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Kultur

Von der Kunst und der Wirklichkeit

In Berlin leben und arbeiten unglaublich viele Künstler. Das weiß man auf der ganzen Welt, nur in in der Stadt selbst wird es gelegentlich vergessen. Da kommt die 6. Berlin Biennale gerade recht.

Akademik Fedorov, Leningrad, Datum unbekannt / date unknown; 1992 in einer verlassenen russischen Kaserne in einem Spind gefundene Fotografie (Foto: Biennale Berlin)

Klaus Biesenbach ist eigens aus New York angereist. Direktor der renommierten Kunsthalle P.S.1 ist er dort, und weltweit gilt der 44-Jährige als einer der erfolgreichsten deutschen Ausstellungsmacher. Was auch an der Berlin Biennale liegt, die er 1996 erfunden und mit untrüglichem Gespür für wegweisende Tendenzen in der aktuellen Kunst international verankert hat. Kein Wunder also, dass die 6. Berlin Biennale jetzt, zwölf Jahre später, auf weltweites Interesse stößt. Sie habe, sagt Klaus Biesenbach, "eine große Strahlkraft, und es ist der Beginn vieler Karrieren".

Aufmerksamkeit schaffen

Kathrin Rhomberg ist die aktuelle Karrieremacherin. Sie, eine Wienerin, hat diese Biennale inszeniert und vom angestammten Ausstellungsareal in Berlins schick und teuer gewordener Mitte schwerpunktmäßig nach Kreuzberg verlegt. Das sei insofern ein interessanter Ort, weil er seit den 50-er Jahren sehr stark von Arbeitsmigration geprägt wurde. Die Folgewellen der Migration in Kreuzberg seien, so Rhomberg, immer wieder sichtbar geworden und hätten eine sehr interessante Koexistenz gefunden mit der sogenannten Mehrheitsgesellschaft. "So gesehen ist Kreuzberg ein Bezirk, der die europäischen Gesellschaften der Zukunft markiert".

(Foto: Biennale Berlin)

Les Manifs (Protest Marches), 2009 Bernard Bazile

Für die Berlin Biennale ist Kreuzbergs typisches Nebeneinander von türkischen Zuwanderern, jungen Linken, Studenten, Akademikern und Arbeitslosen insofern von Bedeutung, als Kathrin Rhomberg die Kunstschau unter das Motto "Was draußen wartet" gestellt hat. Sie will zeigen, wie aktuelle Kunst auf die Gegenwart mit ihren Verwerfungen, mit Terroranschlägen, Migration, Krieg, Finanz- und Umweltkrisen reagiert. Besonders gut gelingt das dem jungen Kosovaren Petrit Halilaj, der in die weite Halle der Kunstwerke das originalgetreue Skelett jenes Hauses gestemmt hat, das sich seine Familie gebaut hat. Es sei, sagt Kuratorin Rhomberg, auch ein Projekt für die Zukunft. Denn das frühere Haus der Familie wurde im Jugoslawienkrieg zerstört "mit all den Traumata und Migrationsgeschichten, die auch damit wieder zusammenhängen. Er baut jetzt in Pristina ein Haus, das keine Geschichte hat, das eben so eine Zukunftsorientiertheit hat, und er hat die Verschalungshölzer nach Berlin gebracht und baut hier sozusagen die Negativform seines Familienhauses."

Neue Blickrichtungen entwickeln

Mit seiner Installation bringt Halilaj auch die kosovarische Realität nach Berlin. Eine Realität, die im Alltag der Stadt natürlich längst verankert ist. Nur eben kaum sichtbar. Gut möglich jedenfalls, dass auf den Bänken am Kreuzberger Oranienplatz zwischen türkischen Müttern, Studenten und Arbeitslosen auch ein kosovarischer Flüchtling sitzt, der sich wundert, warum hier neuerdings alle miteinander reden. Und der wahrscheinlich nicht weiß, dass der in Saigon geborene Künstler Ron Tran die Bänke kurzerhand so eng zusammen gerückt hat, dass sich nun alle in die Augen schauen können.

Installation von Petrit Halilaj (Foto: Biennale Berlin)

Installation von Petrit Halilaj

Es sei nicht das Thema, ob das Kunst ist oder nicht, sagt Kathin Rhomberg, "sondern da hat ein Künstler mit seinen künstlerischen Mitteln einfach eine Veränderung im Alltag geschafft, aus der vielleicht ganz neue Geschichten entstehen können".

Kunst und Leben

Arbeiten von insgesamt 43 internationalen, zumeist jungen Künstlern präsentiert diese 6. Berlin Biennale. Doku-Kunst zumeist, die die Wirklichkeit überwiegend in Fotos, Videos und Installationen widerspiegelt: ausgegrenzte Jugendliche aus Pariser Vororten, brüllende Börsenhändler in Chicago, provozierende israelische Soldaten, selbstbewusste türkische Frauen. Die Kunst hat die Wirklichkeit im Griff und macht sie selbst zum Kunstraum. Zu einer ausrangierten Kneipe führt Kathrin Rhomberg die Biennale Besucher, in verwaiste Lagerhallen, eine Künstlerwohnung und in ein von der Geschichte gezeichnetes, leerstehendes ehemaliges Kaufhaus. Dort laufen sie über gebrauchte Teppiche, die der Künstler Hans Schabus auf dem nackten Betonboden ausgelegt hat, und schauen durch die blankgeputzten Scheiben den Menschen unten auf dem sommerlichen Oranienplatz beim Leben zu.

Autorin: Silke Bartlick
Redaktion: Gudrun Stegen

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