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Wirtschaft

Umbau bei Siemens

Ist das Glas nun halbvoll oder halbleer? Ist ein Gewinnrückgang um ein Viertel ein Ausrutscher oder Vorbote noch größerer Katastrophen? Das fragten sich Siemens-Aktionäre auf der Hauptversammlung in München.

Das ist schon eine große Hausnummer: Im vergangenen Quartal sackte der Gewinn der Münchner binnen Jahresfrist um ein Viertel auf knapp 1,1 Milliarden Euro ab, obwohl die Umsätze um drei Prozent kletterten. Erstaunlich, wie unterschiedlich man diese Zahlen interpretieren kann. Denn Vorstandschef Joe Kaeser zeigte sich für das erste Quartal trotz allem zufrieden. "Die meisten unserer Geschäfte haben sich im Rahmen unserer Erwartungen entwickelt", sagte er. Für das Gesamtjahr will er nach wie vor den Gewinn je Aktie um mindestens 15 Prozent steigern.

Die Aktionäre freilich haben das anders gesehen. Sie nahmen nach diesen Zahlen erst einmal Gewinne mit: Die Titel des Industriekonzerns verbilligten sich um mehr als drei Prozent auf 99,66 Euro waren damit schwächster Dax -Wert. Siemens-Aktien hatten seit Jahresbeginn knapp zehn Prozent zugelegt.

Viele Baustellen

Am Aktienmarkt wir bekanntlich die Zukunft gehandelt, und viele Aktionäre scheinen die Zukunft des Münchener Konzerns nicht allzu rosig einzuschätzen - es gibt gleich mehrere Problemfälle, für die Joe Kaeser den Aktionären eine überzeugende Lösung präsentieren muss. Der erste Problemfall ist das Thema Öl. Etliche Aktionärsvertreter sehen den geplanten Kauf des US-Kompressorherstellers Dresser-­Rand als strategische Fehlentscheidung.

Denn Dresser­Rand beliefert vor allem die Öl­ und Gasindustrie. Als Siemens im Herbst ein Angebot in Höhe von 7,6 Milliarden Dollar abgab, kostete ein Fass Öl noch deutlich über 90 Dollar, heute liegt der Preis bei nicht einmal 50 Dollar. Wie Siemens Dresser­Rand integriert und wie sich in den kommenden Jahren der Ölpreis entwickelt, das wird die Amtszeit des Joe Kaeser begleiten.

Auf der Hauptversammlung räumte er immerhin ein, dass die Kundschaft im Ölgeschäft ihre Investitionen kurzfristig drosseln könnte. Langfristig blieben aber die Wachstumsaussichten ungebrochen, zeigte er sich zuversichtlich. Kurzfristig müsste der US-Turbinenspezialist womöglich Rückschläge verkraften, über die Jahre werde sich der Kauf für Siemens aber rechnen.

Hausgeräte bringen Sondegewinn

Derzeit gebe es keinen Abschreibungsbedarf, weder durch Währungseffekte noch durch veränderte Geschäftsaussichten, beteuerte auch Finanzchef Ralf Thomas. Er kann sich im laufenden Quartal durch den Verkauf des Anteils an Bosch Siemens Hausgeräte und der Hörgerätesparte auf einen Sondergewinn von drei Milliarden Euro vor Steuern freuen.

Es gibt aber noch eine zweite Baustelle im Konzern. Denn der Umbau der Medizintechnik könnte das prägende Thema der kommenden Jahre werden. Noch verdient Siemens mit seinen mehrere Millionen Euro teuren Computertomographen gutes Geld, denn die Gewinnspannen in diesem Geschäft liegen noch sehr hoch. Aber das muss nicht ewig so bleiben.

Siemens-Chef Kaeser auf der Hauptversammlung am 27.01.2015 in der Münchener Olymiahalle (Foto: rtr)

Siemens-Chef Kaeser: Der Umbau braucht Zeit

Respekt haben sie alle, egal ob Siemens in Deutschland, Philips in den Niederlanden oder Johnson & Johnson den USA, vor Samsung. Bisher sind die Südkoreaner mehr für ihre Unterhaltungselektronik und Computerchips bekannt und nicht so sehr als ernst zu nehmender Wettbewerber in der Medizintechnik. Doch in wenigen Jahren könnte das womöglich anders aussehen.

Medizintechnik als Lifestyle-Produkt?

So schreibt Siemens-Kenner Christoph Giesen in der "Süddeutschen Zeitung": "Bereits heute verfügt ein Samsung­Tablet über die notwendige Rechenleistung, um zu einem einfachen Ultraschallgerät umgebaut zu werden: Einfach eine Sonde anstöpseln und eine App herunterladen. Jeder kann sich dann vor dem Einschlafen die Niere sonografieren oder den ungeborenen Nachwuchs im Mutterleib betrachten. Der Rest ist Marketing: Medizintechnik wird dann zu einem Lifestyle­Produkt erklärt."

Das ist natürlich für etablierte Hersteller von Medizintechnik eine Horrorvorstellung. Bislang hat Siemens mit den so genannten bildgebenden Diagnoseverfahren gutes Geld verdient. Aber: "Ein Trend in der Gesundheitstechnik ist die sogenannte prädiktive Diagnostik, bei der der Arzt Risikoprofile bei Patienten identifiziert und gegebenenfalls sogar therapiert, bevor ein Patient die Symptome der Krankheit überhaupt zeigt", weiß Siemens-Chef Joe Kaeser. Die teuren Magnetresonanz-Scanner kämen dann nur noch zur Überprüfung zum Einsatz, schreibt Siemens-Kenner Giesen, "womöglich gar als geleaste Maschinen - so gewinnträchtig wie ein Bürokopierer."

Umbau kostet Arbeitsplätze

Im Mai 2014 hatte Kaeser angekündigt, die Gesundheitstechnik künftig als ein eigenständiges Unternehmen zu führen. Er will vorbereitet sein, die Sparte notfalls an die Börse bringen. In Verhandlungen mit der IG Metall und dem Betriebsrat hat Kaeser zugestimmt, dass Siemens für den Fall der Fälle die Mehrheit an einem Medizintechnik-Unternehmen behalten wird.

Überhaupt hat Kaeser dem Dax-Konzern den größten Umbau seit Jahren verordnet. Mit einer neuen Struktur und der Ausrichtung auf Elektrifizierung, Digitalisierung und Automatisierung soll das Unternehmen mit zuletzt weltweit 343 000 Beschäftigten schneller vorankommen. Doch bis sich die Neuordnung richtig bewährt, dürfte noch einige Zeit ins Land gehen.

Kaeser hat keinen Hehl daraus gemacht, dass der Umbau nicht ohne Einschnitte abgehen wird. Wie viele Beschäftigte es trifft, ist bisher noch unklar. Laut "Handelsblatt" wird der Wirtschaftsausschuss des Unternehmens am 4. und 5. Februar über das Thema beraten, danach könnten die Zahlen auch öffentlich werden.