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Wirtschaft

VEB Deutschland AG?

Nach der spektakulären Pleite des Frankfurter Baukonzerns Holzmann sind sich die Experten einig: Die klassische Industriepolitik funktioniert nicht mehr.

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Gedrückte Stimmung statt Jubelrufe für den Kanzler

"Gerhard, Gerhard"-Rufe, gelüftete Bauarbeiter-Helme, Blitzlichtgewitter: Unvergessen ist der Auftritt des Bundeskanzlers vor der Frankfurter Holzmann-Zentrale, als er medienwirksam die vorläufige Rettung des angeschlagenen Baukonzerns verkündete.

Das Kalkül war einfach: Die Banken schossen weiteres Geld zu, die Arbeiter verzichteten auf einen Teil ihrer Löhne und der Staat sprang mit Bürgschaften ein. Doch es ging nicht auf: Der Vorstand konnte kein schlüssiges Konzept für den Erhalt des Unternehmens vorlegen. Die Staatsgelder im Rücken, drängte der Konzern Konkurrenten mit Angeboten aus dem Markt, die ihm später auf fast allen Baustellen Verluste einbrachten. Die Insolvenz des ehemals größten deutschen Bauunternehmens war unausweichlich.

Bauwirtschaft in der Krise

Die Zahlungsunfähigkeit des traditionsreichen Frankfurter Bauunternehmens ist der bisherige Höhepunkt der seit Jahren andauernden Krise der deutschen Bauwirtschaft. Die Talsohle ist nach der Einsicht von Branchenexperten aber noch nicht erreicht. Der Zentralverband Deutsches Baugewerbe rechnet mit dem Verlust von weiteren 40.000 Stellen in diesem Jahr, die meisten davon in Ostdeutschland. Seit 1995 sind in der Baubranche eine halbe Million Stellen gestrichen worden.

Grund der Krise sind schrumpfende Aufträge und Umsätze, ein knallharter Preiskampf und eine schlechte Zahlungsmoral in der Branche. Anfang der 90er Jahre wurden durch die Bauwut in den neuen Bundesländern erhebliche Überkapazitäten geschaffen, die nun allmählich abgebaut werden.

"Da kam nur der Gerichtsvollzieher"

Im Rückblick erscheint Schröders Hilfeaktion von 1999 als unzulässiger Eingriff in die Gesetze des Marktes und unnötige Verschwendung von Steuergeldern. "Schon 1999 musste jedem klar sein, dass die Intervention des Bundeskanzlers ein Strohfeuer sein würde", sagt Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft. Er ärgert sich über die "enorme Ungleichbehandlung". Während Holzmann gerettet wurde, seien mehr als 6.000 Baubetriebe mit mehr als 150.000 Beschäftigten in Konkurs gegangen: "Da kam kein Kanzler, kein Minister. Da kam nur einer - der Gerichtsvollzieher."

Bei 20 Banken in der Kreide

Ein Verlierer der Holzmann-Pleite sind auch die deutschen Großbanken. Holzmann steht mit 1,5 Milliarden Euro bei rund 20 Banken in der Kreide. Die Deutsche Bank, die 19,6 Prozent der Aktien besitzt, hat für 320 Millionen Euro Kredite an Holzmann vergeben. Sie wollte weiteres Geld zuschießen, was die übrigen großen Banken aber ablehnten. Nun werden die Finanzhäuser, ähnlich wie im Fall Kirch, versuchen ihre Außenstände so weit wie möglich einzutreiben.

Die Pleite kommt für Kanzler Schröder zum ungünstigsten Zeitpunkt, wird die Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik doch eine wichtige Rolle im Wahlkampf spielen. Schröders Inszenierung kommt als Bumerang zurück. Die Opposition ließ es sich nicht nehmen, das Fiasko der medienwirksamen Aktion Ende 1999 hervorzuheben.

Die Holzmann-Pleite wird deshalb auch eine neue Debatte um den Sinn und Vertretbarkeit staatlicher Eingriffe in den Markt auslösen. Erst kürzlich intervenierte der Kanzler, um eine Werk der Bombardier-Gruppe in Ostdeutschland zu retten. Und in unmittelbarer zeitlicher Nähe zur entscheidenden Abstimmung über das Zuwanderungsgesetz kann ein weiteres angeschlagenes Projekt auf staatliche Unterstützung hoffen: der Brandenburger Luftschiffbauer Cargolifter. (jf)

  • Datum 25.03.2002
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  • Permalink http://p.dw.com/p/21OU
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