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Arabische Welt

Unzensiert: Musliminnen sprechen über Menschenrechte

Das neue Buch "Unzensiert" der norwegischen Journalistin Birgitte C. Huitfeldt bietet einen Blick hinter den Schleier: Was heißt es, als Frau in der muslimischen Welt zu leben? Jan Tomes hat mit der Autorin gesprochen.

Der Nahe Osten wird üblicherweise als eine Region von Kriegen, Konflikten und Aufständen beschrieben. Aber die größte Revolution dort - der erfolgreiche Kampf für die Freiheit und Gleichberechtigung von Frauen - steht noch bevor. Dies zeigt das neue Buch "Usensurert" ("Unzensiert") der Autorin Brigitte C. Huitfeldt, das gerade in Norwegen erschienen ist.

Deutsche Welle: Sie haben für Ihr Buch mit prominenten Frauen aus den islamischen Ländern gesprochen. Was mich überrascht: Ihre Interview-Partnerinnen haben sehr wenig über den Islam und den islamischen Fundamentalismus gesprochen, wenn wir einmal Mehla Ahmed Talebna aus Saudi-Arabien ausklammern. Warum ist das so, wo doch das Thema Islam grundlegend für die Frage der Frauenrechte in der Region ist?

Brigitta C. Huitfeldt: Diese Frauen können ihrer täglichen Arbeit weitgehend ungehindert nachgehen, aber über soziale und geschlechtliche Fragen im Zusammenhang mit Religion können sie immer noch nicht völlig frei sprechen. Deshalb habe ich mich entschlossen, mich in meinem Buch auch die Familienstrukturen zu konzentrieren, auf das Patriarchat, auf die Frauenrechte und auf die Frage, welche Gesetze es bräuchte, um Gleichberechtigung für Frauen im Nahen Osten zu schaffen. Ich glaube, die nächste Generation von Frauen wird dann auch in der Lage sein, über den Islam zu sprechen und darüber, wie man ihn ändern kann.

Hajer Sharief, eine 24-jährige Aktivistin aus Libyen, ist eine Vertreterin dieser jungen Generation. Haben Sie da Unterschiede in der Haltung im Vergleich der Generationen festgestellt, was es bedeutet, in diesen Ländern für Frauenrechte zu kämpfen?

Sharief ist ein Kind dieses Krieges. Sie hat den Bürgerkrieg in Libyen 2011 erlebt, als sie aufwuchs. Und das hat dazu geführt, dass sie sich als Aktivistin engagierte und als Sprecherin für den Frieden eintritt. Sharief arbeitet für all die jungen Menschen in ihrem Land. Sie erhebt ihre Stimme für sie und ermutigt ihre Landsleute, gegen Krieg und Unterdrückung einzustehen und für Freiheit, für Wahlmöglichkeiten und Frieden zu kämpfen. Die Art, wie Sharief das macht, ist ganz typisch für ihre Generation: Sie kennt keine Angst, ist pragmatisch und optimistisch.

Ein anderes Beispiel: Die ägyptische Feministin Nawal El Saadawi hat Ihnen mitgeteilt, dass sie nicht an dem Buch mitwirkt, wenn Sie auch eine Frau aus Israel interviewen. Sind es diese Konflikte zwischen Staaten und Religion, die Frauen daran hindern, sich zu solidarisieren und gemeinsam für ihre Rechte im Nahen Osten zu kämpfen?

Sie hat mir das bei unserem ersten Treffen in Kairo 2014 gesagt. Ich habe sie danach gebeten, mir ein paar Zeilen zu schicken, um ihre Bedenken klar zu machen. Aber Nawal El Saadawi hat nie geantwortet. Ihre Antwort wäre sicher interessant gewesen, aber ihr Schweigen ist es ja auch.

Es gibt Frauen, die wollen ihre Nachbarinnen und Geschlechtsgenossinnen zum Schweigen bewegen. Auf diese Art wird Angst erzeugt. Und das hat natürlich nichts mit dem Feminismus zu tun, der sich in demokratischen Gesellschaften entwickeln sollte. Es ist so etwas wie ein angewandtes Patriarchat unter herrschenden Frauen.

Wie werden Frauen heutzutage in der Gesellschaft des Nahen Ostens wahrgenommen?

Bei meinen Gesprächen fand ich es interessant zu lernen, wie sehr die alten Strukturen die Gesellschaft in den Nahost-Ländern immer noch prägt. Und wie schwierig es ist zu unterscheiden: Was ist islamischer Fundamentalismus? Und was sind die alltäglichen Rituale in Familien, die zur Unterdrückung der Frau führen? Wir sprechen hier über Gewalt gegen Frauen unter dem Deckmantel der Ehre im Namen des Islam. Aber wir sprechen auch über die verbreitete Auffassung, dass der Mann die Frau quasi besitzt. Es ist auf jeden Fall noch ein langer Weg, bis Frauen innerhalb der patriarchalischen muslimischen Familie einen anderen Stellenwert genießen werden.

Grundsätzlich muss man auch sagen, dass es da einen Zusammenhang gibt: Je mehr Armut, Krieg und Waffengewalt das Leben in diesen Ländern prägt, desto stärker sind Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen. Das ist allerdings nicht nur ein Phänomen des Nahen Ostens. Frauen sind die schwächsten Ziele, wenn sie sich noch keine Unabhängigkeit erkämpft haben. Und in den muslimischen Familien lernen die Mädchen sehr früh, dass sie im Vergleich zu ihrem Bruder angeblich nur die Hälfte wert sind.

Das Interview mit Canan Arin ist aus verschiedenen Gründen schockierend. Wie ist es denn möglich, dass in der Türkei, die sich ja zu den Grundsätzen der Europäischen Union bekannt hat, eine Frau verurteilt wird, nur weil sie sich für die Rechte von Frauen einsetzt? Weil sie gegen Zwangsehen kämpft und gegen Ehrenmorde, die in diesem Land immer noch an der Tagesordnung sind?

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Wie die Türkei ihre Frauen behandelt, ist nichts anderes als eine Schande! Man muss sagen, dass die Türkei da in einer Reihe mit den rückständigsten Ländern im Nahen Osten steht. Präsident Erdogan verletzt jedes demokratische Grundrecht, durch Zensur und auch durch den sozialen Druck, den sein Regime ausübt. Jeder, der gegen Erdogan ist, wird zum Schweigen gebracht. Aber gleichzeitig erleben wir auch hier eine neue Generation junger Frauen, die einen Weg aus dieser Welt heraus finden, zum Beispiel über Social Media. Diese Frauen reißen die patriarchalischen Mauern ein, gerade weil sie sich nicht den Mund verbieten lassen oder es tolerieren, als "das andere Geschlecht" diffamiert zu werden.

Verstehen wir hier im Westen - und speziell der Feminismus in den westlichen Staaten - die Frauen im Nahen Osten und ihre Bedürfnisse?

Sie müssen mehr als eine Feministin sein, um die arabische Welt und die wirklichen Wünsche der Frauen dort zu begreifen. Ich glaube nicht, dass der westliche Feminismus den dazu Drang verspürt. Oder auch nur die notwendigen Kenntnisse hat. Der "imperialistische Narrativ" der Frauen im Nahen Osten ist schließlich auch im Jahr 2017 noch sehr lebendig. Und dazu gehört aus deren Sicht eben auch, den Austausch zwischen "uns" und "denen" einzuschränken. Eher als sich zu öffnen.

Ich denke, wir müssen auch alle etwas aus unserem Kokon der guten Absichten heraus. Es darf nicht darum gehen, andere Frauen zu ändern oder ihnen ein Leben nach unseren Maßstäben aufzuzwingen. Stattdessen brauchen wir einen Dialog und mehr Verständnis dafür, was die Unterschiede sind und wie wir sie überwinden können. Also, bei uns Feministinnen im Westen ist da auch ein Umdenken notwendig. Das ist eine Herausforderung für uns alle.

 

Brigitte C. Huitfeldt ist norwegische Journalistin und Sachbuchautorin. Für ihr Buch "Uncensored" ("Unzensiert") hat sie mit zehn prominenten Feministinnen aus dem Nahen und Mittleren Osten gesprochen - etwa mit der ägyptischen Menschenrechtsanwältin Nawal El Saadawi, der iranischen Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi, mit Mehla Ahmed Talebna aus Saudi-Arabien und der jordanischen Journalistin Rana Husseini.

Das Gespräch führte Jan Tomes.

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