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Musik

Von Bock: Herausforderung Kommunikation

Der DW-Regisseur zum "Colón Ring"-Film.

Regisseur Hans Christoph von Bock im Porträt (Berlin), 18.9.2012; Copyright: Mark von Wardenburg

Hans Christoph von Bock

DW: Die "Colón Ring"-Inszenierung verkürzt die 16 Stunden von Wagners "Ring" zu sieben. Sie verdichten fünf Wochen des Inszenierungsprozesses zu 93 Dokumentarfilmminuten. Sind es vergleichbare Leistungen? Was war für Sie die größte Herausforderung dabei?

Hans Christoph von Bock: Die Herstellung und die Arbeitsweisen an der Kurzfassung vom "Colón Ring" und der Dokumentation lassen sich so kaum vergleichen. Wagners "Ring des Nibelungen" ist das gewaltigste Werk der Opernliteratur, ein komplexes Werk mit einer Partitur und einem Textbuch, dem Libretto. Davon ausgehend hat der Musikproduzent und Pianist Cord Garben die Partitur etwa zur Hälfte zusammengestrichen. Das ist keine Bearbeitung im musikalischen Sinne, sondern eben eine Kürzung. Die größte Herausforderung für mich war, neben den Dreharbeiten selbst, das Kommunikative, das Zwischenmenschliche. Ich musste Vertrauen zu den Künstlern aufbauen, ein Klima schaffen, in dem sie uns als Filmteam gar nicht mehr wahrnehmen. Erst dann war der Blick auf die Entstehung von Kunst, das Ringen um den "Ring" möglich.

Cord Garben, der Bearbeiter der Wagner-Partitur, behauptet in Ihrem Film, man könne etwa in der "Walküre", "zehn Seiten rausnehmen – und niemand würde auf die Idee kommen, da war was". Das hört sich für einen Wagnerianer ketzerisch an. Würden Sie es nun auch unterschreiben?

DW-Kamerateam bei der Premiere (Foto: Rainer Traube/ DW)

Das DW-Kamerateam bei der Premiere

Man muss Folgendes sehen: Jemand, der den originalen "Ring" nicht kennt, der wird in der Tat kaum bemerken, wenn in dem "Rheingold" bei der Szene, wo Alberich und die Rheintöchter sich 20 Minuten lang streiten, ein paar Seiten fehlen, oder wenn Wotan in der "Walküre" Brünnhilde erzählt, was am Tag vorher im "Rheingold" passiert ist. Zumal die Anschlüsse stimmen - und darauf hat Garben besonders geachtet.

Das geht bei Wagner gut, da er in Modulen und mit Leitmotiven gearbeitet hat. Schwieriger wird es, wenn es ganze Figuren, wie die Erda oder die Nornen, gestrichen sind. Deswegen ist es nicht Wagners "Ring des Nibelungen", sondern eben die Kurzfassung davon.

Also ein "Einsteigerring"?

Das würde ich so sagen. In Zeiten veränderten Rezeptionsverhaltens ist es eine Möglichkeit für den interessierten Musikfreund, den ersten Kontakt mit Wagners "opus magnum" aufzunehmen, mit der Musik, den Figuren und den Themen, und ein Gefühl für diese komplexe und vielschichtige Werk zu bekommen. Die wesentlichen Dinge sind da erhalten.

Die Hauptprotagonistin Ihres Filmes sollte ursprünglich Katharina Wagner sein. Die Regisseurin hat das Projekt in Buenos Aires abgesagt. Ist es dennoch ein Film auch über sie geworden?

Das ist auf keinen Fall ein Film über Katharina Wagner. Aber die Dokumentation zeigt und dokumentiert die Situation, in der die Regisseurin Katharina Wagner erkennt, dass sie ihr ursprüngliches, sehr anspruchvolles und sehr radikales Konzept nicht mehr verwirklichen kann und das Projekt aufgibt. Sie wollte den "Ring" nicht linear erzählen, wie es die eingesprungene Regisseurin Valentina Carrasco dann gemacht hat. Katharina Wagner hat die Geschichte viel dramaturgischer verschränkt, mit parallelen Handlungen auf einer sich drehenden Bühne. Als sie am ersten Probetag festgestellt hatte, sie kann es nicht verwirklichen, hat sie die die Konsequenzen gezogen. Der Film erzählt im Prinzip das, was dieser Schritt ausgelöst hat, wie das Ensemble es schafft, das Projekt doch noch auf die Bühne zu bringen – im Wettlauf mit der Zeit.

Halten Sie Katharina Wagners Reaktion für richtig? Heißt es nicht, "in der Kunst kann man nur scheitern, immer besser scheitern"?

Ich hätte mir schon gewünscht, dass sie wenigstens den Versuch macht. Aber gewisserweise war es Konsequent. Das hat natürlich große Verwirrung ausgelöst.

Regisseurin Valentina Carrasco steht bei einer Probe des Kompakt-Rings von Richard Wagner am 13.11.2012 auf der Bühne des Teatro Colon in Buenos Aires. (c) dpa - Bildfunk

Regisseurin Valentina Carrasco

Das einzigartige Projekt ist in der letzten Minute von der argentinischen Regisseurin Valentina Carrasco gerettet worden. In Europa wäre eine solche Rettungsaktion wahrscheinlich kaum möglich gewesen. Könnten die Europäer von den Argentiniern lernen?

Beim allgemeinen menschlichen Umgang oder im Hinblick auf die Zubereitung von Steaks – ganz gewiss. Aber im Hinblick auf die organisatorische und technische Realisierung von modernen Operninszenierungen eher weniger. Es sind zwei völlig unterschiedliche Arbeitswelten, schon bei der Herstellung von Kostümen und Bühnenbild. In Europa liegt der Schwerpunkt auf ganz präzise Vorbereitung. Es geht um Genauigkeit, Pünktlichkeit, Detailarbeit, technisch rationalisierte Arbeitsabläufe. In Lateinamerika unterliegen die Arbeitsprozesse einer viel größeren Spontaneität. Man kann es natürlich auch Kreativität nennen: Man setzt viel auf Improvisation und reagiert lieber spontan. Manchmal eben sehr glücklich.

Sie sind ein erfahrener Fernsehjournalist. Einen Dokumentarfilm haben Sie jetzt zum ersten Mal gemacht. Wie würden Sie den Unterschied in der Herangehensweise ans Material beschreiben?

Ich habe eine Reihe von Musikdokumentationen und Reportagen gemacht. Aber da gab es immer die Steuerungsebene des Kommentars. Diesmal habe ich mir vorgenommen, den Entstehungsprozess einer Inszenierung so authentisch wie möglich zu begleiten.

DW-Regisseur Hans Christoph von Bock hat die Inszenierung des "Ring Colón" durch alle Höhen und Tiefen begleitet. Als Ergebnis ist der Film entstanden, der am 14. April in Berlin uraufgeführt wird.

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