1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wirtschaft

Vom freien Fall in den Sinkflug

Die Finanzkrise schlägt auf die Realwirtschaft durch, die Wirtschaft im freien Fall - bis zur vorsichtigen Entwarnung in der zweiten Jahreshälfte - eine Wirtschaftschronik des Jahres 2009.

Eine Männerhand zeigt mit dem Daumen nach unten (Foto: dpa)

Wirtschaftsminister: Rainer Brüderle (Foto: AP)

Neuer Wirtschaftsminister: Rainer Brüderle

Es ist schon erstaunlich: Jedes Jahr müssen wir neue Begriffe lernen, wenn wir über Wirtschaft reden. Im vergangenen Jahr machten die Begriffe Finanzkrise, Kreditklemme, Rettungsschirm und das Wort Soffin Furore, letzteres steht für den Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung, für den es sogar ein eigenes Gesetz gibt. Aber es gibt nichts, was man nicht noch steigern könnte. Oder hätten Sie gedacht, dass Ihnen im nun zu Ende gehenden Jahr die Begriffe Abwrackprämie, Exit-Strategie, Rettungsübernahmegesetz oder Wachstumsbeschleunigungsgesetz von den Lippen kommen?

Ja ja, es ist schon ein Kreuz mit den neuen Namen und Begriffen. Selten hat es ein Jahr gegeben, in denen sich die Deutschen gleich drei Namen für das Amt des Wirtschaftsministers merken mussten. Der CSU-Politiker Michael Glos hatte im Frühjahr keine Lust mehr und warf am 7. Februar die Brocken hin. Zwei Tage später übernahm sein Parteifreund Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg das Amt - freilich nur bis zur Bundestagswahl am 27. September. Seitdem müssen wir uns den Namen des FDP-Politikers Rainer Brüderle merken. Oder vielleicht auch nicht. Denn Wirtschaftspolitik wird in Deutschland nicht im Wirtschaftsministerium gemacht, sondern vom Finanzminister. Oder gleich von der Kanzlerin.

Der Staat als Feuerwehr

Bundeskanzlerin Angela Merkel (Foto: AP)

Musste öfter Feuerwehr spielen als ihr lieb war: Bundeskanzlerin Angela Merkel

Und die musste erst einmal Feuerwehr spielen. Denn in Deutschland spielten sich erstaunliche Parallelen zu den Vereinigten Staaten von Amerika ab. Dort hätte die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers fast zur Kernschmelze des gesamten Bankensystems geführt. In Deutschland war es der Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate, der das Bankensystem fast zum Kollaps gebracht hätte.

"Wir haben international versprochen, dass keiner mehr eine Bank, die andere mitreißen könnte, insolvent gehen lässt. Und aus diesem Grund muss der Bund die Gestaltungskraft in der Hypo Real Estate bekommen", sagte die Kanzlerin im Frühjahr - und das heißt nichts anderes als Verstaatlichung. Am 3. April stimmt der Bundesrat dem so genannten Rettungsübernahmegesetz zu. Ein absoluter Tabubruch - denn damit kann in Deutschland erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg eine marode Bank zwangsverstaatlicht werden - was bei der Hypo Real Estate auch passiert, nachdem Bund und Banken zuvor fast 110 Milliarden Euro in das Institut gepumpt haben.

Dagegen ist der Deal mit der Commerzbank, Deutschlands zweitgrößtem Geldhaus, vergleichsweise billig. Für zehn Milliarden Euro übernimmt der Staat die Sperrminorität von 25 Prozent plus einer Aktie. Was Ulrich Maurer von den Linken zu einer erstaunlich kapitalistischen Einschätzung veranlasst: "Wenn wir für diese Bank mehr bezahlen als sie im Moment am Markt wert ist - und das hat die Bundesregierung gemacht-, dann gehört sie anschließend auch dem Staat. Und dann wollen wir sinnvollerweise alle Aktien dafür haben." Und Renate Künast von den Grünen ergänzt: "Sperrminorität ist definitiv zu wenig. Für die zehn Milliarden hätte man viel mehr Einfluss nehmen können und müssen."

Wirtschaft im freien Fall

Wissenschaftler bei der Vorstellung des Wirtschaftsgutachtens (Foto: AP)

Das Frühjahrsgutachten war nicht zum Lachen: Minus sechs Prozent

Aber egal - Einfluss nehmen muss die Bundesregierung an allen Ecken und Enden, mehr als ihr lieb ist. Denn die globale Wirtschaftskrise lässt den Welthandel und die weltweite Nachfrage einbrechen - und das trifft eine Exportnation wie Deutschland besonders hart. "Die deutsche Wirtschaft befindet sich im Frühjahr 2009 in der tiefsten Rezession seit der Gründung der Bundesrepublik. Alles in allem wird sich das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2009 voraussichtlich um sechs Prozent verringern", sagt Kai Carstensen vom Münchener Ifo-Institut bei der Vorstellung des Frühjahrsgutachtens der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute. Tatsächlich befand sich die deutsche Wirtschaft im Winterhalbjahr im freien Fall. Die Aufträge im Maschinen- und Anlagebau, Deutschlands Vorzeige- und Exportbranche Nummer Eins, brechen um mehr als die Hälfte ein, die Zahl der Firmenpleiten schnellt um 16 Prozent in die Höhe - auf 34.300, mehr als eine halbe Million Arbeitsplätze werden vernichtet.

Nur für eine Branche wird das Krisenjahr zum Rekordjahr: Die Automobilindustrie verkauft 3,7 Millionen Autos, dank der Umweltprämie zur Verschrottung von Altautos, im Volksmund auch Abwrackprämie genannt. Zwei Millionen Fahrzeuge wurden im Sommer verkauft, weil es für jedes verschrottete Altauto 2 500 Euro Belohnung gab. Fünf Milliarden Euro ließ sich die Bundesregierung dieses Konjunkturprogramm kosten. "Viel rausgeschmissenes Geld der Steuerzahler", meinte Renate Künast von den Grünen. "Fünf Milliarden Euro, nur um so ein paar Parkplätze oder Autohäuser leer zu fegen, und nächstes Jahr stehen wir wieder vorm Desaster."

Nächste Seite: Vom Sinn und Unsinn der Abwrackprämie

Die Redaktion empfiehlt