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Digitales Leben

"Valiant Hearts": Menschlichkeit im Krieg

Rätsel lösen mit Hund und Grafik im Comic-Stil: "Valiant Hearts" ist ein etwas anderes Computerspiel zum Ersten Weltkrieg. Es geht um Freundschaft, Liebe und Familie inmitten von Krieg und Zerstörung.

Emile rennt, dicht gefolgt von Freddie und Hund Walt. Bedrohliche grüne Gaswolken wabern hinter ihnen durch den Stollen. Vorne versperrt Erde ihren Fluchtweg. So schnell er kann, buddelt Emile sich durch, nach draußen. Doch auch hier folgt ihnen das Giftgas, die drei rennen um ihr Leben. Da plötzlich: Hupen, Rufe, Winken. Eine Sanitäterin fährt auf sie zu. Ein beherzter Sprung in den Wagen und die Freunde sind gerettet.

Die Szene stammt aus dem Videospiel

"Valiant Hearts"

(Tapfere Herzen), das anlässlich des 100. Jahrestages des Beginns des Ersten Weltkriegs weltweit erschienen ist. Der Erste Weltkrieg ist keine typische Zeit für Games. Das bekommt auch Martin Bayer zu hören. Der Kriegswissenschaftler beschäftigt sich mit allem rund um Kultur, Kunst und Krieg und betreibt dazu das Blog

wartist.org

. "Wenn ich mit Leuten über Spiele zum Ersten Weltkrieg rede, ist die erste Reaktion: 'Natürlich gibt's dazu kein Spiel! Wie soll das denn aussehen? Man sitzt im Schützengraben, dann kriegt man den Befehl, auf die andere Front zuzustürmen, und wird erschossen. Das ist doch langweilig!'", berichtet er.

Der geheime Held: ein Hund

Die Entwickler haben es trotzdem geschafft, ein spannendes Spiel zu entwerfen. Nicht zuletzt liegt das an der berührenden Geschichte: Der Franzose Emile sucht zwischen Schlachten und Schützengräben nach seinem deutschen Schwiegersohn Karl. Hilfe bekommt Emile vom amerikanischen Fremdenlegionär Freddie, genannt Lucky Freddie, und der belgischen Sanitäterin Anna. Der eigentliche Held aber ist der Hund Walt. Ohne ihn käme der Spieler oft nicht weiter, Walt muss Schalter betätigen, findet vergrabene Gegenstände oder holt Dynamitstangen aus unzugänglichen Ecken.

Noch etwas unterscheidet Valiant Hearts von anderen typischen Kriegsspielen. Es ist kein Shooter, kein Strategiespiel, sondern ein Adventuregame. Zum Weiterkommen muss man Rätsel lösen. Verfolgungsjagden, die durchaus auch humorvoll sind, wechseln sich mit Schleichmissionen im Schützengraben ab.

Deutschland Kriegswissenschaftler Martin Bayer

Historiker Martin Bayer hat Valiant Hearts gespielt: "Der reale Horror wird darstellbar"

Dazu kommt die Grafik: Statt mit 3D-Bildern in HD-Qualität empfängt Valiant Hearts die Spieler mit Zeichnungen im Graphic-Novel-Stil, anfangs noch bunt, später verwaschen die Farben zu Grau und Braun, durchsetzt vom grellgelben Feuer aus den Maschinengewehren. "Dadurch wird der reale Horror überhaupt erst darstellbar", findet Kriegswissenschaftler Bayer.

Liebe zum Detail

Trotz der abstrakten Bilder haben sich die Entwickler um eine realistische Darstellung bemüht: Als Inspiration dienten Briefe von Soldaten, die man auch im Spiel finden kann. Das Team ließ sich bei der Entwicklung von Historikern unterstützen. Häufig ist das Bild vom Krieg eher einseitig, meint Bayer: "In vielen Spielen und Filmen geht es nur um audiovisuellen Realismus: Das Gewehr macht das 'Peng!', das auch das originale Gewehr machte und es sieht genauso aus. Es fehlt aber der tatsächliche Realismus, nämlich: Wie sieht das Leben im Krieg eigentlich aus?"

In Valiant Hearts sind es die kleinen Dinge, die genau diese Lücke füllen: Vom Flachmann über Erkennungsmarken bis zu Kunstwerken, geschnitzt aus Schrapnell-Splittern - überall sind solche Artefakte versteckt, mit deren Hilfe der Spieler mehr über das Leben von Soldaten und Zivilisten erfahren kann. Im Menü gibt es zusätzlich noch kurze Texte, in denen zum Beispiel über den ersten Einsatz von Flammenwerfern informiert wird.

Computerspiel Valiant Hearts

Das Spiel läuft auf Playstation, X-Box und Windows-PCs

Aber auch das Spiel selbst erzählt ganz nebenbei, wie es den Soldaten ging: Im ersten Level schlägt Emile ein paar Mal auf Strohpuppen ein, dann geht es direkt in die Schlacht. "Das kann man absurd finden. Aber im Prinzip zeigt es, dass die Soldaten in der Realität auch nicht viel besser ausgebildet waren", sagt Bayer.

Auf der guten Seite?

Nur an einer Stelle haben es die Entwickler mit der Wahrheit nicht ganz so genau genommen. Im Spiel werfen die Deutschen Gasbomben über der belgischen Stadt Ypern ab. "Zu dieser Zeit gab es noch gar keine Gasbomben, das Gas hat man aus Kanistern abgelassen", stellt Bayer klar. "Außerdem wurde nicht die Stadt bombardiert, es wurden auch keine Zivilisten angegriffen, sondern das Gas wurde an der Front eingesetzt. Das ist ein komplett anderes Level eines Kriegsverbrechens."

Die Szene stehe aber symbolisch für Kriegsverbrechen, die die Deutschen in Frankreich und Belgien begangen haben, so Bayer weiter. Deshalb findet er nicht, dass das Spiel, entwickelt vom Ubisoft-Studio in Montpellier, Partei für die Franzosen ergreift. Das stimmt auch - nicht nur, weil die Spielcharaktere von beiden Seiten kommen und es um eine deutsch-französische Liebe geht. Denn eigentlich ergreift das Spiel für den einfachen Soldaten Partei, egal von welcher Seite. Wer Valiant Hearts spielt, bekommt zumindest eine Ahnung davon, wie es sich angefühlt haben muss, damals vor hundert Jahren, im Schützengraben, bedroht durch Bomben, Gewehrfeuer und Giftgas.

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