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Asien

Vietnam testet Energiepflanzen

Vietnam ringt um seine Energie- und Klimapolitik. Die Regierung will bis 2030 mehr als 30 neue Kohlekraftwerksblöcke bauen. Doch langsam werden in dem Land die Möglichkeiten von Biomasse, Sonne und Wind erkannt.

Die Energiewende beginnt manchmal an unerwarteten Orten – etwa in der weltweit größten Wolfram-Mine in der Provinz Thai Nguyen im Norden Vietnams (Artikelfoto). Staubig ist es. Auf dem Minengelände fahren schwere Lkw hin und her. Doch auf einem Hektar Abraumhalde grünt es. Sebastian Weiland bahnt sich dort einen Weg durch zweieinhalb Meter hohes Futtergras, eine spezielle vietnamesische Züchtung.  Seit 2016 wachsen dort auch Akazien, Cassava oder Zuckerhirse. Eine Idylle. Vögel zwitschern.

Abraumhalde mit Futtergras, welches der Landwirt abtransportiert (Ralph Heinrich Ahrens)

Die Abraumhalde als Anbaufläche für Futtergras, welches der Landwirt hier abtransportiert, und für verschiedene Energiepflanzen

"Wir testen, welche Pflanzen auf dieser Brachfläche gut wachsen", sagt Weiland. Der Fachmann des Unabhängigen Instituts für Umweltfragen (UfU) aus Berlin ist nicht allein. Landwirte aus der Umgebung pflegen das Versuchsfeld und ernten das Futtergras für ihre Tiere. Die Biomasse der anderen Pflanzen soll energetisch genutzt werden. Der Anbau für die Lebensmittelherstellung verbiete sich: Die Flächen solcher Bergbau- und Kohleabbaugebiete sind vielfach schwermetallbelastet. Einer inakzeptablen Belastung von Futtergras und Biomasse wird mit verschiedenen Maßnahmen entgegengewirkt: Durch Kalkung des Bodens, durch Filter in Biomassekraftwerken und größeren Biogasanlagen, sowie durch die Nutzung von Pflanzen mit geringerer Aufnahmefähigkeit für Schadstoffe.

Ein zweites Versuchsfeld betreut das Berliner Institut inmitten eines Steinkohletagebaus nah der bei Touristen beliebten Ha Long-Bucht. Akazien wachsen dort. Das dritte Feld liegt im Süden in einer Bauxitmine. "Hier sind die klimatischen Bedingungen am besten", so Weiland. Während Landwirte um die Wolfram-Mine Futtergras viermal im Jahr ernten, gelingt dies dort siebenmal.

Biomasse als Baustein der Energiewende

Nutzt das Land mehr Biomasse energetisch, wäre dies ein Baustein für eine Energiewende: Holz schnell wachsender Akazien lässt sich in Biomassekraftwerken verbrennen, um den Kohlebedarf zu senken. Aus stärkehaltigen Knollen der Cassava oder zuckerhaltigen Halmen der Zuckerhirse kann Bioethanol hergestellt werden, um Benzin beigemischt zu werden. Aus dem Dung der Kühe und Schweine, die mit Futtergras gefüttert werden, kann Biogas gewonnen werden.

Touristenort Hoi An in Zentralvietnam, wo der steigende Meeresspiegel Urlaubshäuser unterspült hat (Ralph Heinrich Ahrens)

Klimawandel vor der Haustür: Touristenort Hoi An in Zentralvietnam, wo der steigende Meeresspiegel Urlaubshäuser unterspült hat

Vor allem mehr Bioethanol wird benötigt. Tankstellen sollen von 2018 an nur noch E5-Kraftstoff verkaufen – also Benzin, dem fünf Prozent des Alkohols zugemischt wurde. Dies verkündete die stellvertretende Premierministerin Trinh Dinh Dung im Mai. Dieser Zeitplan sei zwar kaum einzuhalten, meint Weiland. Doch in zwei bis drei Jahren könnte E5-Kraftstoff Standard sein: Die Regierung will ihn niedrig besteuern und den Anbau stärke- und zuckerhaltiger Pflanzen ausweiten. "Auch auf nicht genutzten Brachflächen", hofft Weiland.

Kohle immer noch König

Mehr Biomasse zu nutzen, macht Vietnam nicht sofort klimafreundlich. Das Gegenteil droht sogar: Die Einheitsregierung setzt auf mehr Steinkohle. Zurzeit decken 27 Kohlekraftwerksblöcke an 19 Standorten gut ein Drittel des Strombedarfs. Bis 2030 sollen mehr als 30 neue gebaut und nur ein alter stillgelegt werden. Diese dann über 65 Blöcke an über 35 Standorten würden mehr als die Hälfte des Bedarfs decken. Die Regierung will so den Energiehunger stillen: Der Energiebedarf soll sich bis 2030 bei einem Wirtschaftswachstum von jährlich sieben Prozent mehr als verdreifachen. All dies steht im aktuellen "7. Zehnjahres-Energie-Entwicklungsplan."

Der Hang der Regierung zur Steinkohle hat einen Grund. Sie wird meist im Tagebau abgebaut. "Kohle erscheint daher auf den ersten Blick billig", erklärt Nguy Thi Khanh, Geschäftsführerin des  "Green Innovation and Development Centre" (GreenID) mit Sitz in Hanoi. Sie gründete GreenID 2011, um mit wissenschaftlichem Sachverstand dazu beizutragen, das Land nachhaltig zu gestalten.

Vietnam Klimapolitik (GreenID)

Vietnamesische Umweltaktivistin Nguy Thi Khan sieht Zeichen für Abkehr von der Fokussierung auf Kohle

Allmähliches Umdenken

Und Khanh ist zuversichtlich, dass letztlich weniger Kohlekraftwerke als jetzt noch geplant gebaut werden. Sie sieht viele Anzeichen für ein Umdenken. Etwa in Teilen der Wirtschaft: Im Mekongdelta fürchten Garnelenzüchter um die Wasserqualität des Flusses. Viele in der Tourismusbranche sind skeptisch, da Urlaubsgebiete unattraktiver werden. So würden Touristen, die mit Auto oder Bus zur Ha Long- oder Baitulong-Bucht fahren, dann noch mehr Kohlekraftwerke als heute sehen.

Auch hochrangige Politiker äußern sich inzwischen zurückhaltend: Ministerpräsident Nguyen Xuan Phuc will den Bau von Kohlekraftwerken im Mekong-Delta begrenzen. Für Industrieminister Nguyen Chi Dung muss der neue Energieentwicklungsplan nachhaltiger sein. Und Regierungsvertreter verkündeten 2016 auf der Klimakonferenz in Marokko, das Land wolle bis 2050 klimaneutral sein.

Vietnam zählt zu den Ländern, die besonders stark vom Klimawandel betroffen sind. Ein Beispiel: An der Küste in Hoi An in Zentralvietnam verschiebt sich die Küstenlinie mit jeder Sturmsaison, das Meerwasser unterspült bereits Hotelanlagen, die aufgegeben werden mussten.

Nguy Thi Khanh hält es daher für möglich, dass die Regierung im nächsten Zehnjahres-Energieentwicklungsplan, der 2020 bekanntgegeben wird, erneuerbaren Energiequellen wie der Biomasse eine stärkere Bedeutung beimessen wird. Mit anderen Worten: Die Diskussion um Vietnams Energie- und Klimapolitik hat begonnen.

Akazien auf der Abraumhalde der Wolfram-Mine in Nordvietnam (Ralph Heinrich Ahrens)

Es grünt so grün - Akazien auf der Abraumhalde der Wolfram-Mine in Nordvietnam

"Grüne Mine" mit Vorteilen für alle

Zurück zur Wolframmine: Die grüne Abraumhalde bringt nur Vorteile. Craig Bradshaw, Geschäftsführer des Minenbetreibers Masan, ist begeistert: "Trotz der starken Regenfälle im August gab es auf dem begrünten Hektar der Halde keine Erosion." Das Unternehmen hat das Futtergras sogar an anderen Plätzen in der Mine angepflanzt. Auch Landwirte profitieren: Sie dürfen das Futtergras mitnehmen, verfüttern oder als Setzlinge verwenden, um selber Futtergras anzubauen. Und der Landwirt Vu Van Binh nutzt bereits den Dung seiner Tiere, um Biogas herzustellen, mit dem er kocht.

 

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