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Bücher

Vagabund der Feder

Als Erfinder des Pariser Kommissars Maigret hat er sich in die Geschichte des Kriminalromans geschrieben: Georges Simenon, vor 100 Jahren (13.02. 1903) im belgischen Lüttich geboren. Ein wahres "Schreibungeheuer".

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Georges Simenon (1903-1989)

Mehr als 200 Romane hat er verfasst, dabei soll Simenon nicht mehr als eine Woche für ein Buch gebraucht haben. Das Geheimnis seiner Werke war der erste Satz. Kaum ein Schriftsteller hat den Leser so genial in eine Atmosphäre, in eine Landschaft, in eine Situation hineinversetzt wie Simenon.

Der erste Satz ist bei ihm ein Wunder: man riecht das Meer, man fühlt die Einsamkeit, man spürt den Abend, man schmeckt das Essen, man sieht die Menschen, die Stadt, das Quartier vor dem inneren Augen. Und immer gab dieser erste Satz die atmosphärische Melodie des Buchs vor: sei es der Calvados in der Normandie, sei es das flämische Essen, der Geruch des Pariser Judenviertels in der "Rue de Rosiers". Simenons erster Satz machte süchtig - nach dem Buch, nach anderen ersten Sätzen, nach anderen Büchern.

Sexmonster ohne Gefühle

Simenon war ein Frauenheld und ein Angeber. Mit mehr als 10.000 Frauen will er geschlafen habe. So unersättlich er geschrieben hat, so unersättlich ist er hinter den Frauen her gejagt. Dabei suchte er nur die Intimität des Augenblicks, keine Liebe, keine Romantik. In den Memoiren seiner geschiedenen zweiten Frau wird er zum Sexmonster, der mit ihr sogar vor den Sekretärinnen geschlafen hat - weil er nur so weiterschreiben konnte. Simenon wollte seinen sexuellen Durst stillen - schnell, schnörkellos, ohne Gefühle. Das hat viele verstört.

Simenon war erfolgreich und reich. Mehr als 500 Millionen Bücher hat er schon zu Lebzeiten verkauft. Und da waren nicht einmal richtige Bestseller darunter. Aber insgesamt verkauften sich seine Romane, vor allem seine "Maigret", kontinuierlich sehr gut. Er lebte auf großem Fuß, fuhr Rolls Royce, bewohnte ein 30-Zimmer-Anwesen in der Schweiz, in Epalinges. Aber er war auch rastlos. Zog mehr als dreißigmal in seinem Leben um - quer durch Frankreich, in die USA, zurück in den Süden Frankreichs, schließlich in die Schweiz. Rastlos, unstet, ein Vagabund mit Millionen, mit Picassos an den Wänden, auf der Suche nach Anerkennung.

Vergöttert und verachtet

Simenon, der erfolgreichste Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts, wurde gelesen, geliebt, aber nicht literarisch anerkannt. Simenon erhielt den Nobelpreis ebenso wenig wie andere renommierte Literaturpreise. Die Leser vergötterten ihn, die Kritiker verachteten ihn, hielten ihn für einen Unterhaltungsschriftsteller, einen banalen Schreiber. Das hat ihn gekränkt. Deswegen hat er die Anerkennung, das Lob, die Bewunderung von André Gide genossen, auch wenn er mit dem Schriftsteller Gide nichts anfangen konnte. Aber ein Nobelpreisträger fand sein Werk gut - immerhin etwas.

Simenons Werk hat ihn überlebt. Vielleicht weniger seine psychologischen Romane, auf die er so stolz war - und das wahrscheinlich zu Recht. Nein: er hat mit dem Kommissar Maigret überlebt. Er hat eine Romanfigur erfunden, die zum Sinnbild des französischen Beamten geworden ist. Er hat einen Polizisten erfunden, der zwar ermittelt, um ein Verbrechen aufzudecken, aber Maigret hat Verständnis für den Täter. Er verurteilt ihn nicht. Er sucht den Menschen im Verbrecher, im Mörder, im Täter. Damit stößt er an - in der Hierarchie der Polizei, in der Gesellschaft. Aber Maigrets Ruf, sein Ruhm ist so gewaltig, dass ihn das nicht stört.

Maigret: eine Jahrhundertfigur

Dabei ist Maigret altmodisch, kann nicht Autofahren, versteht vieles von neuartigen Ermittlungsverfahren nicht. Aber er spürt die Motive des Verbrechens auf - und damit den Verbrecher. Er ist ein intuitiver Ermittler, weil er den Menschen sucht - den nackten Menschen, l'homme nu, wie er geschrieben hat. Und wenn er ihn gefunden hat - hat er den Verbrecher gefunden. Ein Ermittler anderer Art, nicht hart, kein Draufgänger, aber auch kein eitler Geck wie Hercule Poirot, einfach Maigret. Damit ist Simenon eine Jahrhundertfigur gelungen, manche glauben sogar er habe den Detektiv aller Zeiten erfunden.

Simenon war ein Meister der sinnlichen Verführung. Als Mann. Aber auch als Schriftsteller. Er war ein Titan im Schreiben, ein Ungeheuer in der Bücherproduktion. Aber er hat verführt - zum Lesen, zum Träumen, zur sinnlichen Selbstvergewisserung. Dabei war sein Stil fast karg, kam ohne schmückende Adjektive aus. Aber gerade das macht wohl den Reiz seiner Bücher aus. Früher, heute - und morgen.