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Kultur

"Tutto sotto controllo"

Ein nahezu flächendeckender Stromausfall hat am Sonntag (28.9.) das öffentliche Leben in fast ganz Italien stundenlang zum Erliegen gebracht. Die sonst so temperamentvollen Italiener nehmen's gelassen.

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Dolce vita - mit und ohne Strom

Für Millionen von Italienern ist das Schlimmste am Stromausfall, dass es am Morgen keinen Espresso gibt. Ohne Strom zischen die Kaffeemaschinen halt nicht, viele Bars bleiben gleich ganz geschlossen. "Sonntag ohne Espresso...", grantelt ein älterer Mann am Ponte Milvo in Rom. "Aber es hätte schlimmer kommen können." Glimpflich, sehr glimpflich verlief der landesweite Stromausfall in Italien.

Kein Strom = kein Komfort

Es ist mitten in der Nacht, gegen halb vier, die meisten Menschen schlafen ruhig in den Sonntag hinein, da gehen von Mailand bis Palermo die Lichter aus. Rom feiert gerade eine "notte bianca" - eine "Weiße Nacht", in der alle Discos, Bars und Kinos der Hauptstadt durchgehend geöffnet sind. Auch diese "Weiße Nacht" versinkt im Dunkeln.

Während die meisten Menschen zunächst nichts mitbekommen, bricht in den besseren Vierteln Roms die Hölle los. Wer nämlich in Italien etwas auf sich hält, hat eine Alarmanlage am Haus. Und die kreischen bei Stromausfall laut und unbarmherzig - wenn die Bewohner gerade nicht daheim sind auch stundenlang, ohne Ende. Wer aufwacht, geht in seiner Wohnung erst einmal auf die Suche nach Kerzen. Nur wer sich jetzt informieren will, hat ein echtes Problem: Fernsehen und Internet funktionieren nicht, jetzt hilft nur noch das Transistorradio. Wohl dem, der Batterien hat.

Kein Strom = Naturgewalt?

Noch vor einigen Wochen, als der große Stromausfall New York heimsuchte, hatten Regierung und Elektrizitätswerke in Italien beinahe gehöhnt: So etwas könne in Italien niemals geschehen. Wäre ja das Letzte, wenn ein oder zwei Stromleitungen das ganze Land ins Chaos stürzen können, hieß es selbstbewusst. Genau das ist jetzt aber passiert. Flink findet ein italienischer Minister ein schönes Wort für die Blamage: "Wir erleben ein außergewöhnliches Ereignis." Das klingt, als handele es sich um eine unabwendbare Naturgewalt.

Im Unterschied zu den USA, wo der Blackout an einem Werktag und am Nachmittag zuschlug, als viele Menschen in U-Bahnen saßen, bleibt das große Chaos in Mailand, Turin und Neapel aus. Keine Unruhe breitet sich aus, keine Furcht vor einem möglichen Terroranschlag. Da es mitten in der Nacht ist, bleiben vergleichsweise wenige Menschen in Fahrstühlen stecken, nur in Südtirol muss ein Zug aus einem Tunnel geschleppt werden, die Krankenhäuser haben sowieso Notstrom.

Kein Strom = kein Fußball?

Überhaupt, die Italiener reagieren ziemlich cool. Selbst die meisten Radiosender dudeln in der Nacht weiter, als sei nichts geschehen. Erst fast zwei Stunden nach der Panne melden sich erste empörte Hörer per Telefon bei einem Privatsender und beschweren sich, dass es keine Hinweise auf die Lage gibt. "Wir sitzen im Dunklen und hören Radio - aber statt uns Ratschläge zu geben, quatschen Sie weiter über Eros Ramazzotti", schimpft ein Anrufer.

"Tutto sotto controllo" - alles unter Kontrolle, das meldet der Zivilschutz bereits, als das Land noch im Dunkeln liegt. "Wir raten allen Autofahrern, zu Hause zu bleiben, alle Ampeln sind ausgefallen." Später meldet das Radio triumphierend, selbst eine Nierenoperation, die vom Stromausfall überrascht wurde, sei erfolgreich beendet worden. Und kaum graut der Morgen, wendet sich der staatliche Radiosender RAI der Frage zu, die viele Italiener am meisten interessiert. Blackout hin, Blackout her: Fallen am Nachmittag die Fußballspiele der ersten Liga etwa aus?

Kein Strom = keine Panik!

Gegen Mittag ist dann auch der Strom in vielen Landesteilen wieder da. Italien kehrt nach kurzer Aufregung zu seinem normalen Gang zurück. Die Politiker, auch sie unterdessen erwacht, beginnen mit ihrem üblichen Streit, wer schuld daran hat. Der Papst hält sein Sonntagsgebet auf dem Petersplatz, und in den Bars gibt's wieder Espresso. Auch die Fußballspiele finden statt.

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