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Wirtschaft

Ungleichgewichte bringen Handel ins Wanken

Die USA werden schon lange für ihr Exportdefizit getadelt - China und neuerdings auch Deutschland für ihren Überschuss. Sollte die Wirtschaftspolitik versuchen, solche Ungleichgewichte abzubauen?

Hamburger Hafen (Foto: DW)

Deutschlands Exportstärke wird gerade von Frankreich kritisiert

Jahrelang hat das Modell zum weltweiten Boom beigetragen: Die Amerikaner lebten über ihre Verhältnisse - sie importieren massenhaft Produkte Made in China und verschulden sich dabei; die Chinesen exportieren fleißig in die USA und kaufen mit dem so eingenommenen Geld US-Staatsanleihen und finanzieren somit die Schulden der Amerikaner. Das Ergebnis: Die USA sind zum größten Schuldner und China zum größten Gläubiger der Welt geworden.

Jakob von Weizsäcker, Research Fellow am Brüssler Think Tank Bruegel (Foto: Jakob von Weizsäcker)

Jakob von Weizsäcker, Research Fellow am Brüssler Think Tank Bruegel (BRUssels European and Global Economic Laboratory)

Dass dieses Modell auf Dauer nicht funktionieren würde, war vielen klar. Viele Experten sahen im doppelten Defizit der USA - ein Leistungsbilanzdefizit gepaart mit einem gigantischen Haushaltsdefizit - den Ausgangspunkt einer schweren Weltwirtschaftskrise. Es kam bekanntlich anders - die aktuelle Krise hat andere Ursachen, sagt Jakob von Weizsäcker, Forscher am Brüssler Think Tank Bruegel: "Wir haben eine Weltwirtschaftskrise bekommen, die sehr stark vom Finanzsektor, zum Teil auch natürlich vom Platzen der amerikanischen Immobilienblase ausging. Klar ist gleichzeitig aber, dass eine Welt mit starken außenwirtschaftlichen Ungleichgewichten eine Welt ist, die anfälliger ist für Krisen, anfälliger für Domino-Effekte."

Deutschland und China - die Hauptüberschuss-Länder

Ein unangenehmer Domino-Effekt für das exportorientierte Deutschland war, dass die Wirtschaftsleistung hierzulande 2009 um fünf Prozent einbrach, stärker als in anderen Industrieländern. Dass gerade die zwei Länder, der frischgebackene Exportweltmeister China und das auf Platz zwei verdrängte Deutschland die meisten Überschüsse erwirtschaften, verwundert nicht, auch wenn die Ursachen dafür völlig unterschiedlich sind. Die chinesische Führung hat das starke politische Anliegen, "sehr schnell große Teile der Landbevölkerung, die es immer noch gibt in China, die sehr arm sind, in das produzierende Gewerbe zu bringen, das natürlich dann exportorientiert sein muss", sagt Jakob von Weizsäcker. Auch ist die Sorge groß, dass man in eine Krise geraten könnte, weil man sich nicht genug mit Devisen versichert hätte. Zudem gelten Chinesen als Weltmeister im Sparen, da noch kein ausreichendes soziales Auffangnetz vorhanden ist.

Torsten Windels, Chefvolkswirt der Norddeustchen Landesbank (Foto: Norddeutsche Landesbank)

Torsten Windels, Chefvolkswirt der Norddeustchen Landesbank

Doch auch mit einem ausgereiften Sozialsystem neigen die Deutschen nicht dazu, in Saus und Braus zu leben. Für Torsten Windels, Chefvolkswirt der Norddeutschen Landesbank, lebt Deutschland tendenziell unter seinen Verhältnissen: "Das ist sehr überraschend, weil wir jahrelang angeblich über unsere Verhältnisse gelebt haben. Aber bei den hohen Exportüberschüssen, die wir haben, konsumieren wir zu wenig und leben deswegen unterhalb unserer Möglichkeiten des Konsums und des Genusses."

Mehr Spaß und mehr Konsum

Sein Vorschlag an die Landsleute: mehr Spaß am Leben haben und mehr konsumieren. Auch aus den USA waren jüngst solche Vorschläge zu hören.

Doch ist das leichter gesagt als getan. Denn die Reallöhne in Deutschland stagnieren seit Jahren. Die Lohnzurückhaltung der Gewerkschaften hat zwar die deutschen Produkte noch wettbewerbsfähiger gemacht und dadurch den Export weiter befeuert, aber die Binnennachfrage geschwächt.

Einen starken Binnenmarkt braucht auch China, um unabhängiger von der Weltwirtschaft zu werden und die Bevölkerung in einem höheren Maße am Wohlstand partizipieren zu lassen. Mit anderen Worten, den Import stärken, was auch den Leistungsbilanzüberschuss abbauen würde. Dafür wäre eine Aufwertung des Renminbi hilfreich.

Aufwertungsdruck für Renminbi

Dr. Christian Kastrop, Unterabteilungsleiter für Finanz- und Währungspolitik beim Bundesfinanzministerium (Foto: Bundesministerium der Finanzen)

Dr. Christian Kastrop, Unterabteilungsleiter für Finanz- und Währungspolitik beim Bundesfinanzministerium

An der chinesischen Währung entzündet sich überhaupt der Streit über die Ungleichgewichte. Ein explosionsartiges Exportwachstum von 46 Prozent im Februar im Vergleich zum Vorjahr dürfte den Aufwertungsdruck noch erhöhen. Aus dem Reich der Mitte kommen widersprüchliche Signale: Während vor kurzem Notenbankchef Zhou Xiaochuan eine Aufwertung andeutete, wies Premierminister Wen Jiabao auf dem Volkskongress entsprechende Forderungen aus den USA und Europa zurück. Früher oder später, so die persönliche Meinung von Christian Kastrop vom Bundesfinanzministerium, sollten für eine aufkommende Weltmacht wie China flexible Wechselkurse stehen: "China sollte natürlich ein vollwertiges Mitglied im internationalen Währungssystem sein, das ist ganz wichtig für ein wirtschaftlich so starkes Land. Manchmal glaube ich, dass die chinesischen Kollegen die ökonomische und politische Kraft der Volksrepublik China noch unterschätzen."

Defizitländer sollen die größere Last tragen

Aber nicht nur die Überschussländer müssen sich ändern. Größere Anstrengungen müssen von Defizitländern unternommen werden. "Speziell für die Eurozone würde ich sagen, dass die Defizitländer die Anpassungslast zum größeren Teil übernehmen müssen", sagt Christian Kastrop. Torsten Windels von der Norddeutschen Landesbank meint: "Die Amerikaner müssen anfangen zu sparen, um ihre eigenen Investitionen und Staatsschulden selbst zu bezahlen."

Autorin: Zhang Danhong
Redaktion: Henrik Böhme

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