1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Visueller Rezeptionsentzug

Kunst ist ungewöhnlich. Noch ungewöhnlicher ist die Ausstellung von Adalbert Hoesle in der Bonner Bundeskunsthalle. Er ließ 50 Künstler individuelle Werke erschaffen - doch die sind in der Ausstellung nicht "zu sehen".

default

Künstler Hoesle zeigt auf sein Gesamtkunstwerk

25 Jugendliche stehen im Foyer der Bundeskunsthalle Bonn. Aus der Menge heraus ertönt die Frage eines Mädchens: "Was ist das denn?" Das - damit meint sie die 50, auf Hochglanz polierten und mit 16 Schrauben verschlossenen Edelstahlbehälter. Je zwei Behälter stehen nebeneinander - ein Gesamtwerk von Retrogradist Adalbert Hoesle (45). Noch bis zum 17. Mai 2004 sind die 25 Reihen Edelstahlbehälter zu sehen.

50 Jahre Haager Konvention

Hoesles Projekt "Subduktive Maßnahmen - 1500 Jahre UNESCO Sonderschutz für 50 zeitgenössische Kunstwerke" ist seine neueste Arbeit im Rahmen des Haager Jubiläums. Zu Beginn der Bonner Ausstellung, am 14. Mai 2004, jährt sich der 50. Jahrestag der Unterzeichnung der Haager Konvention. Unter der Federführung der UNESCO verpflichteten sich 1954 in Den Haag 56 Staaten zum Schutz und zur Sicherung von Kunstwerken und Archivalien. Mittlerweile sind es schon über 90 Staaten.

Die Konvention besagt, bereits in Friedenszeiten Maßnahmen zu schaffen um unwiederbringliches Kulturgut im Falle eines bewaffneten Konflikts vor Schaden und Verlust zu bewahren. Aus diesem Grund lässt die Bundesrepublik Deutschland seit 1961 bedeutende historische und kulturgeschichtliche Quellen auf Mirofilm speichern und auf Dauer sichern. Eingelagert im Zentralen Bergungsort der Bundesrepublik (ZBO), im Oberrieder Barbara-Stollen (Schwarzwald), befinden sich über 1400 Mikrofilme.

Aufmerksamkeit durch Kunst

Adalbert Hoesle, Porträt

Hoesle freut sich über die gelungene Ausstellung

Mit der Kunstaktion macht Adalbert Hoesle auf die im Breisgau eingelagerten wertvollen, deutschen Kulturgüter aufmerksam. Hoesles eingelagerte Werke sind einzigartig: Durch die "Verschluckung" seiner Werke in Edelstahlbehältern werden sie zum einem deutsches Kulturgut und stehen zum anderen unter dem Schutz der UNESCO. "Das gibt es nur einmal auf der Welt", sagt der Künstler stolz.

Nach der Ausstellung folgt die entgültige Versiegelung und Klimatisierung der Behälter in München. Am 21. Juli 2004 werden sie dann in einer öffentlichen Feierstunde in den Barbara-Stollen eingebracht. Über 1500 Jahre sollen die Werke nicht zu sehen sein. Erst nach dieser Zeit ist das Projekt gelungen. Projektträger des einzigartigen Gesamtkunstwerks ist das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe - bisher bekannt unter dem Namen Bundesverwaltungsamt, Zentralstelle für Zivilschutz.

50 dunkle, geschlossene Museumsräume

Jedes der 50 Werke repräsentiert die Arbeit eines zeitgenössischen deutschen Künstlers. "Jeder der 50 Künstler erschuf ein individuelles Kunstwerk." Bei der Künstlerauswahl bewährten sich seine Kontakte und die seiner Mitarbeiterinnen.

Hoesles Team besteht aus drei Kunstliebhabern: Er selbst (Retrogradist), Heike Dander (Kuratorin) und Barbara Frieß (Künstlerin). In der ersten Kontaktaufnahme mit den Künstlern, stellte Hoesle sein Projekt vor und übermittelte Informationen über Ort und Konservierung der Werke. Anfang Januar begann die Arbeit - die Künstler kreierten ihren Beitrag. "Es gab keine Vorgaben für Materialien, nur eine Bedingung: Die Größe 30 x 60 Zentimeter muss eingehalten werden." Mehr Volumen besitzen die Behälter nicht.

Während einem Besuch bei dem jeweiligen Künstler sah das Team die Werke zum ersten und einzigen Mal. Jeder Künstler setzte sein Werk in den Stahlbehälter und verschloss ihn. Frieß dokumentiere den Vorgang. Zusammen mit den Stahlbehältern, den "50 dunklen, geschlossenen Museumsräumen", wie Hoesle sie bezeichnet, ist der sieben Minuten lange Beitrag in der Bundeskunsthalle zu sehen.

Beschriftung erzielt Vorstellungen

Dem Museumsbesucher bleibt der Blick auf die wertvollen Kunstwerke jedoch verwehrt. Lediglich die eingestanzten Behälternummern ergeben zusammen mit dem ausliegenden Register eine Vorstellung über den Inhalt. Zu jedem Behälter fügten die Macher Titel und eine kurze Be- oder Umschreibung bei. Filmregisseur und Künstler Christoph Schlingensief betitelte sein Werk mit den Worten: "Holzstück mit Schlitz aus Baum 6 des Ersten Internationalen Pfahlsitzwettbewerbes der Church Of Fear, Kunstbienneale Venedig, 11.-20.06.2003"

Durch den "visuellen Rezeptionsentzug" - kein Publikum der nächsten 1500 Jahre wird die Werke sehen - bekommen die Projektbeiträge eine hohe immaterielle Präsenz. Schon allein durch die viertägige Ausstellung werden die Behälter zu Kunst: "Alles, was an einem Kunstort steht, ist auch Kunst", urteilt Adalbert Hoesle.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links