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Politik

Vietnamesische Zweiklassengesellschaft in Deutschland

Die einen haben sich bescheidene Existenzen aufgebaut, die anderen riskieren ihr Leben bei der Flucht vor der Polizei. Für die Vietnamesen in Deutschland gilt: wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

Porträt junger Vietnamesen in Hanoi Foto: Archiv

Viele junge Vietnamesen blicken hoffnungsvoll nach Europa

Im Berliner Stadtteil Marzahn ist jeden Tag eine Art vietnamesische Zweiklassengesellschaft zu besichtigen. Da sind die Händler in ihren Imbissbuden, Blumengeschäften und Textil-Ständen. Es sind meist frühere Vertragsarbeiter aus DDR-Zeiten, die sich mittels gnadenloser Selbstausbeutung über Jahre einen sicheren Aufenthalt und eine bescheidene Existenz in Deutschland erkämpft haben. Das Auftauchen eines Polizeiautos registrieren sie eher erfreut: Kundschaft, man kennt sich. Anders bei den vietnamesischen Zigaretten-Verkäufern am Rande der Parkplätze: Uniformierte lösen Panik und lebensgefährlicher Fluchten über Straßen und S-Bahn-Gleise aus.

Geldnot und Arbeitsverbot

Die Schwarzhändler gehören meist zu einer neuen Generation von Zuwanderern ohne Zukunft in Deutschland, sagt Tamara Hentschel vom Marzahner Vietnam-Hilfsverein "Reistrommel". Nach der Öffnung von Vietnam, aber auch nach dem Wegfall des Eisernen Vorhangs seien viele Vietnamesen, die noch nie im Ausland waren, nach Europa gekommen. "Wir würden es begrüßen, wenn die Leute zu Hause bleiben, sich gar nicht erst auf solche abenteuerlichen Wege begeben müssten, die zum Teil sehr gefährlich sind und die Leute verschulden und auch kaputt machen."

Junge Vietnamesen in Berlin bieten eine Stange geschmuggelter Zigaretten der Marke West an (AP Photo / Jockel Finck)

Der Schwarzhandel mit Zigaretten führt oft in Abschiebehaft

Angelockt von Versprechungen der Schleuserbanden, haben die Vietnamesen viel Geld in die Reise nach Deutschland investiert, um hier einen - meist aussichtslosen - Asylantrag zu stellen. Geldnot und Arbeitsverbot treiben sie bald in illegale Geschäfte wie den Zigarettenschmuggel, bis sie sich in Abschiebehaft wiederfinden. Trotzdem wächst die Zahl der Ankömmlinge aus Fernost, nicht nur in Deutschland auch in den Nachbarländern Polen und Tschechien.

Charterflug samt Polizeieskorte

Die Europäische Grenzschutzagentur FRONTEX finanziert deshalb neuerdings die gemeinsame Abschiebung von Vietnamesen aus Deutschland und Polen. Während die Rücktransporte von Vietnamesen in kleinen Gruppen via Frankfurt am Main zum Alltag gehören, wurden am frühen Montagabend (08.06.) erstmals wieder mehr als 100 Vietnamesen vom Flughafen Berlin-Schönefeld in ihre Heimat abgeschoben.

Die 104 Frauen und Männer sowie ein Kind wurden mit einem von FRONTEX gecharterten Airbus 332 der „Air Berlin“ nach Hanoi ausgeflogen. Sie kamen aus zwölf Bundesländern sowie aus Polen. Begleitet wurden sie von rund 50 Bundespolizisten, Sanitätern und Ärzten. Nach Angaben der Bundespolizei war es die erste Massenabschiebung seit Mitte der 90er Jahre. Sie fand unter strengen Sicherheitsvorkehrungen statt, denn Linke Gruppen und Flüchtlingsinitiativen hatten Proteste organisiert.

Der Berliner Flüchtlingsrat zitiert einen Bericht von Amnesty International über "weitverbreitete Folter, politische Haft und Todesstrafe in Vietnam". Auch der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Günter Nooke (CDU), hält die Menschenrechtssituation in Vietnam für "sicherlich völlig unbefriedigend, bezogen auf politische Mitwirkungsrechte und elementare Freiheitsrechte". Menschen, die mit Verfolgung oder Haft in Vietnam zu rechnen hätten, sollten auch nicht abgeschoben werden, sagt Nooke.

Anerkennungsquote tendiert gegen Null

Allerdings sind unter den Flüchtlingen, die in den letzten Jahren nach Deutschland gelangen, nur ganz wenige, die - wenigstens nach Ansicht deutscher Behörden und Gerichte - politische Repressalien fürchten müssen. Auch der Berliner Integrationsbeauftragte Volker Piening führt an, dass Vietnamesen - nach Irakern und Türken - zwar mittlerweile die drittgrößte Gruppe von Asylbewerbern sind, die Anerkennungsquote in Deutschland allerdings "bewegt sich gegen Null". Deshalb sei in den letzten Monaten auch der Anteil der Vietnamesen an den Abschiebungen vergleichsweise hoch gewesen. 2008 stellten fast 1300 Vietnamesen einen Asylantrag, die Anerkennungsquote lag bei 0,1 Prozent, das heißt 99,9 Prozent müssen mit Abschiebung rechnen, wenn keine humanitären Gründe, wie zum Beispiel schwere Krankheit, dagegen sprechen.

Etablierte Musterschüler

Junge Vietnamesen werden 1979 in ihre Arbeit im VEB Plattenwerk Meißen eingewiesen, wo sie Baustoffe herstellen (Foto: dpa/Ulrich Hässler )

Vietnamesische Vertragsarbeiter 1979 im VEB Plattenwerk Meißen. Manche schafften den Sprung in die Marktwirtschaft

Etwa 85.000 Vietnamesen leben derzeit legal in Deutschland, die Zahl der Illegalen ist unbekannt. Anders als die Ankömmlinge der jüngsten Flüchtlingswelle haben es viele Vietnamesen in den 70er und 80er Jahren geschafft, sich in Deutschland zu etablieren. Sie kamen als "Boat-People" nach Westdeutschland oder als Vertragsarbeiter in die DDR. Die Kinder dieser vietnamesischen Einwanderer gelten heute in Deutschland - ebenso wie beispielsweise in den USA - als besonders strebsam. Über die Hälfte der vietnamesischen Schüler schaffen den Sprung ans Gymnasium, weitaus mehr als bei anderen Einwanderergruppen und sogar mehr als bei ihren deutschen Altersgenossen.

Autor: Bernd Gräßler

Redaktion: Dеnnis Stutе

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