1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschland

Verdun: Der Krieg im Kriege

Sie ist Inbegriff eines ganz speziellen Krieges - Nahkampf und Fernbeschuss gleichzeitig: Die Schlacht um Verdun vor 100 Jahren. Ein sinnloses Gemetzel ohne Sieger, 300 Tage lang.

Es ist früher Morgen, als das Trommelfeuer der Artillerie losbrüllt. Aus hunderten Rohren aller Kaliber schießen die Deutschen. Endlose neun Stunden lang. So etwas hat die Welt noch nicht erlebt. Noch 200 Kilometer entfernt hört man sie, die Kanonen von Verdun. "Stahlgewitter" nennt der Schriftsteller Ernst Jünger das Grauen. Der 21. Februar 1916, der Beginn des von den Deutschen "Operation Gericht" genannten Angriffs, ist kein normaler Kriegstag. Schon eineinhalb Jahre wird auf dem alten Kontinent gekämpft, doch erst die Schlacht um Verdun wird zum Sinnbild für den Ersten Weltkrieg.

Allein hier verloren 162.000 Franzosen und 143.000 Deutsche ihr Leben. 500 Tote pro Tag auf deutscher Seite, bei den Franzosen sogar noch mehr. Gefallen, im klassisch-militärischen Sinne, sind die wenigsten. Die Soldaten wurden durch die Gewalt der Waffen zerfetzt, gesprengt, pulverisiert. Über den Sinn der deutschen Offensive wird noch heute gerätselt. Eine Erklärung bietet Erich von Falkenhayn, der deutsche Oberbefehlshaber. Eine "Blutpumpe" sei Verdun gewesen. Eine, bei der die Franzosen zur Ader gelassen werden sollten.

Karte Infografik Erster Weltkrieg - westlicher Frontverlauf

Warum Verdun?

Die Debatte darüber, warum ausgerechnet hier, im hügeligen Gelände entlang des Flusses Maas, der bei Verdun einen Bogen schlägt, ist bis heute nicht beendet. Weitgehend einig sind sich Militärexperten und Historiker darüber, dass Verdun selbst bei einer Eroberung durch die Deutschen kein guter Ausgangspunkt für tiefere Vorstöße Richtung Paris (rund 250 Kilometer entfernt) gewesen wäre. Tatsächlich wollte Erich von Falkenhayn bei Verdun weder einen Durchbruch noch eine Umfassungsschlacht. Er wollte die Franzosen buchstäblich ausbluten. "Weissbluten" nannte das der deutsche General.

Ein zynisches Kalkül, denn für die Franzosen war Verdun mehr als nur ein militärisch-strategischer Knotenpunkt. Die Stadt in Lothringen "war das Symbol für den deutsch-französischen Gegensatz", so der Historiker Herfried Münkler. Hier wurde das karolingische Reich im 9. Jahrhundert erst dreigeteilt, bevor daraus Ende des Mittelalters das West- und Ostfrankenreich entstanden. Ein Ort mit hoher psychologischer Bedeutung für die Franzosen. Verdun sollte dem Gegner unter keinen Umständen in die Hände fallen.

Das große Schlachten und kein Geländegewinn

Doch Philippe Petain, der Verteidiger Verduns, hatte die Absicht von Falkenhayns durchschaut. Der Absicht der Deutschen, die Franzosen bei Verdun verlustreich aufzureiben, setzte der General eine geschickte Taktik entgegen. Er verstrickte buchstäblich die ganze Nation in die Schlacht im Osten Frankreichs. Mehr als 70 Prozent der französischen Soldaten wurden mindestens einmal für acht bis zehn Tage vor Verdun in die Schützengräben abkommandiert. Mit diesem Rotationsprinzip gelang ihm ein psychologischer Schachzug mit Konsequenzen: Fast jede Familie in Frankreich war in und um Verdun mit dabei. Vor allem zwischen Februar und Juni 1916 wurden hier erhebliche Teile der französischen Armee konzentriert.

Die Dicke Bertha

Die "dicke Bertha" aus dem Hause Krupp. Ein 42-cm-Mörser mit einer Reichweite von über 9000 Metern.

Die Feuerkraft dieses erstmals praktizierten industrialisierten Krieges ist noch in der Rückschau unvorstellbar. Auf weniger als 30 Quadratkilometern gingen zirka zehn Millionen Geschosse mit einem Gewicht von 1,35 Millionen Tonnen Stahl nieder, haben Militärs errechnet. Der unbeschreibliche Lärm machte viele taub. Zu den Leiden der Soldaten gehört auch der nicht in Worte zu fassende Gestank. Verdun war eine extreme Gewaltverdichtung auf engstem Raum. Auf Jahrzehnte war die Landschaft durch die eingesetzten Kampfstoffe verseucht. Manche Orte wurden zur "zone rouge" erklärt: nicht begehbare Zone. Langzeitnarben einer Material- und Menschenschlacht, die zu keinem Zeitpunkt einer der beiden Armeen mehr als vier Kilometer Geländegewinn gebracht hat.

Ab Juli 1916 - nach dem Scheitern kleinerer deutscher Offensiven - befahl General von Falkenhayn "strikte Defensive". Längst wurden deutsche Truppen anderswo, vor allem an der Somme-Front, gebraucht. Im Oktober rückten die Franzosen vor und eroberten bis Dezember fast alle verlorenen Gebiete wieder zurück. Dieser scheinbare französische Erfolg war in Wirklichkeit ein militärisches Patt zum Preis einer menschlichen Katastrophe ohne Gleichen und der Beginn eines bis heute anhaltenden Erinnerungskults.

Die Knochenmühle von Douaumont

Unter den unzähligen Denkmälern für die 300 Tage von Verdun ist keines so ergreifend wie das in Douaumont. Hier, vor dem stärksten und nördlichsten Fort vor Verdun, wurde 1927 das "Beinhaus" eingeweiht. Im Hauptturm dieses überirdischen Massengrabes liegen die Überreste von etwa 130.000 französischen und deutschen Soldaten - allesamt unbekannt. Noch heute werden zufällige Knochenfunde aus Gärten, von Feldern, aus Wäldern der Region im "Beinhaus" abgegeben.

Erster Weltkrieg Schlacht um Verdun

Französische Soldaten klettern aus ihren Schützengräben. Der Lärm war ohrenbetäubend, es stank bestialisch.

In der Rückschau ist für Frankreich und die Franzosen die Katastrophe von Verdun überlagert vom Gefühl des Sieges. Eines Sieges der Defensive nach dem Motto Petains: "On ne passe pas!"- Niemand kommt durch! Hingegen bleibt für die Deutschen Verdun ein Synonym für absolute Sinnlosigkeit. Versuche der Heroisierung der Katastrophe gab es dennoch. "Unsterbliche Landschaften" war nur eine von vielen nachträglichen Glorifizierungen.

Verdun bleibt neben den unvorstellbar hohen Opferzahlen vor allem militärstrategisch im Gedächtnis: als zynisches Beispiel für eine menschenverachtende Strategie."Im Gegensatz zur 'Bewegungsschlacht' an der Marne", bilanziert der Militärhistoriker German Werth, "haftete der Schlacht an der Maas eine Einfallslosigkeit und Monotonie an, die sie zum Symbol für den mörderischen Stumpfsinn des vierjährigen Stellungskrieges überhaupt machte."

Die Redaktion empfiehlt