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Filme

Uraufführung vor 75 Jahren - der Kultfilm "Casablanca"

Die Premiere von "Casablanca" fand am 26.11.1942 in New York statt. Ein paar Tage später trafen sich Churchill und Roosevelt in Casablanca. Was das eine mit dem anderen zu tun hat, darüber berichtet ein neues Buch.

"Casablanca" (1942) von Regisseur Michael Curtiz ist einer der berühmtesten Filme der Kinogeschichte. Der Name der Stadt steht aber auch für eine Geheimkonferenz der Anti-Hitler-Koalition, zu der US-Präsident Franklin D. Roosevelt und der britische Premierminister Winston Churchill im Januar 1943 zusammenkamen. Über beides - den heute als Kultfilm verehrten Kinoklassiker wie über die legendäre Konferenz - hat der Journalist Norbert F. Pötzl ein Buch geschrieben, das rechtzeitig zum 75-jährigen Jubiläum der Uraufführung des Films (26.11.1942) herausgekommen ist.

Deutsche Welle: Vor 75 Jahren wurde der Film uraufgeführt und es gab zeitnah eine berühmte Konferenz in Casablanca. War diese Verbindung Ihr Leitmotiv beim Schreiben des Buches "Casablanca 1943 - Das geheime Treffen, der Film und die Wende des Krieges"?

Norbert F. Pötzl: Ich habe festgestellt, dass es zwischen der Realität, dem Kriegsgeschehen damals Anfang der 1940er Jahre, und der Entstehungsgeschichte des Films, viele Überschneidungen und Übereinstimmungen gibt. Die haben sich im Film auch niederschlagen und zum Teil auch Rückwirkungen auf das Geschehen gehabt, auf den Zeitpunkt der Premiere und des landesweiten Filmstarts in den USA. Das hat mich gereizt, diese vielen Verbindungslinien aufzuzeigen.

Was war zuerst da, der Film oder die Konferenz?

Zuerst war der reale Konferenzort bei mir im Kopf. Ich habe Casablanca einmal besucht und ich dachte, da steht ja dieses Jubiläum an. Ich befasse mich einfach mal damit. Ich bin aber auch ein alter Fan des Films "Casablanca". Schon bei den ersten Rechercheansätzen habe ich gespürt, dass es da einiges zu entdecken gibt. Ich habe mich dann immer weiter ins Thema vertieft und festgestellt, dass man ganz viele Verknüpfungen sehen kann.

Winston Churchill und Franklin D. Roosevelt sind Hauptakteure in Ihrem Buch. Kannten die den Film damals eigentlich schon?

Roosevelt kannte ihn. Roosevelt war mit dem Filmmogul Jack Warner, der den Film herausgebracht hat, befreundet. Der Präsident hat am Silvesterabend 1942 "Casablanca" seinen Gästen im Kinosaal des Weißen Hauses vorgeführt. Seine Gäste wussten natürlich nicht, was es damit für eine Bewandtnis hatte, dass Roosevelt nämlich neun Tage später zur Konferenz nach Casablanca aufbrechen würde. Die war ja total geheim gehalten worden. Aber Roosevelt wusste von dem Film, der ja auch schon Ende November in New York angelaufen war. Aber er ist eben nur in New York in einem Kino gezeigt worden.

Random House Autorenfoto - Norbert F. Pötzl (Vanessa Eggers)

Norbert F. Pötzl

"Casablanca" war sofort ein großer Kassenerfolg. Erstaunlich war allerdings, dass "Warner Bros." den Film nicht sofort massenhaft in den Kinos anlaufen ließ. Man hat bis zum vorletzten Tag der Konferenz gewartet. Am 23.1.1943 lief der Film dann erst in 200 amerikanischen Kinos an. Also da merkt man einfach schon einen zeitlichen Zusammenhang, der eine Absprache zwischen Politik und Film nahelegt.

Wie ist das zu erklären, warum hat man so lange gewartet?

Zunächst einmal hat man den Film im Grunde (im November in New York) überstürzt ins Kino gebracht. Anfang November, vom 8. bis zum 12.11.1942, hatten alliierte amerikanische und britische Truppen das damalige französische Nordafrika besetzt, Algerien und Marokko, sie waren an den Küsten gelandet und nun war plötzlich Casablanca, die reale Stadt Casablanca, in den Schlagzeilen. Im Sommer 1942 hatte man den Film gedreht. Es gab eine Rohfassung, die nur geschnitten war, damit der Komponist für die Filmmusik Anschauungsmaterial hatte. Aber dann hat man den Film innerhalb von 14 Tagen fertiggestellt und ihn am 26.11. in das New Yorker Kino gebracht. 

Der Film war ein großer kommerzieller Erfolg, der Kultstatus kam später hinzu. Ihr Buch weist aber auch erstaunlich aktuelle Bezüge zur heutigen Flüchtlingsthematik auf, auch zu Donald Trump und seiner Außenpolitik. Das konnten Sie aber doch nicht ahnen, als Sie anfingen das Buch zu schreiben?

So ist es. Vergangenheit und Gegenwart liegen oft erstaunlich nahe beieinander. Der Film ist ja in erster Linie ein Emigrantenfilm. Insofern spiegelt sich das Geschehen von damals, Ende der 1930er/Anfang 1940er Jahre, wider in dem, was heute stattfindet. Es sind andere Fluchtursachen, aber es sind natürlich Menschen, die vor Verfolgung fliehen und eine neue Heimat suchen. Das war damals so, das ist heute so. Diese Parallele hat sich wirklich zufälligerweise ergeben.

Filmstill Casablanca Bogart spielt Schach mit Peter Lorre (picture-alliance/akg-images)

Das Thema Flucht und Vertreibung ist in "Casablanca" sehr präsent

Ich habe vor zwei Jahren angefangen mit den Recherchen, die Schreibarbeit spielte sich dann vor allem 2016 ab. Ja, da spielt natürlich der Isolationismus eine Rolle, der in Amerika Tradition hat, seit 1823 der damalige Präsident James Monroe die nach ihm benannte Monroe-Doktrin verkündet hat. Dass sich Amerika nämlich nicht in "ausländische Kriege" einmischen sollte. Das ist offenbar in diesem Land immer noch lebendig. Und noch etwas frappierendes habe ich dann gefunden, als ich mich damit beschäftigte: Dass sich einer der Wortführer der Isolationisten, der populäre Flugpionier Charles Lindbergh, der ja ein fürchterlicher Rassist und Antisemit und Bewunderer Hitlers war, dass der mit einem Slogan in den Kampf gezogen ist, der einem heute sehr vertraut vorkommt, nämlich "America First".

Zunächst war ja Ronald Reagan für die Hauptrolle vorgesehen…

"Casablanca" entstand ja nach einem Theaterstück, das "Warner Bros." am 8.12.1941, einen Tag nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor, als Filmstoff angeboten worden war. Das Studio hat sofort erkannt, dass das ein hochaktueller Stoff ist, mit dem man diese politische Botschaft, Amerika dürfe sich nicht aus dem Weltgeschehen heraushalten, mit eben diesem Film sehr gut herüberbringen kann. Man hat deswegen im Dezember 1941 sofort einen Vertrag mit den Autoren des Stücks geschlossen. Der Produzent des Films hat am Silvestertag 1941 gesagt: "Wir nennen ihn 'Casablanca'". Das Stück hatte einen anderen Titel. Deshalb hat "Warner Bros." schnell verkündet, dass der Film gemacht werden solle. Das war im Januar 1942. Sie mussten, um das ganze zu unterfüttern, auch einen Hauptdarsteller präsentieren. Da haben sie damals Reagan genannt, der aber wohl nie ernsthaft in Betracht gezogen worden war. Man hatte damals noch nicht den Wunschdarsteller Humphrey Bogart an Bord. Mit ihm hat man erst im Februar einen Vertrag geschlossen.

Mit Reagan in der Hauptrolle wäre es wohl auch ein anderer Film geworden…

Reagan war ja damals eher so ein eindimensionaler Held und Schönling. Das war etwas anderes als dieses doppelbödige, das Bogart schon in dem früheren, berühmten Film "Die Spur des Falken" von 1941 ausstrahlte, wo er zwischen Anwalt und Gangster changierte, ein Wechselspiel zwischen Gut und Böse trieb. Das bringt er ja auch in "Casablanca" so gut rüber: Einerseits der Zyniker, der sich aus allem heraushalten will, der sagt: "Das geht mich alles nichts an", und der dann aber doch der moralisch handelnde Mensch ist.

In Ihrem Buch verweisen Sie auch auf andere Filme, in denen sich Hollywood mit dem Krieg und Nationalsozialismus beschäftigt. Wie ordnen Sie "Casablanca" ein? Der hatte ja auch eine Botschaft...

Ja, das war sozusagen der Höhepunkt dieser Entwicklung. Es gab ja auch schon vorher einige Filme, die gegen die Nazis und für den Eintritt in den Krieg produziert worden waren: "Confessions of a Nazi Spy" (1939), der auf einer wahren Begebenheit beruhte. Es gab "Sergeant York" (1941), wo der Held des Ersten Weltkriegs für einen Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg plädierte. "Warner Bros." hat da allerdings einen ziemlichen Alleingang hingelegt, alle diese Filme sind dort entstanden.

Die anderen großen Hollywood-Studios hielten sich sehr bedeckt, weil die Stimmung in den USA mit großer Mehrheit noch gegen die Kriegsbeteiligung war. Man wollte es sich in den anderen Studios auch mit Deutschland nicht verderben, obwohl man gesehen hat, was die Nazis schon angerichtet hatten. Das hat wohl auch damit zu tun, dass die Filmgesellschaften alle in den Händen jüdischer Besitzer und Manager waren. Und man wollte nicht einen Antisemitismus, der ohnehin schon vorhanden war in Amerika, noch verstärken. Deshalb hat "Warner Bros." als einziges Filmstudio solche Filme gedreht - und "Casablanca" ist sicher der beste von diesen Filmen.

Jack Warner - Warner Brothers Filmstudio (picture-alliance/Everett Collection)

Studiochef Jack Warner (r.) sorgte in Hollywood für engagierte Anti-Nazi-Filme

Die Geschichte von "Casablanca" in Deutschland ist ja auch eine ganz besondere. Der Film wurde dort erst spät aufgeführt. Warum? 

Der Film kam 1952 in einer Fassung in die Kinos, die gegenüber dem Original um 25 Minuten gekürzt war! Da waren alle Bezüge zur Nazi-Zeit und auf den Krieg herausgeschnitten worden. Es war auf einen ganz gewöhnlichen Kriminal-/Mordfall reduziert. Da ist also nicht ein tschechischer Widerstandskämpfer die Hauptperson, die verfolgt wird und aus dem Konzentrationslager entkommen ist, sondern ein norwegischer Physiker namens Viktor Larsen. Der Name musste so ähnlich wie Victor Laszlo klingen, einfach um das auch lippensynchron übersetzen zu können. Das war ein Physiker, der wegen irgendwelcher geheimnisvollen Deltastrahlen aus einem Gefängnis entkommen war und gejagt wurde. Also eine völlig absurde Handlung, wenn man das Original daneben kennt.

Man glaubte damals, die Westdeutschen im Nachkriegsdeutschland, denen es wieder gut ging und die das Wirtschaftswunder genossen, nicht an diese "unrühmliche Vergangenheit" erinnern zu müssen. Es war seltsamerweise die deutsche Niederlassung von "Warner Bros." selber, die diese Kürzungen vorgenommen hatte. Sicherlich in einem vorauseilenden Gehorsam, weil man fürchtete, die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) in Westdeutschland würde das so nicht durchgehen lassen. Im Ausland ist der Film dagegen im Original gezeigt worden. Der westdeutsche Generalkonsul in Basel hat sich zum Beispiel fürchterlich darüber aufgeregt und hat an das Auswärtige Amt geschrieben, dass es unmöglich sei, jetzt noch einen solch "antideutschen Hetzfilm" zu zeigen.

Wann wurde er dann in der Bundesrepublik in der richtigen Fassung gezeigt?

1975 hat die ARD bei den "Bavaria Studios" die synchrone, originalgetreue Fassung in Auftrag gegeben und ausgestrahlt.

Das Gespräch führte Jochen Kürten.

Norbert F. Pötzl: "Casablanca 1943 - Das geheime Treffen, der Film und die Wende des Krieges", 256 Seiten, Siedler Verlag, ISBN 978-3-8275-0088-5.

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