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Kultur

Von der Ukraine nach Deutschland

Seit Ende der 1980er-Jahre sind zwei Millionen Spätaussiedler aus der früheren Sowjetunion nach Deutschland gekommen. Für viele war die Rückkehr in die Heimat der Vorfahren ein mutiger, aber auch erfolgreicher Schritt.

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Anstehen für ein Visum in Kiew

Die Abfüllanlage in der Bitburger Brauerei läuft auf Hochtouren. Bis zu 70.000 Glasflaschen können hier jede Stunde befüllt werden - soviel wie in keiner anderen Abfüllanlage weltweit. Im Dezember 2004 wurde die Anlage in Betrieb genommen - unter den wachsamen Augen von Oleg Sukholitko. Der Ukrainer ist Inbetriebnahmeingenieur und Servicespezialist bei der Firma KHS, die den Abfüller auf dem Brauereigelände installiert hat.

Reiterstandbild von Bogdan Khmalnitsky und St. Michael Kirche in Kiew

Kiew mit der St. Michael Kirche

Sukholitko zog im Juni 1999 mit seiner Familie nach Deutschland - aus Kirowograd 300 km südlich von Kiew. Mit ihm kamen auch die Familie seines Bruders und seine Eltern. Was genau bewog die Familie zu diesem einschneidenden Schritt? "In der Ukraine gibt es ein interessantes Sprichwort, dass man den Fisch dort suchen soll, wo es tief ist und den Menschen dort, wo es besser ist. Wir haben uns entschlossen, wenn wir uns verbessern können, warum sollten wir es nicht machen?", erklärt Sukholitko seine damalige Entscheidung. Natürlich hätte es viele offene Fragen gegeben, zum Beispiel die, ob er und seine Frau in Deutschland eine Arbeitsstelle finden würden. "Aber wenn man von Null anfangen will, muss man einiges Risiko eingehen", sagt der Familienvater.

Lohnendes Risiko

Aus heutiger Sicht betrachtet war es ein Risiko, das sich auf jeden Fall gelohnt hat. Kurz nach der Einreise erhielt Sukholitko die Möglichkeit, über die Otto-Benecke-Stiftung an einer so genannten Studienergänzung teilzunehmen. Der ausgebildete Elektroingenieur absolvierte elf Monate Theorieunterricht und ein dreimonatiges Berufspraktikum. Nach dem erfolgreichen Abschluss wagte er den beruflichen Neuanfang in Deutschland.

Dabei machte sich vor allem das Praktikum bezahlt, das der Ukrainer bei der Firma KHS abgeleistet hatte. Der Eindruck der Verantwortlichen war so positiv, dass sie ihm sofort eine Anstellung anboten.

Sprachbarrieren

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Den Start ins deutsche Arbeitsleben hatte sich Sukholitko zu diesem Zeitpunkt anfangs schwierig vorgestellt, während er glaubte, dass der Umgang mit der deutschen Sprache leichter verlaufen würde. Letztlich kam es genau umgekehrt, wie der Ingenieur sich erinnert: "Wir haben uns oft mit Händen und Füßen verständigt, sind ständig mit dem Wörterbuch rumgelaufen, haben vieles aufgeschrieben und abends gelernt."

Auf Besuche bei öffentlichen Institutionen hat er sich sogar noch ausgiebiger vorbereitet. "Wenn wir zu einem Amt gehen sollten, zum Jugendamt oder Kindergarten, haben wir die Wörter aufgeschrieben, ohne Präpositionen und alles, damit ich zumindest sagen konnte, woher ich komme und wer ich bin."

Während Sohn Daniel im März 2004 als echter Dortmunder zur Welt kam, war seine Tochter Anna schon drei Jahre alt, als die Familie nach Deutschland umsiedelte. So hatten die Eltern anfangs Sorgen, dass es bei ihr Schwierigkeiten mit der Verständigung geben könnte.

"Ungefähr sechs Monate, nachdem wir hier waren, habe ich mich bei einer Erzieherin erkundigt, ob meine Tochter einigermaßen sprechen und verstehen kann", erzählt Sukholitko. Die Erzieherin habe ihn daraufhin aber nur komisch angesehen und erklärt, dass seine Tochter keine Probleme mit dem Deutschen habe.

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Schwieriger verlief die Eingliederung allerdings für die erste Generation der Familie Sukholitko, der die gewohnte Umgebung und vor allem Freunde und Bekannte fehlten. "Zu der Zeit, als wir umgezogen sind, waren meine Eltern schon 65 Jahre alt und alte Bäume lassen sich nur schwer verpflanzen", sagt Oleg Sukholitko. Sein Eindruck von Deutschland war dagegen von Anfang an gut. Überrascht hat den Ukrainer, dass die Deutschen gar nicht dem Bild entsprachen, das viele Menschen in seiner Heimat von ihnen haben. Nicht seriös und ernst, nein lebensfroh seien die Deutschen. Sie könnten auch über vieles lachen.

Sein Fazit nach der Umsiedlung fällt deshalb trotz einiger Probleme positiv aus. Er räumt zwar ein, dass die Entscheidung seine Heimat zu verlassen damals schon ziemlich mutig, aber eben auch sehr lohnenswert gewesen sei. Und dann schließt er wieder mit einem ukrainischen Sprichwort: "Die Hoffung stirbt zuletzt, sagt man bei uns – und so ist es."

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