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Kultur

Vietnamesische Kultur im Wandel

Seit knapp 20 Jahren vollzieht sich in Vietnam ein rasanter Wandel. "Doi moi" heißt das Zauberwort - die vietnamesische Variante der sowjetischen Perestroika. Und die hat jetzt auch die Kulturszene erreicht.

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Vietnam boomt - 30 Jahre nach dem Krieg

Gab es früher ausschließlich vom Staat bezahlte Künstler, die das Lob der Partei auf die Leinwand pinselten, arbeitet inzwischen eine junge Künstlergeneration auf eigene Rechnung und in eigener Sache. Einige von ihnen haben bereits Erfahrungen im westlichen Ausland gesammelt oder pflegen Kontakte zu internationalen Künstlern im eigenen Land. Ihre Arbeiten können - mit Einschränkungen - auch kritische Themen aufgreifen.

Dennoch: Die kulturelle Öffnung Vietnams hat Grenzen. Jede einzelne Ausstellung muss genehmigt werden, die Zensur existiert nach wie vor. Schärfer als die bildenden Künstler bekommen das Journalisten oder Schriftsteller zu spüren. Wer etwa im Internet kritische Artikel veröffentlicht, muss mit extremen Haftstrafen rechnen. Doch Protest gegen diesen Staatsterror bleibt aus.

Atemberaubendes Wirtschaftswunder

Die Gründe dafür sind vielfältig. Zu ihnen gehört sicherlich auch ein atemberaubendes Wirtschaftswunder: Die Supermärkte sind satt gefüllt, die meisten Menschen können sich ein Moped, manche gar ein Auto leisten - Veränderungen, auf die auch Künstler und Intellektuelle stolz sind. Das spielt der Regierung in die Hände - und so ist zur Zeit noch fraglich, wie weit die begonnene Öffnung wirklich geht. "Feindliche Einflüsse aus dem Ausland" - so hat die Regierung gerade erst wieder klargestellt - sind jedenfalls zu bekämpfen.

Vietnam 30 Jahre nach dem Krieg Nike

Vietnam erlebt sein Wirtschaftswunder

Dennoch: Mit der wirtschaftlichen Öffnung hat sich auch die Kulturszene verändert. Gerade die Künstler sind - stärker noch als viele andere Menschen - gierig nach dem Austausch mit dem Ausland, so wie der junge Maler Minh Thanh. Er hat schon Arbeiten im Ausland gezeigt, im Berliner Haus der Kulturen der Welt zum Beispiel und im Ludwig Forum Aachen, einer Top-Adresse für zeitgenössische Kunst. Minh Thanh ist Mitte 30 und zählt zur ersten Generation von Künstlern, die die Chance hatten, unabhängig vom Staatsdienst zu arbeiten.

Vorher war Kunst in Vietnam Auftragskunst zum Lob der Politik, die Künstler bekamen Gehälter vom Staat. Minh Thanh hat immer auf eigene Rechnung gearbeitet - und das mit Erfolg. Doch die Arbeiten von Minh Thanh sind in Vietnam noch umstritten. Gerade ältere Leute können nicht viel anfangen mit seiner Kunst, geschweige denn mit experimentellen, westlich geprägten Arbeiten mancher Künstler-Kollegen.

Goethe-Institut als zensurfreier Raum

Kontinuierliche Zusammenarbeit zwischen vietnamesischen und deutschen Kulturschaffenden betreibt seit 1997 das Goethe-Institut. Vor allem kommen junge Menschen ins Institut, um Deutsch zu lernen, fast alle träumen von einem Studium in Deutschland. Aber das Goethe-Institut ist weit mehr als ein Ort zur Sprachvermittlung - ein bisschen pathetisch könnte man es eine Oase der Kunstfreiheit nennen. Denn das Auswärtige Amt hat im Kulturabkommen mit Vietnam ausgehandelt, dass die Veranstaltungen in den Räumen des Institutes nicht von der Zensur genehmigt werden müssen.

Diese Freiheit gilt übrigens für alle Goethe-Institute weltweit. Aber nicht überall ist das so wichtig wie in Hanoi, denn hier ermöglicht "Goethe" Lesungen, Filmabende oder Ausstellungen, die es sonst nicht gäbe. Daneben gibt es in Hanoi kaum eine Handvoll Ausstellungsorte, die engagierte junge Kunst zeigen. Das hat nicht nur politische, sondern auch finanzielle Gründe. Denn wer will schon Geld für Avantgarde-Kunst hinlegen - in einem Land, dessen Wirtschaft zwar boomt, in dem aber das jährliche Pro-Kopf-Einkommen gerade mal bei 440 Dollar liegt. Dennoch: zwei, drei Galerien trauen sich das Wagnis zu.

Moderne Kunst in Vietnam leidet unter Zensur

Moderne Kunst in Vietnam leidet unter Zensur

80 Prozent ihrer Kunden sind Ausländer, die meisten Geschäftsleute und Touristen, oft aus westlichen Ländern. Doch das ganz große Geschäft auf dem internationalen Kunstmarkt geht noch an Vietnam vorbei. Denn der Blick der einflussreichsten Kuratoren richtet sich immer auf das Innovative, nie Gesehene. Dafür aber ist Vietnam bislang nicht der richtige Ort. Ein Grund dafür: das Selbstverständnis der Künstler. Das ist hier - wie anderswo in Asien auch - das genaue Gegenteil von westlichem Individualismus und Geniekult. Die staatliche Zensur tut das ihrige, um allzu eigene Kunstentfaltung zu verhindern.

Zwischen Repression und Öffnung

Das ist für die Künstler oft genug ärgerlich, hinderlich, misslich. Aber ein öffentliches Aufbegehren gibt es kaum. Autoritäten werden hier selten in Frage gestellt, eine nennenswerte Dissidenten-Szene fehlt. Das ist vielleicht kein Wunder, denn vor allem für kritische Autoren und Journalisten gibt es immer wieder drakonische Haftstrafen. Das zeigt sich etwa an dem Fall Vu Binh: Der Journalist hatte einen regimekritischen Artikel im Internet veröffentlicht und wurde Ende 2003 zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Amnesty International protestierte.

Gegenwärtig pendelt die Kulturpolitik zwischen Repression und Öffnung hin und her. Aus diesen Widersprüchen wird zur Zeit niemand schlau. Eines aber ist klar: Das Land erlebt einen dramatischen Wandel. Allein das ökonomische Wachstum von etwa acht Prozent vollzieht sich in einem Höllentempo. Ist es da erstaunlich, dass viele Menschen erst einmal andere Fragen stellen als die nach der Freiheit der Kunst? Ist diese Frage nicht aus Sicht westlichen Wohlstands gestellt? Und hat sie nicht auch etwas von puristischer Arroganz? Und so flitzen die meisten Vietnamesen auf ihren Mopeds durch Hanoi und sind froh, dass sie am Konsum teilhaben. Wer will es ihnen verdenken. Die Freiheit, sie mag später kommen.

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