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Digitales Leben

Twitter forever

Erst sieben Jahre jung, hat Twitter rund 200 Millionen Nutzer, die pro Tag rund 400 Millionen Tweets senden. Manche davon kommen bereits aus dem Jenseits.

Im März 2006 sendete Twitter-Gründer Jack Dorsey seine erste Kurzbotschaft: "just setting up my twttr". Messages in 140 Zeichen ins Netz stellen - schneller konnte man sich kaum einer Masse mitteilen. Unheimlich. Toll.

Zunächst haben es nur ein paar Spezialisten getan. Aber dann fingen Promis damit an. Man las erstaunt, womit sich die Herrschaften so beschäftigten.

Ich sag Ihnen, daher kommen die Vorurteile, die die Leute gegenüber den Social Media haben! Weil die Promis jeden ihrer Schritte twittern mussten. Und was haben wir ernsthaften Twitternutzer nun davon? Man sagt uns nach, wir würden dem Rest der Welt den ganzen Tag erzählen, wann wir aufs Klo gehen oder ob uns ein Pups quer sitzt!

Twitter gegen Blähungen?

Ich kann Sie beruhigen. Es ist nicht so. Sicher gibt es ein paar Leute, die einen nichtsnutzigen Tweet nach dem anderen raushauen. Es sind sicherlich sogar ganz viele, aber trotzdem sind sie unter den 200 Millionen Twitter-Usern in der Minderheit. Auf Twitter passieren eben doch ganz andere Sachen.

Ich will jetzt nicht von den Tausenden Bloggern und Aktivisten aus Ländern mit restriktiven Regimes sprechen, die dank Twitter und ein paar technischen Kniffen ihre Botschaften ins Ausland senden können, sich Gehör verschaffen und manchmal sogar Regierungen stürzen. Die schreiben sicherlich nicht über ihre Verdauungsprobleme.

Genau so wenig möchte ich über diejenigen sprechen, die auch in freien Ländern prima Netzaktivismus betreiben können. Bestes Beispiel: der digitale Aufschrei gegen Sexismus in Deutschland. Seitdem weiß die Mehrheit der Bevölkerung, was ein Hashtag ist. Und dass Twitter gesellschaftliche Diskussionen anstoßen kann.

Auf Twitter gibt es keine Deadline

Nein, ich spreche von den Toten. Die sind nämlich gar nicht tot. Nur auf dem Papier, und unter der Erde natürlich. Das ist jedoch nur der physische Teil des Menschen. Aber im Netz kann die Seele weiter leben. Digital.

Moment, haben wir das nicht schon mal irgendwo gehört? Eine unsterbliche Seele? Nun, in allen Religionen gibt es starke Tendenzen, an Solches zu glauben. Also, was ist so absonderlich daran, dass auch eine digitale Seele unsterblich sein kann? Leben nach dem Tod? Nichts einfacher als das, das Netz vergisst sowieso nichts.

Nun kann ein Toter definitiv keine Tastatur mehr bedienen, wenn er tot ist. Aber er kann das vor seinem Dahinscheiden tun. Mit der Plattform DeadSocial. Hier können noch lebende Nutzer, die ihre trauernden Freunde später nicht alleine lassen wollen, Tweets und Facebook-Nachrichten schreiben, die in der Zukunft des Toten auf dessen Timeline gepostet werden. Am Geburtstag zum Beispiel.

Als der Gründer der Plattform, James Norris, bei der Vorstellung der Seite mit einer gewissen Missbilligung bedacht wurde, konterte er: "DeadSocial kann für den Schreiber der Nachrichten genauso therapeutisch sein wie für die Menschen, die sie nach seinem Tod erhalten. Man überlege nur, wie unglaublich es wäre, jetzt von einem verstorbenen Freund oder Familienangehörigen eine Nachricht zu erhalten."

Das Ende der Menschheit

Mir sträuben sich da allerdings sämtliche Haare. Auch dann, wenn ich an die vielen toten Menschen denke, die sich haben einfrieren lassen, um vielleicht in 500 Jahren durch ein technisches Wunder wiederbelebt zu werden und dann mit großen Augen in der Weltgeschichte herumtapsen, allerdings in einer Welt, die sie nicht mehr verstehen.

Ebenso wahrscheinlich kann es ja auch sein, dass es uns dann gar nicht mehr gibt. Aber irgendwo, in unterirdischen Serverbänken, da blinkt und glimmt es leise rauschend vor sich hin. Die Letzten unserer menschlichen Rasse haben die Computer aus den letzten Jahrhunderten aufbewahrt und am Leben erhalten. Die von geheimnisvollen Energiequellen gespeisten Maschinen senden kleine Botschaften, um möglichen außerirdischen Eindringlingen vorzugaukeln, die Menschheit sei gar nicht ausgestorben. Die Botschaften haben natürlich 140 Zeichen.

Silke Wünsch, Redakteurin. Foto und Copyright Christel Becker-Rau

Silke Wünsch ist Redakteurin der Seite "Digitales Leben". Eines Tages wurde sie gefragt, ob sie diese Seite gerne betreuen möchte. Sie sagte: "Nun, ich bin bei Facebook und liebe hübsche Computer aus Cupertino, warum eigentlich nicht?" Und schon hatte sie den Job. Nachdem DW-Netzkolumnist Marcus Bösch seine letzte Digitaliät an dieser Stelle abgelegt hat, ist sie nun in die Rolle des Internet(volk)studierers und Zeitgeistkommentators geschlüpft.

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