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Politik

Umstrittener Besuch des Yasukuni-Schreins

Im Yasukuni-Schrein werden auch Kriegsverbrecher geehrt. Japans Premier Koizumi hat ihn wieder besucht, China und Südkorea protestieren. DW-WORLD.DE sprach mit der Japanologin Blechinger-Talcott über den Konflikt.

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Sechs Mal hat Japans Premier den umstrittenen Yasukuni-Schrein bereits besucht

DW-WORLD.DE: Koizumi hat heute zum ersten Mal am Jahrestag der Kapitulation Japans den Yasukuni-Schrein besucht. Seit seinem Amtsantritt macht er das aber regelmäßig - wenn nicht am 15. August, dann in den Monaten davor oder danach. Warum besucht er den Schrein denn immer wieder, obwohl er doch weiß, dass dort neben Soldaten auch Kriegsverbrecher geehrt werden?

Verena Blechinger-Talcott: Koizumi appelliert da ganz klar an die sehr rechts oder sehr national gesinnten Wähler. Gleichzeitig hat er vor allem in der Gesundheitspolitik Karriere gemacht. Und hier hat die so genannte Vereinigung der Hinterblieben der Kriegstoten großen Einfluss. Diese wiederum ist einer der wichtigsten Parteispender von Koizumis liberal-demokratischen Partei. Mit einem Besuch am Schrein sorgt er so nicht nur für Wählerstimmen, sondern verschafft sich eventuell auch Spenden für die nächste Wahlkampagne.

Warum hält sich der Groll auf chinesischer und koreanischer Seite auch noch nach so langer Zeit?

Zum einen, weil es keine Aufarbeitung gegeben hat, wie zum Beispiel in Deutschland. Die hat es in Japan unter anderem deshalb nicht gegeben, weil es im Kalten Krieg ein enger Verbündeter der USA gegen China war. Als dann der japanisch-chinesische Freundschaftsvertrag geschlossen wurde ( 1972, d. Red.) hat man gesagt, die Kriegsereignisse sind sozusagen abgegolten. Und Japan wollte sich nicht entschuldigen, weil sie dachten, daraus ergeben sich finanzielle Forderungen. Zum zweiten ist der kulturelle Aspekt wichtig, die Ahnenverehrung, die in Japan eine große Rolle spielt. Gerade nationalistisch eingestellte Politiker der Liberal-Demokratischen Partei sagen, 'mein Bruder ist in diesem Krieg gefallen, wenn ich jetzt sage, dass Japan sich falsch verhalten hat, dann besudele ich damit auch das Andenken meines Bruders.'

Was sagt die japanische Bevölkerung dazu?

Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt innerhalb der japanischen Zivilgesellschaft zahlreiche Gruppen, die sich sehr aktiv für eine Versöhnung mit Ostasien, insbesondere China und Korea, einsetzen. Auf der anderen Seite gibt es immer noch die harten Nationalisten, die sagen, Japan habe keine Fehler begangen im Zweiten Weltkrieg. Das seien Handlungen gewesen, die in Kriegen passierten und damit müssten die Ostasiaten sich eben abfinden. Und dann kommt auch der japanische Kaiser mit ins Spiel. Wenn man zugibt, dass man sich falsch verhalten hat, kritisiert man auch das Kaiserhaus und das ist ein sehr großes Tabu.

Aber es gab im Laufe der Zeit schon mehrere Entschuldigungen japanischer Spitzenpolitiker für die begangenen Kriegsgreuel. Warum reicht das China und Sürkorea nicht?

Für China ist das Ganze natürlich auch ein diplomatisches Mittel. Immer, wenn man eine Auseinandersetzung mit Japan hat, kann man die Vergangenheit hervorholen und als Argument benutzen, um noch mehr herauszuschlagen für die chinesische Politik. Und es wird immer gesagt, dass die Entschuldigungen nicht weitreichend genug waren. In der Tat, bis Mitte der 1990er Jahre wurde häufig nur von einer "unglücklichen Vergangenheit" der beiden Staaten gesprochen. Und es folgten dann kaum Taten im Sinne von Reparationsleistungen.

Wie könnte sich der Konflikt denn dann überhaupt lösen lassen?

Wichtig wäre sicherlich, ein neutrales Kriegerdenkmal zu haben. Eine Gedenkstätte, an der man auch mit einem Staatsbesuch gemeinsam der Kriegstoten gedenken kann. Das ist ja in Japan aufgrund der Situation mit dem Yasukuni-Schrein nicht möglich. Durch die Trennung von Staat und Religion, wie sie in der japanischen Verfassung festgeschrieben ist, gab es aber lange Zeit Widerstände dagegen, neben dem Yasukuni-Schrein, der ja privat betrieben wird, noch ein offizielles Kriegerdenkmal zu errichten. Es gibt eines in einem Park in Tokio, aber da geht nie einer hin. Und sonst ist der Konflikt wahrscheinlich auf Dauer nur durch kontinuierlichen Austausch und die Aufarbeitung der Vergangenheit zu lösen.

Inwiefern schadet sich Japan selbst damit, dass es seine Geschichte nicht aktiver aufarbeiten?

Die tagtäglichen Geschäfte, zumindest in der Außen- und Wirtschaftspolitik, werden davon kaum berührt. Es gibt einzelne Fälle wie beim Kauf von Bahntechnologie, bei denen China sagt, das machen wir nicht, weil Koizumi wieder zum Yasukuni-Schrein gegangen ist. Doch das Tagesgeschäft zwischen den Ländern funktioniert sehr gut. Aber für Japan ist der Konflikt natürlich ein extremes Handicap in der Außenpolitik. Wann immer der 15. August näher rückt, weiß man schon, dass sich die Kritik an Japan häufen wird. Und wenn man als Land eine international führende Rolle spielen will, eventuell mit einem Sitz im Sicherheitsrat, dann geht das nicht mit dieser ungelösten Vergangenheit.

Verena Blechinger-Talcott

Verena Blechinger-Talcott ist Professorin für Japanologie an der Freien Universität Berlin

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