.

Die Redaktion empfiehlt