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Digitales Leben

Untote aus der Vergangenheit

Seit fast zwei Jahrzehnten bietet das Social Web viele Kontaktmöglichkeiten. Nicht nur bei Facebook. Es gibt ja noch viel ältere Netzwerke. Dort hinterlassen wir seit Jahren unsere Spuren. Silke Wünsch hat aufgeräumt.

ICQ Logo Symbolbild von Online-Messenger ICQ (AOL-Tochter)

Online Messenger ICQ Logo Symbolbild

Ich habe beschlossen, meinen früheren Existenzen im sozialen Netz endgültig ein Ende zu bereiten. Ich will nichts mehr von Stayfriends und Konsorten hören. Andauernd bekomme ich irgendeine Erinnerungsmail von irgendeiner Plattform, auf der ich mich vor Urzeiten mal angemeldet hatte. Immer wieder bin ich in meinem E-Mail-Posteingang angeschrien worden:

Silke, Gratulieren Sie Barbara zum Geburtstag!

Silke, Sie haben neue Mitschüler!

Silke, Ihre Mitschülerin XY hat sich bei Stayfriends angemeldet!

Die Idee ist eigentlich hübsch: Man kann auf stayfriends.de Kontakt mit seinen alten Mitschülern aufnehmen. Kommunizieren ist allerdings nur mit einer kostenpflichtigen Mitgliedschaft möglich. Man bekommt eine Mail, die man zwar lesen, aber nicht beantworten kann. Nur wenn man sich eine sogenannte Goldmitgliedschaft holt. Das ist weniger hübsch und nervt mich seit Jahren. Nach längerer Suche habe ich es nun geschafft, mein Profil dort zu löschen.

Wer kennt "Wer-kennt-Wen" noch?

Auch dieses Netzwerk kann man nach Bekannten durchsuchen. Und wenn man die gefunden hat, kann man nach gemeinsamen Bekannten suchen. Damals, vor Facebook-Zeiten, dachte ich: Das kann schon nützlich sein. Nun, ich habe bei "Wer-kennt-wen" sechs "Bekannte", von denen ich aber nur fünf kenne. Und auch wenn "WKW" mich nicht täglich per Mail anschreit und zu irgendwelchen Aktionen auffordert, werde ich dieses Profil ebenfalls deaktivieren.

Schüler-VZ – R.I.P.

Und dann war da noch dieses schrill pink-farbene Netzwerk, das ausschließlich für Schüler da sein sollte. War es aber nicht, da kamen dann auch schon mal komische "Freunde", die wissen wollten, wo die 12-jährige Carolin denn wohnt und welche Farbe ihre Unterhose hat. Abgesehen von solchen perversen Versuchen, sich Minderjährigen zu nähern, waren die Kids weitestgehend unter sich, konnten sich in Gruppen zusammenschließen, um beispielsweise über bestimmte Schulaufgaben sprechen. Ich war nie dabei, denn ich durfte ja nicht.

Vorbei. Schüler-VZ ist nun dicht. Das Netzwerk für die Größeren, Studi-VZ, gibt es noch. Noch: Aus dem Dunstkreis meiner studierenden Tochter nutzt es niemand mehr. Denn es gibt ja Facebook.

Darüber muss ich nicht mehr viele Worte verlieren. Nur noch mal vor Augen führen, dass da mehr als eine Milliarde Menschen drin sind. Das bedeutet: Jeder siebte Mensch auf der Erde hat einen Facebook-Account.

Die fast unsichtbare Jobbörse

Ich meldete mich vor Jahren beim Schlipsträger-Netzwerk Xing an. Weil ich spaßeshalber mal gucken wollte, ob vielleicht jemand einen Nebenjob für mich hat. Vielleicht als Synchronsprecherin beim Film. Oder als freie Moderatorin. Xing verspricht, dass man in diesem Business-Netzwerk über Kontakte und Kontakte zu Kontakten interessante Jobangebote finden kann. Nun. Ich bekomme keine Jobangebote, dafür aber Werbung für Hörbuch-Verlage.

Zu meinem dortigen Bekanntenkreis gehören fast ausschließlich DW-Kollegen, was einer möglichen Jobveränderung nicht unbedingt zuträglich wäre. Wie gut, dass ich Benachrichtigungsmails bekomme, wenn mal wieder jemand für seinen Verlag wirbt, sonst würde ich gar nicht merken, dass es Xing noch gibt.

Digitale Spuren

Bei ICQ habe ich einst auch meine Spuren gelegt, im vergangenen Jahrtausend, ich denke, dass ich auch einen verstaubten Myspace-Account habe und – tja, wie hieß das bloß noch? Dieses Windows-Ding? MSN? Ich weiß es nicht mehr und kann es auch beim besten Willen nicht finden. Wenn ich es fände, wüsste ich nicht, wie ich mich abmelden soll, weil ich meine Passwörter von damals vergessen habe. Dennoch: Die Spuren bleiben im Netz und irgendwas oder irgendwer kann mich finden:

Ein Mann, mit dem ich vor mehr als einem Jahrzehnt mal kurz auf dem Kontaktportal Friendscout gechattet hatte, wurde mir kürzlich auf Facebook als "Freund" vorgeschlagen. Von einer Maschine! Obwohl es weder gemeinsame Bekannte noch sonstige Berührungspunkte gibt. Das fand ich richtig unheimlich.

Die Wiedergänger aus dem Netz

Unheimlich fand ich auch den italienischen Delikatesswarenhändler, der mich fragte, ob ich ihn erkennen würde, als wir uns mal in einem Restaurant zufällig trafen. Er nannte seinen Namen und dreimal in aller Deutlichkeit den Namen seines Geschäftes. Nicht ohne die übliche italienische Gestik. Ich fragte mich, warum er so böse guckte. Bis es mir einfiel: Ich hatte auf einem Bewertungsportal Kritik an seinem Laden geübt. Auf meinem Profilbild bin ich nicht zu erkennen und mein Nutzername ist ein Pseudonym. Trotzdem schien der Typ ganz genau zu wissen, wer ich war.

Wer weiß, welcher Internet-Flirt irgendwann mal bei Ihnen vor der Tür stehen wird, auf welchem ollen Klassenfoto man mit abstehenden Ohren und orange-brauner Häkelweste zu sehen und bei Facebook markiert worden ist. Oder wer mit peinlichen Überschriften einfach nicht aus Google zu entfernen ist. Seit vielen Jahren finde ich, Silke Wünsch, "Deutschland geil". Es war der Titel meiner Glosse zum Fußball-Sommermärchen 2006. Das wird mich wohl mein digitales Leben lang verfolgen. Und das wird erheblich länger sein als mein irdisches, da kann man so viele Accounts löschen wie man will.

Sie werden uns immer finden. Hasta la Vista, Baby.

Silke Wünsch, Redakteurin. Foto und Copyright Christel Becker-Rau, Auerstrasse 2, D-50733 Koeln, Deutschland. fotobeckerrau@netcologne.de

Silke Wünsch ist Redakteurin der Seite "Digitales Leben". Eines Tages wurde sie gefragt, ob sie diese Seite gerne betreuen möchte. Sie sagte: "Nun, ich bin bei Facebook und liebe hübsche Computer aus Cupertino, warum eigentlich nicht?" Und schon hatte sie den Job. Nachdem DW-Netzkolumnist Marcus Bösch seine letzte Digitaliät an dieser Stelle abgelegt hat, ist sie nun in die Rolle des Internet(volk)studierers und Zeitgeistkommentators geschlüpft.

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...auch von Marcus Bösch