Umweltsünde Mode: Nur ″Fast Fashion″, oder geht es auch nachhaltig? | Wissen & Umwelt | DW | 12.04.2018
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Umweltsünde Mode: Nur "Fast Fashion", oder geht es auch nachhaltig?

Die Bekleidungsindustrie belastet die Umwelt enorm. In einem Jahr verursacht sie mehr Treibhausgasemissionen als alle internationalen Flüge und Schiffe zusammen. Aber auch die Mode könnte umweltfreundlich werden.

In Deutschland stehen sie an jeder Ecke: Altkleidercontainer. Tag für Tag schlucken sie das, was wir nicht mehr haben wollen. Und das ist nicht wenig: 75% alter Kleidung landen in Deutschland im Container.

Was für uns bequem ist, wird woanders zum Problem. Unsere Altkleider werden zum größten Teil in andere Länder verschifft, zum Beispiel nach Asien und Afrika. Was passiert jetzt aber, wenn die unsere Kleidung gar nicht mehr haben wollen? Kürzlich gaben mehrere Länder in Ostafrika bekannt, keine alte Kleidung mehr annehmen zu wollen. 

"Unsere Kleidung verstopft die Wege von Secondhand-Produkten immer mehr. Es ist so viel geworden, dass Länder, in denen es weiter getragen und verarbeitet werden soll,inzwischen sagen: Es reicht", sagt Kirstin Brodde, Textilexpertin bei Greenpeace. 

Joba GmbH Altkleider Container (Joba GmbH)

Altkleidercontainer werden in Deutschland gut genutzt

Diese Verstopfung ist nur ein Symptom des wirklichen Problems. Und das heißt "Fast Fashion". Wir konsumieren zu schnell, und zu viel. In den letzten 15 Jahren ist der Verkauf von Kleidung weltweit um das Doppelte angestiegen, während die durchschnittliche Nutzungsdauer eines Kleidungsstückes stark zurückgegangen ist. Nicht mal ein Jahr behalten wir ein Kleidungsstück im Schnitt. Reparieren? In vielen Fällen keine Option. 

"Kaum jemand weiß heute noch, wie man einen Knopf annäht", so Brodde. Sie kritisiert vor allem die Art, wie wir konsumieren. "Eigentlich müsste es so sein, dass wir weniger kaufen und die Sachen, die wir haben, länger tragen, anstatt alle paar Monate tütenweise Kleidung zum Container zu tragen - in der Hoffnung, dass sie irgendwo am anderen Ende der Welt noch jemand trägt.“ 

Gigantische CO2-Emmissionen

Durch günstige Preise wird solch ein Verhalten geradezu gefördert. Der Preis, den wir im Laden zahlen ist zwar gering, der Preis, den die Umwelt zahlt, dagegen gigantisch. Die gesamte Textilproduktion verursacht in nur einem Jahr über eine Milliarde Tonnen CO2. Das ist mehr als alle jährlichen internationalen Flüge und Schifffahrten zusammen. Dazu kommt die Verschmutzung der Meere durch Mikroplastik aus Textilfasern und die Verwendung giftiger Chemikalien

Philippinen Umweltverschmutzung Tullahan (Greenpeace/Gigie Cruz-Sy)

Chemikalien aus der Textilproduktion gelangen leicht ins Wasser

"Unternehmen bräuchten mehr Druck, wie Produktion aussehen muss und wie ökologisch sie sein muss. Dadurch würde automatisch die Produktion teurer werden und man könnte nicht mehr derart billig produzieren", so Brodde. Sie arbeitet für die Detox-Kampagne von Greenpeace, die Unternehmen dazu berät, wie sie ohne die Verwendung von giftigen Chemikalien produzieren können. 79 globale Modemarken von H&M über Adidas bis hin zu Aldi haben sich darin verpflichtet, bis 2020 Schadstoffe durch ungefährliche Substanzen zu ersetzen.

Alles nur eine Frage des Marketings?

Derartige Projekte zeigen, dass auch große Modeketten erkannt haben, dass Nachhaltigkeit im Trend liegt. Aber steckt wirklich mehr dahinter als bloßes Marketing? "Auch große Modefirmen werden sich längerfristig umstellen müssen", sagt eine Sprecherin des Verbandes der deutschen Textil- und Modeindustrie. Dabei komme der Deutschen Textilindustrie eine Vorreiterrolle zu: "Die sozialen und ökologischen Standards der Textil- und Modeindustrie in Deutschland zählen zu den höchsten weltweit. Der umweltbewusste Umgang der Branche mit Ressourcen ist ein internationales Vorbild". 

Öko-mode Biomode Mode Natur Umweltfreundlich (mago)

Nachhaltige Mode: nur ein Trend?

Eine Umstellung in Richtung Nachhaltigkeit hält auch Kirstin Brodde für unumgänglich. Laut einer Studie der Ellen McArthur Foundation würde Weitermachen wie bisher zu noch katastrophaleren Auswirkungen auf die Umwelt führen. Denn auch durch wachsende Märkte wie Afrika und Asien wächst die Nachfrage für Kleidung stetig an. Sollte die Kleidungsproduktion so weiter gehen wie bisher, wäre sie im Jahr 2050 dreimal so groß wie jetzt.

Kreislaufwirtschaft als Lösungsansatz

Ein Lösungsansatz, an dem aktuell geforscht wird, um die Bekleidungsindustrie nachhaltiger zu machen, ist die sogenannte "Circular Economy", also Kreislaufwirtschaft. Das bedeutet, dass nachhaltige Rohstoffe so lange wie möglich wiederbenutzt werden können. Im Idealfall würde ein solcher Kreislauf nur mit erneuerbaren Energien betrieben. 

Mehrere große Unternehmen haben bisher eingewilligt, dieses Ziel zu verfolgen. Auch H&M hat sich beispielsweise dazu entschieden, seine Nachhaltigkeitsstrategie dahingehend zu überarbeiten. "Wir wollen zu 100 Prozent zirkulär werden, indem wir nur recycelte oder andere nachhaltig erzeugte Materialien in unsere Produktion einbeziehen", betont Anna Gedda, Projektleiterin für Nachhaltigkeit bei H&M. Im letzten Jahr war das Unternehmen stark in die Kritik geraten, nachdem bekannt wurde, dass große Mengen an Kleidung aufgrund von Überproduktion einfach verbrannt werden.

"Die Industrie muss runter vom Tempo, was die gewaltige Überproduktion von Kleidung angeht und wir selber müssen runter vom Tempo, indem wir nicht ständig mehr kaufen, obwohl unsere Kleiderschränke überquellen. Wir müssen wieder lernen, Dinge zu reparieren", fordert Brodde.

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