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Europa

Vogel: "Der Zustand der Boote ist katastrophal"

Als Rettungskoordinator und Kapitän der MS Aquarius hat Klaus Vogel drei Monate lang im Mittelmeer Flüchtlinge aus Seenot gerettet. Der DW gibt er Einblicke in diese hochdramatische Arbeit.

Die MS Aquarius auf dem Mittelmeer, Foto: privat

Die MS Aquarius auf dem Mittelmeer

DW: Herr Vogel, Sie waren mit Ihrem Team vom Januar bis März dieses Jahres im Mittelmeer zwischen Italien und Libyen unterwegs und haben 193 Menschen gerettet. Welche Erfahrungen haben Sie während dieser Zeit gemacht?

Klaus Vogel: Äußerlich laufen die Rettungsaktion sehr ruhig und absehbar ab. Irgendwann sieht man ein Schlauchboot auf See treiben. Es sind riesige Schlauchboote mit bis zu 120 Menschen drauf. Dann setzen wir unser eigenes Rettungsboot aus und fahren mit einem kleinen Team und Rettungswesten dorthin. Die Menschen in diesen Booten haben zu diesem Zeitpunkt meist erkannt, dass sie sich in höchster Lebensgefahr befinden. Die Begegnung mit diesen Menschen in solchen Momenten ist erschütternd. Dann geht es nur noch darum, sie zu retten. Das muss man kontrolliert und koordiniert tun. Auf den Fotos sieht das meist sehr ruhig aus. Aber es geht ja auch darum, die Menschen zu beruhigen. Man muss sehen, dass niemand in Panik gerät und alle heil an Bord kommen. Das ist schon eine große Herausforderung.

Wie ist der physische Zustand dieser Menschen? Wie lange waren sie in der Regel auf dem Meer?

Die Menschen, die wir gerettet haben, waren weniger als einen Tag unterwegs. In einem Fall waren sie nur fünf Stunden unterwegs. Trotzdem waren sie nach dieser Zeit schon so geschwächt, dass ich mir nicht ausmalen möchte, wie es ihnen gegangen wäre, wenn sie 48 Stunden unterwegs gewesen wären. Diese Boote sind ja für den Seetransport überhaupt nicht geeignet. Sie bewegen sich ständig. Sie sind auch undicht. Auf den Boden der Boote sind Platten gelegt worden, die mit Bolzenschrauben befestigt worden sind. Diese Schrauben ragen bis zu zehn Zentimeter aus dem Boden heraus. Außerdem läuft der Brennstoff aus den Kanistern aus und vermischt sich mit Salzwasser. Die Menschen sitzen in dieser Lake, die die Haut angreift. Insgesamt ist der Zustand der Boote katastrophal. Sie halten die Menschen gerade so über Wasser. Und deren Zustand ist schon nach wenigen Stunden schlecht.

Klaus Vogel, Kapitän, Foto: privat

Klaus Vogel auf der Aquarius

Was sagen die Geretteten über die Schleuser, über diejenigen, die sie in diese Boote gesetzt haben?

Es geht nicht nur um die Schleuser. Sondern es geht um die Lage der Menschen in Libyen insgesamt. Die Schleuser sind nur das letzte Glied in einer Kette. Insgesamt sind die Menschen, die wir gerettet haben, in Libyen in unbeschreiblicher Weise behandelt worden.

Was sind das für Leute? Haben Ihnen die Geretteten darüber erzählt?

Die Flüchtlinge nennen diese Leute "businessmen". Faktisch sind das aber Leute, die die Flüchtlinge auf der Straße entführen. Dann bringen sie sie in irgendwelche Lager oder Häuser und erpressen sie. Oft werden die Leute gefoltert und ihre Familien auf diese Weise gezwungen, Geld zu überweisen. Die Flüchtlinge selbst kommen ja nicht mit viel Geld an. Sie rechnen damit, dass sie arbeiten müssen, um sich die Überfahrt zu verdienen. Stattdessen werden aber die Familien erpresst.

Haben Ihnen die Menschen berichtet, wovor sie fliehen?

Wir haben natürlich keine systematischen Erhebungen durchgeführt. Es gibt sehr unterschiedliche Motive. Das kann etwa ein erzwungener Militärdienst sein, bei dem ein junger Mann dazu gezwungen wird, an die Front zu gehen und er davon ausgehen kann, dass er als einer der ersten erschossen wird. Das können Perspektivlosigkeit, Armut, Hunger sein. Insgesamt kommt es uns vor wie bei jenen Menschen, die sich vor 150 Jahren auf den Weg nach Amerika und Australien gemacht haben. Menschen also, die dort, von wo sie kommen, keine Lebensmöglichkeiten mehr sehen.

Wie sehen Sie die Zukunftschancen dieser Menschen in Europa?

Das hängt von der Herkunft und der Geschichte des Einzelnen ab. Man kann nicht sagen, dass jeder der Geretteten eine sehr gute Perspektive hat. Einzelne können sicher in Europa zurechtkommen, wenn sie die nötige Unterstützung bekommen. Für andere wird das schwer werden. Trotzdem besteht natürlich gar keine Frage, dass wir diese Menschen retten müssen.

Herr Vogel, Sie waren für Ihre Rettungsaktionen mehrere Monate unterwegs. Was ist Ihre wichtigste Erfahrung in dieser Zeit?

Der Umstand, dass die Lebensumstände sehr vieler Menschen südlich der Sahara katastrophal sind. Und Libyen, das diese Menschen dann durchqueren müssen, ist für sie wie ein großes Internierungslager. Abgesehen von der Notwendigkeit der Seenotrettung sehe ich es auch als Verpflichtung an, die Menschen in Libyen zu retten. Ich habe keine Vorstellung, wie da vorzugehen ist. Aber wir müssen wissen, dass Libyen für die Flüchtlinge wirklich die Hölle ist.

Sie haben Ihre Aktion der Seenotrettung noch einmal um acht Monate verlängert. Was erwarten Sie für diese Zeit?

Wir rechnen mit vielen Rettungen. Inzwischen arbeiten wir als einzelnes Schiff mit vielen anderen Schiffsbesatzungen, die ebenfalls Menschen retten, in einem Verbund zusammen. Als vor einem Jahr die Operation Mare Nostrum der italienischen Marine zu Ende ging, gab es eine Phase, während der es keine Schiffe vor Ort gab, die hätten retten können. Das hat sich inzwischen geändert. Es gibt Militärschiffe, es gibt auch Schiffe der italienischen Küstenwacht. Insofern sind dort jetzt viele Schiffe unterwegs. Das ist auch notwendig, weil so viele Menschen gleichzeitig kommen. Man muss damit rechnen, dass zehn, 20 Boote an einem Tag gleichzeitig gerettet werden müssen.



Klaus Vogel, Kapitän und promovierter Historiker, hat als Rettungskoordinator auf der MS Aquarius von Januar bis März zwischen Italien und Libyen 193 Menschen aus Seenot gerettet. Der Rettungseinsatz von SOS MEDITERRANEE wird nun für weitere acht Monate verlängert.

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