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Kultur

Twittern im Namen des Herrn

Papst Franziskus drängt die Delegierten bei der Bischofssynode zu mehr Offenheit. Das gilt nicht nur für die inhaltliche Aussprache. Auch beim Thema Medien gibt sich der Vatikan offener als bei früheren Synoden.

André Vingt-Trois ist ein ehrwürdiger älterer Herr. Der Pariser Erzbischofs und Vorsitzende der Französischen Bischofskonferenz sitzt auf dem Podium des vatikanischen Pressesaals. Der 72-Jährige hat sich schon bei der ersten Pressekonferenz ausführlich geäußert, und so gilt das Interesse der 80, 90 Journalisten im Saal im Moment nicht ihm.

Jetzt spricht - auf Spanisch - der mexikanische Erzbischof Carlos Aguiar Retes. Er ist Präsident des Lateinamerikanischen Bischofsrats CELAM. Vingt-Trois schaut hinüber nach links zum Kollegen, ruckelt den Kopfhörer mit der Simultanübersetzung über seinem scharlachroten Pileolus- dem Kardinalskäppchen - zurecht und holt dann ein Smartphone raus. Drückt mal hier, mal da, blättert, grübelt, schreibt zunächst etwas auf Papier auf und tippt dann ins Mobiltelefon. Nein, es stört ihn gar nicht, dass viele Dutzend Journalisten zuschauen.

300.000 Rückmeldungen

Unter seinem Twitter-Account "@avingttrois" tippt der Geistliche zu dieser Mittagsstunde wohl nichts ein. Aber der Kurznachrichtendienst ist beim medialen Ereignis "Bischofssynode" mit den vielen sensiblen Fragen zur Sexualmoral immer dabei. Dafür sorgen nicht primär die "Vaticanisti", die rund um den Petersdom tätigen Fachjournalisten. Erstmals überhaupt twittert der Vatikan in diversen Sprachen aus Beratungen einer Synode. Am Auftakttag der Beratungen lag der direkte Ausstoß unter @HolySeePress bei über 270, am Dienstag waren es immer noch gut 90 (was als Tagesleistung jeden einzelnen Monat des Jahres 2014 in den Schatten stellt). Nach Angaben von Radio Vatikan gab es allein am Dienstag rund 300.000 Interaktionen - Retweets und Kommentare - zu diesem Account. Sie sorgen für eine Ergänzung der täglichen Pressekonferenzen.

Kardinäle bei der Eröffnungsmesse im Petersdom (Foto: Getty Images/F. Origlia)

Wer hier wohl twittert ?

Wenn man dann noch die Reaktionen und Querverweise hinzuzählt und sich die Adressen diverser Synodenteilnehmer anschaut, ist die Zahl der Synoden-bezogenen Twitter-Nachrichten überhaupt nicht mehr überschaubar. Alle unterwegs auf den Spuren des Chefs - Franziskus twittert in aller Regel einen Gedanken täglich und hat in neun Sprachen mehr als 16 Millionen Follower. Dabei ist es nicht einmal zwei Jahre her, dass ein Papst, damals noch Benedikt, den ersten päpstlichen Tweet um die Welt schickte.

Nachrichten mit Relevanz?

Gewiss, nur die wenigsten Nachrichten haben eine journalistische Relevanz. Aber Meinungen oder Tendenzen - die lassen sich schon erkennen. Das passt zur der neuen Offenheit, die Papst Franziskus dieser Synode verordnet hat und die er von den Delegierten erwartet. Die eigentlichen Beratungen laufen zwar hinter verschlossenen Türen ab,aber sämtliche Teilnehmer dürfen sich zu Wort melden. Zwar schwor Kardinal Lorenzo Baldisseri, der Generalsekretär der Bischofssynode, die Teilnehmer zum Auftakt darauf ein, nicht während der Beratungen zu twittern, aber sie könnten sich gerne außerhalb der sogenannten Synodenaula äußern oder auch Interviews geben.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, nahm Baldisseri beim Wort. Schon nach dem ersten Beratungstag stellte er sich gemeinsam mit Ute Eberl, der als Expertin zur Synode geladenen Leiterin der Familienseelsorge im Erzbistum Berlin, den Fragen der Journalisten. Da standen dann gut ein halbes Dutzend Kameras, es kamen Fragen zumeist in deutscher Sprache, aber auch in Englisch und Französisch. Eigentlich hat Marx angekündigt, sich bis zum Ende der Synode am 18. Oktober nicht mehr gegenüber Medienvertretern zu äußern. Aber wer weiß - vielleicht denkt er noch mal um.

Mediale Offenheit als Strategie

Papst Benedikt XVI tippt auf einem Tablet (Foto: picture-alliance/dpa)

Papst Benedikt machte es vor

Twitter-Rekorde, Youtube-Videos, Audio-Dateien, prominent besetzte, umfangreiche Pressekonferenzen - die Offenheit des Vatikans mag auch Strategie sein. Der Gastgeber selbst hatte die Delegierten gemahnt, offen zu sprechen. "Keiner soll sagen: 'Das kann man nicht sagen, sonst könnte ja jemand von mir so oder so denken'", so Papst Franziskus. Es scheint ihm an einem möglichst realistischen Gesamtbild gelegen.

Offenbar gehören der offene Austausch untereinander und die Offenheit nach außen zusammen. Denn schon vor Beginn der Beratungen wurde immer wieder betont, dass diese Außerordentliche Bischofssynode nur eine Etappe sei, der möglichst viele weitere Begegnungen und Gespräche folgen sollten - bis zu einer größeren Ordentlichen Bischofssynode im Oktober 2015. Kardinal Marx betonte vor Journalisten wie auch in der Synodenaula, die Zeit bis dahin müsse ein "öffentlicher Weg" sein, "tatsächlich mit dem Volk Gottes". Die katholische Kirche in Deutschland, die nach der Erschütterung durch vielfache Missbrauchsfälle im Jahr 2010 einen breiten Gesprächsprozess von Bischofskonferenz und Laien gestartet hatte, weiß, dass sie an ihrem Ruf arbeiten muss - am besten mit Hilfe der Medien.

Übrigens, Fotos aus der Synodenaula zeigen auch den ein oder anderen Bischof oder Kardinal, der mit seinem iPad oder seinem Mobiltelefon in den Pausen Fotos schießt. Es kann sich also noch weiter etwas tun beim Umgang mit den Medien.

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