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Erinnerung in Verdun

Konstanze von Kotze24. Juli 2014

Rund 700.000 Soldaten fielen in der Schlacht von Verdun. Offiziell erinnert wird bis heute allein an die gefallenen Franzosen. Der Vorschlag, eine Gedenktafel für deutsche Soldaten zu errichten, erhitzt die Gemüter.

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Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in Verdun
Das Gräberfeld vor dem Beinhaus Douaumont ist Gedenkstätte für die in Verdun gefallenen französischen Soldaten.Bild: picture-alliance/Rolf Haid

"Achtet bitte auf die Schilder und entfernt euch nicht von den erlaubten Wegen, es sei denn ihr wollt unbedingt auf eine Mine treten", mahnt Gerd Krumeich. Der deutsche Historiker führt gemeinsam mit seinem französischen Freund Gérard Domange, pensionierter Geschichtslehrer, eine Gruppe von Germanistikstudenten und ehemaliger Studenten der Pariser Universität La Sorbonne Nouvelle durch die Schlachtfelder von Verdun. "Nirgendwo erlebt man den Ersten Weltkrieg so nah und so intensiv wie hier", meint Krumeich als die Gruppe vor dem Fort Douaumont steht, die mächtigste Festung im Ring um Verdun.

Erst 2009 wurde hier die deutsche Flagge neben der französischen und der europäischen gehisst. "Es war ein sehr großes Zeichen, aber es genügt nicht." Gerd Krumeich plädiert dafür, auch eine Gedenktafel für die hier gefallenen deutschen Soldaten anzubringen. "Wo wenn nicht hier?" fragt der Historiker.

Reise nach Verdun
Gemeinsames Erinnern: Die deutsch-französische Studentengruppe in VerdunBild: DW/K. von Kotze

Zwischen Februar und Dezember 1916 spielte sich in Verdun eine der erbittertsten Schlachten des Ersten Weltkrieges ab. Dreihundert Tage, dreihundert Nächte, rund tausend Tote innerhalb von vierundzwanzig Stunden auf jeder Seite. Umsonst, denn am Frontverlauf sollte sich in dieser gesamten Zeit kaum etwas ändern.

Unterschiedliche Erinnerungskultur

Vor dem Beinhaus von Douaumont, das bereits 1932 von Frankreich als Ort des Erinnerns eingeweiht wurde, stehen bis heute allein die Namen der gefallenen französischen Soldaten. Mit einer einzigen Ausnahme: Peter Freundl. Er ist der erste deutsche Soldat, dessen Name für die Nachwelt vor Kurzem in Stein gemeißelt wurde. Dennoch ruhen hier über 130.000 nicht identifizierte Männer. Carsten Doll, nimmt an der Studentenreise teil. Der Deutsche fasst es in einem Satz zusammen: "Douaumont ist ein von und für Franzosen gemachter Ort". Verdun wurde von Paris stets als französischer Sieg gefeiert, nicht allein als der de facto militärische Sieg, der am Ende des Ersten Weltkriegs feststand, sondern vor allem als psychologischer Sieg. Trotz der Eroberung des Fort Douaumont und anderer strategisch wichtiger Stellungen, hatten die Franzosen nicht aufgegeben und den deutschen Vormarsch gestoppt. Dies wirkt bis heute nach.

Erster Weltkrieg Schlacht um Verdun
300 Tage, 300 Nächte: Die Hölle von VerdunBild: picture-alliance/dpa

Am Abend leitet Gerd Krumeich eine Debatte über die Möglichkeit einer deutsch-französischen Erinnerungskultur. Dass Verdun immer noch eine große Rolle im kollektiven Gedächtnis der Franzosen spielt, merken die Studenten spätestens auf dieser Konferenz, zu der auch Einwohner von Verdun eingeladen worden sind. Als die Frage der Gedenktafel noch einmal auf den Tisch kommt, wird der Raum etwas unruhig. Einigen französischen Nachfahren der einst gefallenen Soldaten ist Krumeichs bloße Idee schon zu viel. Verdun soll ein französischer Sieg bleiben, obwohl der eigentlich keiner ist, angesichts der Hunderttausenden, die auf dem Schlachtfeld starben. Marion Guibourgeau kann das nicht nachvollziehen. "Ich verstehe nicht, wie man die Tatsache, dass es Tote auf beiden Seiten gegeben hat, abstreiten kann", sagt die Studentin. "Vielleicht ist es eine Generationenfrage. Für mich ist der Erste Weltkrieg sehr weit weg, viel weiter weg als der Zweite zum Beispiel. Ich finde es wichtig, eine gemeinsame Erinnerungskultur zu haben, denn es ist unsere gemeinsame Geschichte". Dass das Thema heikel ist, sagt sie, hätte sie schon von der Fahrt nach Verdun geahnt. Aber so heikel?

Audioslideshow Helmut Kohl
Große Geste: François Mitterand und Helmut Kohl reichen sich die HandBild: imago/Sven Simon

Es geht auch anders…

Zum Beispiel als der damalige französische Präsident François Mitterand plötzlich die Hand des damaligen deutschen Kanzlers Helmut Kohl ergriff und sie Minuten lang festhielt. Das war im September 1984 zwischen dem Beinhaus von Douaumont und der französischen Nekropole mit seinen tausenden weißen Kreuzen. Werden sich dieses Jahr François Hollande und Angela Merkel in Verdun treffen? Vorerst ist es nicht geplant. Joachim Gauck soll den französischen Staatschef im August im Elsass treffen. Die deutsche Kanzlerin ist Ende Oktober in Flandern. Vor einigen Wochen trafen sich die europäischen Staats- und Regierungschefs zum EU-Gipfel für einen Tag in Ypern, jenem zweiten großen Namen eines Schlachtfelds, der neben Verdun für die Millionen Toten des Ersten Weltkriegs steht. In Deutschland ist keine offizielle Zeremonie geben, auch nicht zum Jahrestag des Kriegsbeginns Anfang August. Berlin konzentriert sich auf die Erinnerung an den Mauerfall vor 25 Jahren.

Ypern Gedenken Ausbruch Erster Weltkrieg Angela Merkel 26.06.2014
Im Juni sorgte EU-Ratspräsident Van Rompuy für ein gemeinsames europäisches Gedenken an die Opfer des Ersten Weltkriegs. Auch Merkel und Hollande waren dabei.Bild: picture-alliance/AP Photo

"Es wäre schön, wenn man eines Tages von einer europäischen, sogar universellen Erinnerungskultur sprechen könnte", meint Krumeich. "Wir alle wollen, dass die europäische Union vorwärts kommt", sagt Gerd Krumeich. "Dennoch klammert sich jeder von uns an seinem nationalen Gedenken fest. Es geht mir nur darum, die Leute dazu zu bringen, sich auch für die Geschichte der anderen zu interessieren und für die Art und Weise, wie diese das Gedenken an ein bestimmtes Ereignis gestalten."

Ob der deutsche Historiker sich anlässlich der diesjährigen Feierlichkeiten mit seiner Tafel durchsetzen kann, steht noch in den Sternen. Er setzt aber viel Hoffnung auf die Generation der Studenten. "Nur sie werden die Idee für ein deutsch-französisches Gedächtnis weiterbringen können. Vielleicht werden sie auch Klischees bedienen, wie Ihre Vorgänger, aber wenn, dann werden es andere sein und das ist schon mal gut. Für diese Generation ist der Erste Weltkrieg keine persönliche Geschichte mehr, sondern nur Geschichte". Da fällt ein Händereichen vielleicht leichter.