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Kultur

Umstrittenes Weltkriegsmuseum in Danzig öffnet seine Tore

In dem neuen Bau werden die Entstehung und der Verlauf des Krieges erfahrbar. Doch im Mittelpunkt steht das Schicksal von Soldaten und Zivilisten, stehen Opfer wie Täter. Die DW hat das Museum schon einmal besucht.

In Danzig, ganz nah an der Altstadt, in einem Stadtviertel, das im Krieg völlig zerstört wurde, ist etwas Neues entstanden: Ein ungewöhnlicher, ziegelroter Bau ragt im Winkel von 56 Grad aus der Erde. Wie der Schaft einer Rakete, die eingeschlagen ist und jeden Moment explodieren könnte. Das polnische Architekturbüro "Kwadrat" hat das Gebäude entworfen. Eine Seite ist völlig verglast, von hier aus geht der Blick auf die Altstadt. Doch wer die Schätze dieses Hauses entdecken will, der muss unter die Erde.

In Stockwerk "minus drei", wo die Dauerausstellung ist, wurde bis in die letzten Tage gehämmert und geklebt, geschrubbt und gefegt. "Besichtigung nicht mehr möglich", hieß es auch für Journalisten. Nur eine Ausnahme wurde gemacht: Bei einer Führung für Museumsmitarbeiter aus Krakau durfte auch die Deutsche Welle dabei sein.

Die Geschichte einer Wohnung in Warschau

Wer die Ausstellung betritt, kommt zuerst in drei Räume, die sehr anschaulich und leicht verständlich zeigen, was der Krieg für eine Warschauer Wohnung bedeutete. Erst betreten wir sie im Jahr 1939: Hier wohnt eine jüdische Familie. Dann kommen wir 1943 zu Besuch: Die früheren Bewohner sind im Ghetto, dafür ist eine aus der Stadt Gdynia (Gdingen) vertriebene polnische Familie eingezogen. Unsere letzte Visite fällt ins Jahr 1945. Der Sohn der Familie war im Widerstand gegen die deutschen Besatzer und ist im Warschauer Aufstand gefallen. Seine Angehörigen kehren aus einem Lager zurück. Ihr neuer Nachbar ist ein kommunistischer Milizionär.

Die Räume zu Beginn der Ausstellung sind für junge Besucher gedacht und nur ein Vorgeschmack auf das Schreckliche, was im Hauptteil des Museums kommt. Der Zweite Weltkrieg mit seinen 50 Millionen Toten war "die größte Katastrophe in der Geschichte der Menschheit", heißt es bei Betreten des Museums. In drei weiteren Sälen werden die totalitären Systeme der dreißiger Jahre vorgestellt, jenes in Deutschland, das der Sowjetunion und jenes in Italien. Die hier gezeigte Hitler-Büste von Josef Thorak wurde erst 2015 im Garten des Nationalmuseums in der Stadt Danzig ausgegraben. Weitere behandelte Themen sind der spanische Bürgerkrieg, Hitlers Expansionspolitik.

Zwei Panzer und eine Stalin-Pfeife

Weltkriegsmuseum in Danzig (DW/G. Gnauck)

Großes Thema im Museum: die Alltagskultur mit allem, was dazugehört. Auch Stalins Pfeife ist somit ausgestellt.

Schließlich wird der Krieg behandelt - jedoch nicht im Sinne von Schlachten und Frontverläufen. Im Mittelpunkt stehen Leben und Schicksal von Zivilisten und Soldaten. In einem besonders beeindruckenden Saal wird auf einer Leinwand in einer langen Folge von Aufnahmen der Bombenkrieg gezeigt. Die Bombardierung Warschaus, Londons, Hamburgs, Dresdens, aber auch kaum bekannte Aufnahmen von der sowjetischen Bombardierung Helsinkis 1940 sind unkommentiert zu sehen. Im Hintergrund ertönt dazu die "Leningrader Symphonie", mit der Dmitrij Schostakowitsch an die Blockade seiner Heimatstadt erinnerte.

Das Museum zeigt neben militärischem Gerät, etwa einem amerikanischen und einem sowjetischen Panzer, vor allem Gegenstände der Alltagskultur und persönliche Erinnerungsstücke. Ein dänischer Diplomat übergab dem Museum die Tabakpfeife Josef Stalins. Bei der Beschaffung von Uniformen dieser Zeit, erzählt der Vizedirektor des Museums, Piotr Majewski, "war es besonders schwierig, die Unterteile zu bekommen. Der Grund: Hosen nutzten sich am schnellsten ab."

Die Glocke des Flüchtlingsschiffs "Wilhelm Gustloff"

Zu sehen sind außerdem ein Damenfahrrad, mit dem unter dem Vichy-Regime Lebensmittel geschmuggelt wurden, und die Haustürschlüssel von Juden, die in dem Pogrom von Jedwabne von ihren polnischen Nachbarn ermordet wurden. Ein Taschentuch wird gezeigt, auf dem der Pole Boleslaw Wnuk 1940 seine Abschiedsbotschaft an seine Familie geschrieben hat: "Heute werde ich von den deutschen Behörden erschossen."

Auch die Schiffsglocke der "Wilhelm Gustloff", die mit tausenden deutschen Flüchtlingen an Bord unterging, hat ihren Weg in das Museum gefunden. Etwa die Hälfte der 2000 Exponate sind Geschenke oder Leihgaben, viele davon von Privatpersonen. Das Museum kommt mit erstaunlich wenig Text aus. Der Schwerpunkt liegt auf Filmen und Bildern, auch - zum Teil reproduzierten -Plakaten aus der Zeit, sowie auf Gegenständen. Beschriftet ist alles in polnischer und englischer Sprache.

Weltkriegsmuseum in Danzig (DW/G. Gnauck)

Das Danziger Museum lebt von Filmen, Bildern und Erinnerungsstücken

Polens Premier Tusk förderte das Projekt

Die Idee, ein solches Haus zu bauen, geht auf den heutigen Direktor Pawel Machcewicz zurück. Nach der heftigen internationalen Debatte über das Gedenken an die Vertreibung Millionen Deutscher forderte der Historiker 2007, das gesamte Kriegs- und Nachkriegsgeschehen als großen, nicht teilbaren Kontext in einem Museum darzustellen. Zugleich sollte die Erfahrung Ostmitteleuropas in der europäischen Erinnerung endlich angemessen zur Geltung kommen.

Polens Premier Donald Tusk hat das Vorhaben gefördert und den Bau - trotz Finanzkrise - mit umgerechnet gut 100 Millionen Euro gefördert. Der Historiker Tusk stammt aus einer alten Danziger Familie und war auch Erforscher der Danziger Regionalgeschichte. Dagegen hat Polens heutige Regierung dem Museum mit seinen 70 Mitarbeitern für 2017 insgesamt nur 2,7 Millionen Euro bewilligt. Sie wirft dem Museum vor, zu "universalistisch" und zu wenig polnisch zu sein.

Ein Museum, das den Versuch unternimmt, das gesamte Geschehen des Weltkriegs abzubilden, gab es bisher noch nirgendwo auf der Welt. Allerdings könnte das Museum bald wieder in Gefahr geraten: Die Regierung will es mit einem anderen, winzigen Museum in Danzig "vereinigen" und sich damit vom Direktor trennen. Am 5. April soll ein Urteil des Obersten Verwaltungsgerichts Polens darüber entscheiden. Machcewicz will auch dann weiterkämpfen: "Wir haben mit Juristen gesprochen und sehen gute Chancen, unsere Ausstellung, an der wir jahrelang gearbeitet haben, über das Urheberrecht gegen Änderungen zu verteidigen."

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