1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutsche und der IS

Umgang mit "Dschihadisten-Bräuten": Traumatherapie oder Knast?

Die Mitgliedschaft in einer Terrorvereinigung ist kein Kavaliersdelikt. Aber reicht es, deutsche Mädchen, die sich dem IS anschlossen, nach ihrer Rückkehr nach Deutschland einfach wegzusperren?

Linda W. will nach Hause. Die 16-jährige, die vor einem Jahr ihren Heimatort Pulsnitz in Sachsen verließ, um sich der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) im Irak anzuschließen, sagte in einem Interview der Medien NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung, dass sie ihre Entscheidung bereue, in den Irak gegangen zu sein.

"Ich will nach Hause zu meiner Familie", sagte die Jugendliche. "Ich will weg aus dem Krieg, weg von den vielen Waffen, dem Lärm."

Linda wurde bei einer Militäroperation in Mossul von irakischen Soldaten gefasst und soll sich zur Zeit auf der Krankenstation einer Kaserne in Bagdad befinden. Unter irakischer Justiz könnte ihr die Todesstrafe drohen - in Deutschland gibt es die nicht.

Justizauftrag: Besserung

In der Bundesrepublik hat der Generalbundesanwalt ein Ermittlungsverfahren gegen Linda und drei weitere Beschuldigte eingeleitet, "bei denen wir davon ausgehen, dass es sich um Deutsche handelt", wie ein Sprecher der Bundesanwaltschaft der DW mitteilte.

Ermittelt wird gegen die vier Frauen wegen der Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung. Linda hat angekündigt, mit den Behörden zu kooperieren. Sollte die Rückkehr nach Deutschland gelingen, ist dennoch unklar, wie es für sie und die anderen Frauen weitergehen würde.

"Zugehörigkeit zum IS ist ein Verbrechens-Tatbestand, sogar eine kapitale Straftat. Da stünde zunächst die Untersuchungshaft an", sagt Frank Buchheit, Sozialwissenschaftler und Experte im Bereich Extremismusprävention beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg. "Aber die Justiz hat ja den Auftrag, dass die Leute hinterher besser aus dem System rausgehen sollen, als sie reingekommen sind. Dazu gehört auch so etwas wie psychosoziale Beratung."

Dass Gefängnisse einer Deradikalisierung junger Menschen eher entgegen wirken, hat sich zuletzt bei Anis Amri gezeigt. Der junge Mann saß Jahre lang in italienischer Haft, bevor er im Dezember 2016 den Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt verübte, bei dem 11 Menschen starben.

Vertrauen aufbauen

Einfach nur wegsperren ist also keine Lösung. Schließlich sollen junge Extremisten davon überzeugt werden, sich von der Gewalt abzuwenden, damit sie wieder in die Gesellschaft integriert werden können.

Thomas Mücke ist Geschäftsführer und Mitgründer des Violence Prevention Networks, einer Organisation, die sich der Extremismusprävention und Deradikalisierung verschrieben hat. Er hat schon mit mehreren IS-Rückkehrern gearbeitet und sagt, dass an erster Stelle die juristische Aufarbeitung steht. Aber schon in der U-Haft und später im Gefängnis sprechen er und seine Kollegen mit den Rückkehrern.

"Wir wollen Vertrauen aufbauen", erklärt Mücke im DW-Gespräch. "Viele von ihnen [den Rückkehrern] haben Zweifel an der Ideologie und da knüpfen wir an. Und wir arbeiten auch nach der Zeit im Gefängnis mit ihnen."

"Fokus muss auf Prävention liegen"

Wie wichtig es ist, langfristig mit Menschen zu arbeiten, die sich in jungen Jahren radikalisiert haben, betont auch Susanne Schröter, Leiterin des Frankfurter Zentrums für Globalen Islam. "Deradikalisierung ist ein langwieriger Prozess; da muss man mit vielen Rückschlägen umgehen können", sagt Schröter der DW. Sie betont, dass es sinnvoller sei, anzusetzen, bevor Jugendliche überhaupt extremistischen Ideologien verfallen: "Der Fokus muss auf der Prävention liegen."

Screenshot von einem IS Twitter Account (picture-alliance/AP)

IS-Kämpfer präsentieren sich auf sozialen Medien auch schon mal als Volkshelden - das kommt an bei jungen Frauen

Um einer Ausreise wie Lindas in den Nahen Osten zuvorzukommen, sei es wichtig zu verstehen, wie der IS es schafft, ein Leben als sogenannte "Dschihad-Braut" jungen Frauen als reizvoll zu verkaufen.

Terroristen als sanfte Katzenliebhaber

Eine besonders wichtige Rolle dabei spielt die Social Media-Präsenz der Terrormiliz. Der IS postet nicht nur Terrorvideos, auf denen zu sehen ist, wie vermummte Männer ihren Geiseln den Kopf abschlagen. Die Terroristen haben regelrechte Kampagnen, mit denen sie bestimmte Zielgruppen über alle Netzwerke hinweg ansprechen.

Mädchen wird verkauft, dass sie, wenn sie zu IS-Kämpfern nach Syrien oder in den Irak reisen, auf starke Helden treffen werden, die sie schätzen und beschützen werden. Ihnen werden Liebesgeschichten zwischen mutigen Kriegern und jungen, westlichen Frauen präsentiert, oder Videos, in denen sich die Terroristen als liebevolle Männer darstellen, die mit niedlichen Kätzchen spielen. Das Ganze läuft über die Kanäle, auf denen Jugendliche viel Zeit verbringen: Youtube, Instagram, Snapchat.  

Wie genau sich Linda radikalisierte, bevor sie so weit war, in ein Kriegsgebiet zu reisen, ist noch nicht klar. Bisher hat sie nur erzählt, dass sie über die Türkei und Syrien in den Irak kam und in Mossul als Ehefrau eines IS-Kämpfers lebte, der kurz nach ihrer Ankunft starb. Was hinter diesen Eckpunkten liegt, müsse in vielen Gesprächen aufgearbeitet werden, sagt Mücke: "Die Traumatisierung in diesem Fall ist vermutlich hoch."

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links