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Deutschland

Viele Arme im reichen Deutschland

In Deutschland gibt es mehr Arme als in Tschechien. Das zeigen Zahlen einer aktuellen Studie. Doch was bedeutet Armut und was sind ihre Konsequenzen?

Fast jeder Fünfte in Deutschland ist arm oder von sozialer Ausgrenzung betroffen. So lautet eines der Ergebnisse der Erhebung "Leben in Europa 2011", die das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Dienstag (23.10.2012) veröffentlicht hat. Danach stieg der Anteil der Betroffenen in Deutschland von 19,7 im Jahr 2010 auf 19,9 Prozent im vergangenen Jahr. Das entspricht rund 16 Millionen Menschen. Schockierende Zahlen für eines der reichsten Länder Europas.

Zahlen-Wirrwarr

Ulrich Schneider vom Paritätischen Gesamtverband (Foto: DW)

Ulrich Schneider, Paritätischer Gesamtverband

Zustande kommt der hohe Wert, weil Armut nach einer speziellen Formel berechnet wird, erklärt Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfartsverbandes Deutschland. "Das ist eine völlig krause und die Zahlen teilweise künstlich aufblähende Statistik", so Schneider im Gespräch mit der Deutschen Welle. "Wir müssen aufpassen, dass wir mit den Zahlen, die wir erheben, auch noch das Alltagsempfinden der Menschen treffen. Wenn man tatsächlich in die Welt setzt, 20 Prozent der Menschen in Deutschland sind ausgegrenzt, dann wird jeder sagen, das stimmt doch überhaupt nicht mit meiner Lebenswirklichkeit überein."

In der Summe der Armen und der von Armut Bedrohten werde gemischt, was nicht zusammengehöre. Man zähle nicht nur die Einkommensarmen, sondern auch die, die durchaus über genügend Einkommen verfügen, aber wenig gearbeitet haben, beispielsweise Studenten. "Dann addiert man alles und kommt auf diese wahnsinnig hohen Zahlen." Durch Studenten, die mit ihrem Einkommen oft unter 60 Prozent des Bundesdurchschnitts liegen, steigt besonders die Armutsquote der 18- bis 25-Jährigen.

Soziale Ausgrenzung

Vier Zwei-Euro-Münzen liegen in einer Hand. Symboldbild Armut. (Foto: dpa)

Mit Hartz IV ist weder Kultur noch Bildung möglich

Dennoch sei der Zustand dramatisch, insbesondere bei den Empfängern von "Hartz IV", dem vom Staat gezahlten Arbeitslosengeld II, das die frühere Sozialhilfe ersetzt hat. Nach Schneiders Einschätzung ist es für Hartz IV-Bezieher unmöglich, mit ihrem Geld angemessen über den Monat zu kommen. Alleinstehende bekommen derzeit 374 Euro plus Kosten für Wohnung und Heizung, eine vierköpfige Familie rund 1.100 bis 1.200 Euro. "Bei diesen Einkommenssätzen wissen wir, dass gerade die Familien in den Großstädten keine Chance haben, ihren Kindern eine vernünftige Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu bieten." Außerdem wüssten die Armutsforscher: Wer Hartz IV bezieht, komme da kaum noch raus. "Das heißt, hier ist Perspektivlosigkeit angezeigt, hier ist Langzeitarbeitslosigkeit angezeigt, hier muss man wirklich und eindeutig von Armut sprechen." Das trifft auf etwa fünf Prozent der Menschen in Deutschland zu.

Dramatische Zahlen schaden nicht

Der Kölner Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge (Foto: DW)

Armut bedeutet, nicht dabei zu sein, sagt Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge

Der Politologe Christoph Butterwegge von der Uni Köln bewertet die Wirkung der jetzt vorgestellten Armutsstudie ausgesprochen positiv. Der Armutsforscher sieht ihren Vorteil vor allem darin, dass nicht nur auf das Geld geschaut werde, sondern auf das, was aus der materiellen Unterversorgung folgt. "Hier wird gezeigt, wie Menschen leben, die von Armut betroffen sind. Dass das bedeutet, sozial ausgegrenzt zu sein, nicht mithalten zu können, im Extremfall nicht genug zu essen zu bekommen oder die Wohnung nicht heizen zu können, aber auch nicht Urlaub machen zu können wie andere." Durch die drastischen Zahlen werde klar, dass es sich nicht mehr um ein Randproblem handelt, sondern viele betrifft, sogar die gut Ausgebildeten. "Ich würde die Studierenden durchaus dazu rechnen, weil immer mehr Menschen mit einem Studienkredit studieren und am Ende ihres Studiums mit hohen Schulden dastehen."

Junge im Innenhof eines Plattenbau-Wohngebiets in Frankfurt Foto: Patrick Pleul dpa/lby

Arme Kinder haben wenig Aufstiegschancen

Armut verhindert Zukunft

Ulrich Schneider vom Paritätischen Gesamtverband betont, dass längst nicht mehr nur Arbeitslose von Armut betroffen sind, sondern auch jene, die zwar einen Job haben, aber so wenig verdienen, dass der Staat regelmäßig Geld zuschießen muss, damit sie Lebensmittel, Miete und Heizung bezahlen können. Die Auswirkungen des geringen Einkommens seien augenfällig, erläutert er: "Kindern im Hochsommer pro Woche eine Kugel Eis zu kaufen, ist wirklich nicht übertrieben und kein Luxus. Das ist bei Hartz IV-Empfängern in der Regel nicht drin." Ebenso wenig sei es den meisten von ihnen möglich, Weihnachtsgeschenke zu machen. Außerdem würden die Armen in Armut gehalten, denn wenn Schulen Exkursionen oder Ausflüge machten, seien die Kinder von Hartz IV-Empfängern davon meist ausgeschlossen. Schneider gibt ein Beispiel: "Wenn die Klasse ins Theater geht und eine Karte zehn Euro kostet, dann ist es für diese Familien unmöglich, das zu bezahlen, und dann heißt es immer, die Kinder sind krank oder die Oma ist gerade zu Besuch." Ebenso sei Nachhilfe für die Kinder der Einkommensschwachen unerschwinglich.

Deutschland ist europäisches Schlusslicht

Obwohl es anderen europäischen Ländern wirtschaftlich weit schlechter geht als Deutschland, gibt es hier besonders viel Arme. Zwar seien die Zahlen wegen der dramatischen Veränderung vor allem in Spanien, Griechenland, Portugal und Irland derzeit wenig verlässlich. Aber selbst wenn man dies einrechne, sei das Fazit klar, kritisiert Ulrich Schneider: "Deutschland ist ja relativ gut durch die Krise gekommen. Aber bei allen direkten Vergleichsfällen in Europa schneidet Deutschland immer schlechter ab. Selbst Tschechien liegt nach dieser Armutsstatistik noch gut vor uns."

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