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Wirtschaft

Volkswagen: Spagat zwischen Dieselgate und Zukunftsauto

Volkswagen kämpft an vielen Fronten: Die Folgen des Dieselskandals kosten Milliarden, die für Investitionen fehlen. Und für die automobile Zukunft muss sich der Konzern neu erfinden. Aus Wolfsburg berichtet Henrik Böhme.

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VW kämpft mit den Folgen der Krise

Frage: Welches Unternehmen hat neuerdings eine Partnerschaft mit der Singularity Universitity in Palo Alto/Kalifornien, einem führenden Think Tank der digitalen Welt? Wer hat digitale Labs in Berlin, San Francisco und München, wer hat "Future Centers" in Potsdam, Peking und Belmont im Silicon Valley? Die Antwort dürfte überraschen: Es ist der Autohersteller Volkswagen. Dessen Konzernchef Matthias Müller, seit Herbst 2015 Nachfolger des im Zuge des Abgasskandals zurückgetretenen Martin Winterkorn, wagte bei der Vorlage der Jahresbilanz einen kleinen Ausblick in die Zukunft.

"Die Zeiten, in denen unsere Branche sich abgeschottet hat, gehören endgültig der Vergangenheit an", sagte Müller. "Berührungsängste, Alleingänge oder die Illusion, alles besser zu wissen und zu können, werden nicht ans Ziel führen." Hört, hört! Das sind tatsächlich neue Töne aus Wolfsburg. Und noch etwas lässt aufhorchen, etwa wenn Müller sagt, die von ihm vorgestellte Jahresprognose sei nicht das "schneller - höher - weiter", das man von Volkswagen kannte. Die Rekordjagd der vergangenen Jahre sei zumindest unterbrochen. Zitat Müller: "Das bekümmert mich nicht im Geringsten." Man verfolge in diesem Jahr eine andere Agenda, "wir justieren unsere Prioritäten neu".

Deutschland Wolfsburg Autostadt VW Logo

Ort der Pressekonferenz: Die VW-Autostadt, eine "Erlebniswelt" neben dem VW-Stammwerk.

Verluste und Rückstellungen

Das ist freilich auch dringend notwendig. Der Konzern hat zum ersten Mal seit 1993 einen Verlust eingefahren. Waren es damals 1,9 Milliarden D-Mark (also rund eine Milliarde Euro), so steht für 2015 ein Minus von 1,6 Milliarden Euro in den Büchern. Nicht, weil der Autobauer zu wenig Autos losgeschlagen hätte, nein: Auch wenn rund zwei Prozent weniger Fahrzeuge verkauft wurden, so ist der Umsatz dennoch um 5,4 Prozent gestiegen. Das sogenannte operative Ergebnis lag sogar bei 12,8 Milliarden, das wäre ein schöner Gewinn gewesen. Aber der Dieselskandal hat sich eben tief eingegraben in die Bilanz: Knapp 17 Milliarden Euro muss der Konzern für Rückrufaktionen und Rechtsstreitigkeiten und Vergleiche zur Seite legen.

Experten wie der Auto-Analyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler gehen davon aus, dass dieses Geld reichen dürfte, auch angesichts der mit 24 Milliarden Euro gut gefüllten Wolfsburger Kasse. Überhaupt glaubt Pieper, dass sich die Lage um VW seit der ersten Einigung in den USA vor genau einer Woche etwas entspannt habe, so Pieper im Gespräch mit der DW. Allerdings tritt Volkswagen vorsichtshalber auf die Bremse: Man werde die Investitionen nicht nur absolut, "sondern auch im Verhältnis zum Umsatz senken", so Finanzvorstand Frank Witter.

Verkauf von Unternehmensteilen?

Und die Umsatzerwartungen für 2016 sind eher negativ: Weil die Konjunktur vor allem in Russland und Südamerika extrem schlecht laufe und natürlich auch, weil sich doch mancher Kunde angesichts des Abgasskandals für eine andere Marke entscheiden könnte, rechnet VW-Chef Müller damit, dass der Konzernumsatz um bis zu fünf Prozent einbrechen könnte. Und auch Verkäufe von Unternehmensteilen schließt Volkswagen nicht aus, sollten sich angesichts von Dieselgate "erhebliche weitere finanzielle Belastungen ergeben", so steht es im Geschäftsbericht. Aber gegenwärtig beschäftige man sich mit dieser Frage nicht, so Müller auf Nachfrage.

Überhaupt war die Fragerunde auf der Pressekonferenz wenig ergiebig. Man merkte den Akteuren auf dem Podium die große Anspannung an - bloß kein falsches Wort, bloß keine falsch gesetzte Nuance: Jeder Fehler kann im Moment Milliarden kosten. Ebenfalls kein Wort zum Stand der Untersuchungen der US-Kanzlei Jones Day, das konnte man erwarten. Zum einen hatte der zuständige kalifornische Richter Charles Breyer vergangene Woche alle Seiten zum Stillschweigen verdonnert, bis die Details der Einigung ausgearbeitet sind. Das muss bis zum 21. Juni geschehen.

Deutschland Wolfsburg Produktion VW Golf VII

Wer wird die Autos von morgen bauen? VW oder Google oder Apple? Oder alle zusammen?

Zum anderen haben die Anwälte von Volkswagen dringend davon abgeraten, sich während der laufenden Verfahren in den USA wegen unvertretbarer Risiken zu äußern. Dennoch erlaubte Konzernchef Müller einen kleinen Blick hinter die Kulissen: Schließlich hatte er am vergangenen Sonntag während der Hannover Messe Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch mit US-Präsident Barack Obama. Dabei habe er sich nochmals für die Machenschaften des VW-Konzerns in den USA entschuldigt und sich für die konstruktive Zusammenarbeit mit den amerikanischen Behörden bedankt.

Wichtiger Monat Juni

Wie aber geht es nun weiter mit der Aufarbeitung des Skandals? Bis zum 21. Juni müssen die Details für die Rückrufaktion und Entschädigungen in den USA vorliegen. Ebenfalls im Juni, vermutlich vor der Hauptversammlung, die am 22. Juni in Hannover geplant ist, will Matthias Müller die neue "Strategie 2025" vorstellen, dessen Prämissen er bereits im vergangenen Dezember vorgestellt hatte: Digitalisierung, Vernetzung, Elektromobilität, Mobilitätsdienste. Ein paar Einblicke gab Müller schon auf der Jahres-Pressekonferenz. Die Elektromobilität soll zum Markenzeichen von Volkswagen werden. Bis 2020 wolle man auf Basis einer komplett eigenen Architektur 20 neue E-Autos auf den Markt bringen. Das alles in Kooperation auch mit Playern aus der Digitalbranche - man wolle und müsse sich öffnen. Namen nannte Müller nicht, bloß soviel: Mit Apple und Google rede man nicht.

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