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Kultur

Verlierer sind die Kinder

Vor genau 19 Jahren wurde die UN-Kinderrechtskonvention verabschiedet. Doch noch immer leiden Kinder in vielen Regionen unter Hunger und Gewalt, wie in Karamoja in Uganda – dem "schlimmsten Ort, um dort Kind zu sein".

Ein kleiner Junge spielt mit einer Metallschüssel (Quelle: dpa)

Auf internationale Hilfslieferungen angewiesen, um den Bauch zu füllen: Kind in Uganda.

Die jugendlichen Mitglieder einer Theatergruppe in Uganda proben ihre selbst komponierten Lieder. Die Heranwachsenden singen von Armut, Hunger, gewaltsamen Kämpfen - und von ihrer Hoffung, all das Leid eines Tages hinter sich lassen zu können. Fast alle jungen Schauspieler haben das, wovon sie hier singen, selbst erlebt. Sie leben in Karamoja, einer von der Weltöffentlichkeit fast vergessenen Krisenregion in Uganda, an der Grenze zu Kenia und Sudan. Unter den Nomadenstämmen ist Viehraub verbreitet und seit den siebziger Jahren auch Waffenhandel; Hungersnöte und gewaltsame Konflikte zwischen verfeindeten Clans nehmen zu.

Jenseits aller Katastrophenwerte

Eine Gruppe von ugandischen Frauen und Kindern (Quelle: dpa)

Wegen Missernten wird es in Uganda immer schwerer, sich von regionalen Produkten zu ernähren.

Die Gesundheitsindikatoren in Karamoja - das heißt zum Beispiel Kindersterblichkeit, Müttersterblichkeit, Lebenserwartung - bezeichnet selbst der ugandische Gesundheitsminister Stephen Malinga als "jenseits aller Katastrophen-Werte". Besonders betroffen sind die Jüngsten: Nach Angaben der UN sterben pro Woche bis zu hundert Kinder unter fünf Jahren an den direkten oder indirekten Folgen der Katastrophe.

Zwei Drittel der Karamajong, wie sich die Bewohner von Karamoja nennen, sind inzwischen auf Nahrungsmittellieferungen angewiesen. Davon berichtet auch Timothy Sagal, der eine kleine Nichtregierungsorganisation in Lotome leitet, einem Ort mitten in der abgelegenen Region: "Die Nahrungsmittelkrise in Karamoja ist momentan so dramatisch wie nie zuvor. Die letzte Ernte war ein absolutes Desaster und viele Menschen sind nach Kampala oder in andere Städte in der Region geflohen und gehen betteln."

Verfeindete Clans an einen Tisch bringen

Die Organisation von Timothy Sagal unterstützt Projekte wie die Jugend-Theatergruppe und setzt sich dafür ein, die eskalierenden Stammeskonflikte beizulegen. Sie bringen zum Beispiel die Führer verfeindeter Clans an einen Tisch, um gemeinsam den Bau von Bewässerungsdämmen zu planen. Momentan ist der 33-jährige Karamajong in Deutschland unterwegs: "Ich muss die Situation, in der sich Karamoja momentan befindet, bekannter machen." Da er selbst ein Karamajong sei, hätte er das dringende Bedürfnis, nach Europa zu kommen und die Menschen hier auf die Probleme vor Ort aufmerksam zu machen.

Zwei afrikanische Kinder sitzen in einer Schule unter freiem Himmel in einer Schulbank. (Quelle: dpa)

Oft verpassen Kinder die Schule. Ihre Eltern sehen sie lieber als Rinderhirten.

Timothy Sagals Deutschlandreise ist Teil einer europaweiten Karamoja-Kampagne. Universitäten, Nichtregierungsorganisationen und die Europäische Union haben sie gemeinsam ins Leben gerufen. Bis Januar 2009 organisieren sie in etlichen europäischen Städten Informationsveranstaltungen, in deren Mittelpunkt die Beziehungen zwischen Europa und nomadischen Völkern in Afrika stehen. Denn Karamoja ist kein Einzelfall.

Die Herausforderungen, vor denen die Karamajong stehen, sind in fast allen von Nomaden bewohnten, semi-ariden Regionen Afrikas ähnlich. "Überall in Ostafrika wird ein Teil des Gebietes von Viehhaltern bewohnt, die alle einen sehr ähnlichen Lebensstil wie die Karamajong pflegen", sagt David Knaute von der französischen Hilfsorganisation ACTED, "sie alle leiden an chronischen Problemen wie Nahrungsmittelknappheit und Hunger. In Karamoja kommen noch die gewaltsamen Konflikte hinzu, die die Menschen noch stärker gefährden als in den Nachbarregionen."

Es ist ein Teufelskreis: Je mehr sich die Versorgungslage verschlechtert, desto härter wird um die beschränkten Ressourcen gekämpft. Wie so oft gehören Kinder und Jugendliche zu den Hauptleidtragenden. Häufig müssen sie, statt zur Schule zu gehen, auf die Rinderherden der Familie aufpassen. Dadurch werden sie oft direkt in gewaltsame Konflikte verwickelt. Gleichzeitig verpassen sie den Schulunterricht. Für viele Familien hat Bildung gar keinen Wert - eine große Rinderherde gilt als göttliches Geschenk und ist das wichtigste Ziel.

Hoffnung auf eine bessere Zukunft für die Kinder

In ugandischer Junge sitzt in einem Kiosk (Quelle: dpa)

Das langfristige Ziel: Kindern in Uganda eine fröhlichere Kindheit bescheren

Vor kurzem veröffentlichten die Vereinten Nationen einen Bericht, in dem sie Karamoja als "den schlimmsten Ort" bezeichnen, um seine Kindheit zu verbringen. Jennifer Tang, Kinderpsychologin und Karamoja-Expertin, sieht allerdings international ein wachsendes Bewusstsein für die Probleme der Heranwachsenden in dem ugandischen Krisengebiet: "Lange Zeit hat der Rebellen-Krieg in Norduganda viel internationale Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Nun setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass sich auch die Kinder in Karamoja in höchster Not befinden." Langsam gingen internationale Hilfslieferungen in diese Richtung, so Tang.

Von einer dauerhaften Befriedung ist Karamoja jedoch nach wie vor weit entfernt, und die große Mehrheit der Bevölkerung hat bisher nur wenig davon profitieren können, dass internationale Institutionen die Probleme der Region mittlerweile genauer wahrnehmen.

Doch Karamajong Timothy Sagal gibt die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht auf. Für seine eigenen Kinder wünscht er sich, dass sie nicht - wie so viele andere Bewohner dieser krisengeplagten Region - irgendwann den Rücken zukehren: "Ich bemühe mich sehr, dass sie eines Tages eine medizinische Ausbildung bekommen und dann in Karamoja arbeiten." In Karamoja gäbe es noch immer viel Potenzial, "ich möchte, dass meine Kinder ihre Chancen wahrnehmen und erkunden, was diese Gegend in Zukunft für sie bereithält."

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