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Nahost

Vergewaltigung als Kriegswaffe

Sexuelle Gewalt gegen Frauen ist in Syrien offenbar zum systematisch eingesetzten Kriegsinstrument geworden. Viele Opfer fliehen - und stehen im Exil vor neuen Problemen. Hilfe gibt es kaum.

Im Zahra-Krankenhaus herrscht Hochbetrieb. Pfleger und Krankenschwestern in weißen Kitteln eilen den Gang entlang. Die Klinik im nordlibanesischen Tripoli ist eine Anlaufstelle für syrische Flüchtlinge. Im Erdgeschoss betreibt die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" eine kostenlose Praxis. Patienten sitzen auf schwarzen Plastikstühlen und warten geduldig darauf, zu Maha Naja hineingelassen zu werden. Die meisten Patienten, erzählt die libanesische Ärztin, seien Frauen. Viele von ihnen hätten psychosomatische Beschwerden, vor allem Kopf- und Rückenschmerzen. Die Sorgen um Angehörige in Syrien, Trauer und Verlust ihrer Lebensgrundlage in der Heimat machen sie krank. An eine Patientin kann Naja sich genau erinnen. Sie sei immer wieder von Weinkrämpfen geschüttelt worden und habe erzählt, dass sie vergewaltigt worden sei. Die junge schwangere Frau bestand darauf, abzutreiben.

Sie habe sie zu einer Frauenärztin geschickt. Sie sei nie wieder hierher gekommen, sagt die Ärztin: "Offenbar möchte sie darüber nicht sprechen. Sie hat Angst, dass jemand davon erfährt. In unserer Gesellschaft gilt Vergewaltigung als große Schande. "

Der Mantel des Schweigens

Das Zahra-Krankenhaus in Tripoli, 15.1.2013 (Foto: Nagham Awada/MSF) (Ärzte ohne Grenzen).

Das Zahra-Krankenhaus in Tripoli

Das bestätigt auch Mohamed Mustafa. Der 27-jährige syrische Arzt lebt seit einem Jahr im Libanon und betreut in Tripoli syrische Flüchtlinge. Sehr selten würden Frauen oder Mädchen über die erlittene Gewalt sprechen. Einige Frauen vertrauten sich ihm dennoch an.

Mustafa ist bisher sechs vergewaltigten Frauen begegnet. Die meisten stammten aus der mittelsyrischen Stadt Homs und Umgebung. Die Frauen seien psychisch sehr angeschlagen gewesen und hätten eine Abtreibung vornehmen lassen wollen: "Ich schickte sie in libanesische Krankenhäuser. Die meisten konnten abtreiben. "

Die Frauen hat Mustafa nicht wieder gesehen. Er hält es für unwahrscheinlich, dass sie psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.

Keine Zahlen

Die Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" dokumentiert in einem ausführlichen Bericht die Praxis der sexuellen Übergriffe in Syrien. Sie führt Aussagen von Augenzeugen und Opfern auf, die während ihrer Haft in syrischen Gefängnissen oder bei Razzien in Wohngebieten Vergewaltigungen erlebt oder gesehen haben. Die Täter sind dem Bericht zufolge Soldaten, Angehörige der Sicherheitskräfte und regierungstreue Milizen.

Flüchtlinge warten in dem Zahra-Krankenhaus auf Hilfe (Foto: Nagham Awada/MSF) (Ärzte ohne Grenzen).

Warten auf Hilfe

Genaue Zahlen oder Schätzungen über das Ausmaß von Vergewaltigungen in Syrien gibt es nicht. Auch aus den Nachbarländern, wie etwa Libanon oder Jordanien, wohin in den letzten zwei Jahren Hunderttausende von Syrerinnen geflohen sind, existieren keine Zahlenangaben.

Viele Menschen in Syrien haben dennoch Angst, dass sie und ihre weiblichen Familienmitglieder Opfer von sexualisierter Gewalt werden und entschließen sich zur Flucht. Das ergab auch eine Studie, die die internationale Organisation "Rescue International Committee" zusammen mit dem libanesischen Verein "abaad" durchführte.

Sexuelle Belästigung keine Seltenheit

Roula Masri war an der Entstehung dieser Studie beteiligt. Sie befragte syrische Frauen, die im Norden und Osten des Libanon Zuflucht gefunden haben. Viele hätten Berichte über Männer gehört, die in Häuser eindringen und die Mutter oder die Tochter vor der ganzen Familie vergewaltigen würden. Sexuelle Belästigung an Checkpoints in Syrien wäre keine Seltenheit, berichteten Frauen aus Aleppo. Diese Übergriffe oder die Angst davor lässt die Menschen in ständiger Unruhe leben. Irgendwann fassten sie den Entschluss zur Flucht, sagt Roula Masri: "Sexualisierte Gewalt gegen Frauen ist eines der Hauptmerkmale dieses Konflikts."

Im Fluchtland Libanon angekommen, können traumatisiere Syrerinnen, sei es durch sexualisierte oder andere Formen der Gewalt, ihre Erlebnisse kaum verarbeiten. Das physische Überleben steht im Mittelpunkt, wie etwa bei Salam. Die Frau stammt aus Homs und ist vor sechs Monaten in den Libanon geflüchtet:

Fliehende Syrerinnen an der Grenze zum Libanon, 20.7. 2012. (Foto: AP)

Vielfältig bedroht: Syrische Frauen auf der Flucht

"Mein Mann ist gestorben und mein ältester Sohn ist im Krieg gefallen. Nun bin ich allein verantwortlich für meine drei Kinder." Salam lebt in einem Zimmer zur Untermiete bei einer libanesischen Familie. Aber ihr wurde gekündigt. Nun muss sie etwas Neues suchen.

Um Abdalrahman, eine syrische Aktivistin, die zusammen mit dem Arzt Mohamed Mustafa in Tripoli Flüchtlinge betreut, macht sich große Sorgen um Syrerinnen. In den letzten Monaten sei in der nordlibanesischen Stadt, die als ein Zentrum für syrische Flüchtlinge im Zedernstaat gilt, ein regelrechter Heiratsmarkt entstanden. Verwitwete und geschiedene Syrerinnen würden an Männer aus Ländern des Arabischen Golfes vermittelt. Auch Um Abdalrahman wurde eine solche Heirat angeboten. Die Frauen gehen diese Ehe aus wirtschaftlicher Not ein und erhoffen sich eine gewisse Versorgung für sich und ihre Familie, sagt die energische 28-jährige Frau. Sie weiß keinen Weg, um gegen diese Praktiken anzukämpfen und fühlt sich überfordert: "Eigentlich brauchen wir spezielle Frauenzentren, die auch von Frauen geleitet werden. Wir haben kein Geld. Im Moment befinden wir uns in einer Sackgasse."

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