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Nahost

Verhaltene Proteste im Libanon

Im Libanon blieb der ganz große Krawall gegen den Mohammed-Film aus. Vielleicht auch, weil zurzeit Papst Benedikt zu Gast ist.

Tripoli ist ein sozialer Brennpunkt. Die nordlibanesische Stadt, die seit Jahrzehnten von der Zentralregierung in Beirut vernachlässigt wird, kommt wirtschaftlich nicht auf die Beine. Sie gilt auch als Sammelbecken für verschiedene islamistische Gruppierungen. Immer wieder flammen zwischen den beiden verfeindeten Armenvierteln Jabal Muhsin und Bab Al-Tabbane Kämpfe auf. Dabei spielen auch die Loyalitäten zum Nachbarland eine Rolle. Jabal Mushin steht auf der Seite des syrischen Regimes, Bab Al-Tabbane unterstützt die syrischen Aufständischen.

Dass hier der islamfeindliche Film "Unschuld der Muslime" gewalttätige Reaktionen ausgelöst hat, ist kaum verwunderlich. Nach dem Freitagsgebet machte sich eine wütende Menge ins Stadtzentrum auf und setzte die Niederlassungen der amerikanischen Restaurantketten KFC und Hardee´s in Brand. Die Protestierenden schwenkten schwarze Fahnen mit dem islamischen Glaubensbekenntnis, ein Erkennungszeichen für salafitische Gruppierungen. Anschließend zog der Mob zum Serail, dem Sitz des Bürgermeisters, und umstellte das Gebäude. Erst als die libanesische Armee massiv einschritt, gaben die Randalierer auf.

Protestierende setzen in der nordlibanesischen Stadt Tripoli ein amerikanisches Restaurant in Brand. (Foto: AP)

Solche Szenen blieben im Libanon die Ausnahme: Protestierende setzen ein amerikanisches Restaurant in Brand

Ein Mensch kam bei den Ausschreitungen ums Leben. Nach Angaben der Tageszeitung "as-Safir" schossen die Soldaten in die Luft und setzten Tränengas ein. Libanesische Zeitungen schätzten die Zahl der Gewalttäter auf 300.

Antiamerikanische Solgans

Einer der Ersten, die im Libanon zu Protesten gegen den in den USA produzierten Mohammed-Film aufgerufen hatte, war der salafistische Scheich Ahmad Al-Assir aus Sidon. Der konservative sunnitische Geistliche, der in den vergangenen Monaten durch seine spektakulären Proteste gegen die schiitische Hisbollah aufgefallen war, hatte seine Anhänger zu einem Sit-in vor seiner Moschee im Stadtteil Abra, im Osten Sidons, aufgefordert.

Porträt von Scheich Ahmad Al-Assir, aufgenommen in Sidon/Libanon

Scheich Ahmad Al-Assir rief seine Anhänger zu Protesten gegen den Mohamed-Film auf

Die Resonanz war mäßig. Ungefähr 250 Menschen, zumeist Männer, versammelten sich vor der kleinen Moschee, die in einem gut situierten Wohnviertel liegt. In seiner Rede beschuldigte Al-Assir die Zionisten, hinter dem Film zu stehen. Sie beabsichtigten Zwietracht zwischen Muslimen und Christen zu sähen, sagte er. Anschließend ließ Ahmad Al-Assir die amerikanische und israelische Fahne verbrennen, danach löste sich die Protestversammlung auf.

Auch im Palästinenserlager Ain El-Helweh, ebenfalls in Sidon, protestierten nach dem Freitagsgebet Männer gegen den Film und hielten dabei Plakate mit antiamerikanischen und antiisraelischen Parolen in die Höhe. Im Städtchen Taalbaya in der Bekaa-Ebene im Osten des Landes, formierte sich ebenfalls eine kleinere Menschenmenge, und machte ihrer Wut über den Film Luft.

Papstbesuch sorgt für Sicherheit

Insgesamt fielen die Reaktionen auf den Mohammed-Film im Libanon jedoch verhalten aus. Vor sechs Jahren hatten die dänischen Mohammed-Karikaturen wesentlich heftigere Proteste ausgelöst. Dass die Lage dieses Mal relativ ruhige blieb, hängt wohl auch mit dem Besuch von Papst Benedikt XVI. zusammen. Seit Freitag (14.09.2012)ist das Oberhaupt der katholischen Kirche für drei Tage im Zedernstaat zu Gast. Es herrschten außergewöhnliche Sicherheitsvorkehrungen. Tausende Soldaten und Polizisten patrouillierten auf den Straßen, die zum Teil gesperrt waren.

PPapst Benedikt XVI. fährt im Papa-Mobil durch die libanesische Hauptstadt Beirut. (Foto: REUTERS/ Stefano Rellandini)

Der Besuch von Papst Benedikt XVI. sollte nicht gestört werden

Es herrschte weitgehend Konsens zwischen den politischen Fraktionen, diesen Besuch nicht stören zu wollen. In seltener Einmütigkeit begrüßten die libanesischen Spitzenpolitiker den Besuch des Papstes, namhafte religiöse und politische Vertreter hatten schon frühzeitig Stellung bezogen. Ebenso einhellig verurteilten Vertreter aller Konfessionen und politischen Lager den Mohammed-Film. Vereinzelt stachelten Freitagsprediger die Gläubigen zwar auf, wie in Tripoli oder in Sidon. Viele Prediger riefen jedoch auch zu Zurückhaltung auf. Wie beispielsweise das Oberhaupt der Sunniten im Libanon, Mufti Mohamed Rashid Qabbani, der an Christen und Muslime appellierte, Einigkeit zu zeigen.