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Kultur

Umstrittene Sammlung: Plakate von Hans Sachs

Der Bundesgerichtshof hat entschieden, dass das Deutsche Historische Museum eine Plakatsammlung an den Sohn eines in der NS-Zeit emigrierten Sammlers herausgeben muss. Nicht nur eine juristische Frage.

Plakatmotive, Plakatsammlung Hans Sachs, Deutsches Historisches Museum. Werbeplakat der Zigarettenfirma Adler-Companie AG. Doyen Cigarette 3 Pf. Entstanden im Jahr 1913, in Berlin. Entwerfer: Scheurich, Paul (New York 1883 – 1945 Brandenburg od. Berlin) Maler, Graphiker, Gebrauchsgraphiker, Plakatkünstler, Bühnenbildner. Copyright: Deutsches Historisches Museum ***Nur in Zusammenhang mit der Ausstellung Plakatsammlung Hans Sachs, Deutsches Historisches Museum***

Cigaretten für den soignierten Herrn, ein Werbeplakat von 1913

Er war ein wohlhabender, gut situierter Großbürger - Zahnarzt, Wissenschaftler, Kunstsammler. In Berlin, der Stadt der Revuen, Kaffeehäuser und Filmpaläste frönte Hans Sachs einer Leidenschaft, die schon in seiner Jugend begonnen hatte: er sammelte Reklameplakate. Die aber waren damals, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, mehr als simple und vergängliche Gebrauchsgrafik. Bekannte Künstler wie Henry van de Velde, Karl Hofer, Edmund Edel malten, zeichneten und warben für neue Kaffeesorten, Theateraufführungen, Zirkusdarbietungen, Tanznachmittage, Unterhaltung im Casino oder das neue Medium Kino. Die Plakate waren populär, wurden begehrte Sammlerobjekte – und das sind sie bis heute geblieben.

Anfang des 20. Jahrhunderts stößt Sachs Plakatsammlung auf große Resonanz. Er macht sich rasch einen Namen als Experte, gründet einen "Verein der Plakatfreunde", eine Zeitschrift – in der er fast alle Artikel unter drei verschiedenen Pseudonymen selbst schreibt. Seine Sammlung wächst schnell an. Blätter aus Frankreich, Ungarn, den USA und England kommen hinzu. 1926 schließlich befinden sich 12.300 Plakate im Besitz des prominenten Berliner Sammlers. 1935 wurde sein Engagement jäh beendet.

Plakatmotive, Plakatsammlung Hans Sachs, Deutsches Historisches Museum. Werbeplakat des Schuhherstellers Salamander. Entstanden im Jahr 1912, in Berlin. Entwerfer: Deutsch-Dreyden, Ernst (Wien 1883 – 1938 Los Angeles) Maler, Innenarchitekt, Gebrauchsgraphiker, Modezeichner, Filmausstatter. Copyright: Deutsches Historisches Museum ***Nur in Zusammenhang mit der Ausstellung Plakatsammlung Hans Sachs, Deutsches Historisches Museum***

Salamander schmückte die Füße eleganter Damen - das Plakat entstand 1912

Beschlagnahmte Kunst

Die Nationalsozialisten sind an der Macht. Sachs wird als Jude gebrandmarkt. Kurze Zeit kann der Zahnarzt noch praktizieren, der Plakatfreund noch Blätter ausstellen. Dann setzt sich die Verfolgungsmaschinerie in Gang: Verhöre bei der Gestapo, Hausdurchsuchungen, schließlich Verhaftung und Deportation ins Konzentrationslager Sachsenhausen. Der 58jährige hat Glück im Unglück. Er wird nach ein paar Wochen freigelassen – und kann mit seiner Familie in die USA emigrieren. Seine wertvolle Sammlung allerdings bleibt in Deutschland zurück. Beschlagnahmt vom NS-Propagandaministerium, nachdem Sachs nicht bereit war, die Kollektion an die neuen Machthaber zu verkaufen. Propagandaminister Goebbels plant, sie einem künftigen Museum einzuverleiben.

Der Neuanfang in New York ist für den jüdischen Emigranten aus Deutschland schwierig. Ganze zehn Mark darf Sachs in die neue Heimat mitnehmen, kaum Hausrat und nur wenige ärztliche Instrumente. Er ist bereits sechzig Jahre alt und muss nun an amerikanischen Unis Prüfungen ablegen, um überhaupt als Zahnarzt praktizieren zu können. Seine Kunstsammlung scheint derweil drüben im von Krieg gezeichneten Europa verschwunden.

Irrwege einer Sammlung

"Die Verbleibsgeschichte der Plakatsammlung Hans Sachs ist schwierig", sagt Dieter Vorsteher-Seiler, Sammlungsdirektor und Vizepräsident am Deutschen Historischen Museum Berlin. Ein bisschen schlauer aber sei man im Laufe der Jahre geworden. So habe man rekonstruieren können, dass Teile davon am Ende des Zweiten Weltkrieges an verschiedene Orte ausgelagert, andere später im Keller des damaligen Museums für deutsche Geschichte der DDR entdeckt worden seien.

Hans Sachs allerdings wähnte seine Sammlung unwiederbringlich verloren. Deshalb beantragt er eine Entschädigung und bekommt 1961 von der Bundesrepublik 225.000 D-Mark. Wenige Jahre später erfährt er von dem Fund in der DDR, bietet seine Hilfe bei Archivierung und Registrierung an, aber der nunmehr herrschende Kalte Krieg lässt solche Kontakte nicht zu. Sachs stirbt 1974 – seine Sammlung bekommt er nie wieder Gesicht. Ihre Überbleibsel wurden nach der Wiedervereinigung im Deutschen Historischen Museum in Berlin zusammengeführt. "Wir haben hier im Haus insgesamt 40.000 Plakate", erläutert Sammlungsleiter Vorsteher-Seiler. "Auf der Suche nach Blättern aus der Kollektion Sachs haben wir 300 Schubladen durchforstet und 4.700 Exemplare gefunden, identifiziert und registriert. Sie liegen hier zusammen in großen Mappenschränken." 1992 wurden die Plakate in einer Ausstellung unter dem Titel „Kunst – Kommerz – Visionen“ gezeigt.

Plakatmotive, Plakatsammlung Hans Sachs, Deutsches Historisches Museum. Werbeplakat für die Automarke Opel. Entstanden im Jahr 1911, in Berlin. Entwerfer: Erdt, Hans Rudi (Benediktbeuren 1883 – 1925 Berlin) Gebrauchsgraphiker. Copyright: Deutsches Historisches Museum ***Nur in Zusammenhang mit der Ausstellung Plakatsammlung Hans Sachs, Deutsches Historisches Museum***

Schneidige Männer fuhren 1911 Autos von Opel

Ein Rechtsstreit beginnt

2006 – die Frist für die Anmeldung von Restitutions-Ansprüchen ist abgelaufen - meldet der in den USA lebende Sohn Peter Anspruch auf Rückgabe der Plakatkollektion an. Er wählt dazu den Weg der Zivilklage. Dies ist der Auftakt für einen jahrelangen Rechtsstreit durch verschiedene Instanzen, der bis zum Bundesgerichtshof geht und jetzt zu Ende ist. Anwälte der Familie haben argumentiert, Hans Sachs sei nie formal enteignet worden, habe mithin sein Eigentum nicht verloren. Die Sammlung aber befindet sich mittlerweile im Besitz des Deutschen Historischen Museums. Der Berliner Rechtsanwalt und Raubkunst-Experte Gunnar Schnabel hält dies für eine "absurde" Situation: "Das ist ein Auseinanderfallen von Eigentums- und Besitzrechten". Das Argument der Fristversäumnis lässt er nicht gelten. Und auch die bereits erfolgte Entschädigungszahlung stehe einer Rückgabe nicht entgegen.

Unrecht und Moral

Aber, so Schnabel, es gibt auch noch eine moralische Seite: "Unrecht bleibt Unrecht. Wir können einen Fakt nicht leugnen: Hans Sachs wurde von der Gestapo verfolgt, er war kurzzeitig im KZ, er konnte kurz bevor die Deportationen begannen, noch ausreisen, mit zehn Reichsmark in der Tasche. Und er musste seine Sammlung zurücklassen. Die wurde beschlagnahmt, aber er hat sein Eigentum daran nicht verloren. Und deshalb ist dies ihm beziehungsweise seinen Erben bedingungslos zurückzuerstatten. Das ist eine moralische Verpflichtung Deutschlands, der man sich nicht durch juristische Spitzfindigkeiten entziehen kann."

Ein wegweisender Richterspruch

"Auch für uns ist das eine furchtbare Situation", sagt Sammlungsdirektor Vorsteher-Seiler vom Deutschen Historischen Museum, wo man die wertvolle Plakatkollektion gerne behalten hätte. Jetzt hat der Bundesgerichtshof zugunsten des Sachs-Sohnes entschieden, also werde man das Urteil "mit kühlem Herzen professionell umsetzen", so Vorsteher-Seiler. "Als Privatperson finde ich diese Entscheidung sehr schade", bedauert der Sammlungsdirektor. Es sei das Ende eines Stücks Kultur- und Sammlungsgeschichte. "Das tut schon weh“, so Vorsteher-Seiler. Anwalt Schnabel war sich allerdings sicher, dass der Bundesgerichtshof (BGH) zugunsten der Nachkommen von Hans Sachs entscheiden würde. "Es existieren eine Vielzahl von anderen, vergleichbaren Fällen, wo Deutschland, beziehungsweise deutsche Museen zwar im Besitz von Kunstwerken sind, aber möglicherweise zivilrechtlich nicht Eigentümer. Das positive Urteil des BGH ist ein Signal für alle diese Eigentümer, heute noch zu versuchen, ihre Kunstwerke zurückzubekommen.“

Die Plakatsammlung Sachs freilich könnte – wie manche fürchten – jetzt auseinander gerissen und stückweise verkauft werden. Sothebys und andere Auktionshäuser wissen wohl schon, welch ein Schatz da auf den Markt kommen könnte, heißt es. Immerhin hat die Plakatkollektion heute einen Schätzwert von 4,5 Millionen Euro.

Autorin: Cornelia Rabitz
Redaktion: Sabine Oelze

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