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Deutschland

Tugce: Anteilnahme - und dann?

Die Anteilnahme für die Familie von Tugce Albayrak reißt nicht ab - auch nach der Beerdigung der jungen Frau. Aber hilft das den Angehörigen des Gewaltopfers in ihrer Trauer? Oder wird der Rummel ihnen schnell zu viel?

Auch einen Tag nach der Beerdigung von Tugce Albayrak beschäftigt das Schicksal der mutigen jungen Frau ganz Deutschland. Immer mehr Politiker fordern einen Verdienstorden, der ihr posthum verliehen werden soll. Nutzer in den sozialen Netzwerken fragen sich, ob sie ebenfalls den Mut haben würden, bedrängten Menschen beizustehen und damit ihr Leben zu riskieren. Und am Arbeitsplatz wird über die Trauerfeier vom Vortag gesprochen.

1500 Menschen hatten Tugce am Mittwoch (03.12.2014) die letzte Ehre erwiesen. In ihrer Geburtsstadt Bad Soden-Salmünster wurde das Opfer der tödlichen Prügelattacke vom 15.11. zu Grabe getragen - unter riesiger Anteilnahme der Öffentlichkeit.

Tugce Albayrak Porträt (Foto: Sabah)

Sie war erst 23 Jahre alt: die verstorbene Tugce Albayrak

"Das bewegt jeden Menschen", sagte Zejnep Haliti, einer der Trauergäste, die im schwarzen Wintermantel an der Feier teilnahm. Tugce habe Zivilcourage gezeigt, so die junge Frau gegenüber Reuters: "Wir sind es ihr schuldig, hier zu sein. Und ihren Eltern auch."

Wenn die Aufmerksamkeit zu groß wird

Für die Angehörigen des Opfers einer Gewalttat sei dieser Zuspruch wichtig, sagt Stefan Fritsch vom Weißen Ring, einer Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer und ihre Familien. "Das Wichtigste für die Angehörigen ist es, Anteilnahme zu haben, gehört zu werden", so Fritsch. Allerdings: Wichtiger als das Beileid von außen sei der Zusammenhalt unter den Angehörigen selbst. "Am besten ist die eigene Familie, in der jeder das Leid mitträgt. Da bildet man eine Trauergemeinschaft."

Nicht nur von hunderten Menschen, die ihre Anteilnahme ausdrücken wollten, war die Familie Albayrak auf der Beerdigung ihrer Tochter umringt. Auch dutzende Kameras richteten sich auf sie. "Das wird in der Regel zu viel", sagt Fritsch über das Medieninteresse, das gerade bei Gewaltverbrechen enorm sei. "Bei den Fällen, über die bundesweit in den Medien berichtet wird, ist das für die Betroffenen eine zusätzliche Belastung, dass sie so stark im Fokus stehen."

"Wir werden ihr Lächeln vermissen"

Tugces Familie selbst hat die Öffentlichkeit bislang an ihrer Trauer teilhaben lassen. "Tugce wird uns allen fehlen, wir werden ihr warmes Lächeln schmerzhaft vermissen", sagte ihr Vater Ali Albayrak in einem Interview der Bild-Zeitung.

Menschen begleiten den Sarg Tugces (Foto: Reuters)

Die Anteilnahme ist riesig - die Menschen berührt das Schicksal der jungen Frau zutiefst

Und ihr Onkel Yasin Albayrak äußerte sich gegenüber der Agentur AP: "Sie ist im Frühling ihres Lebens gestorben." Mit ihrem Leben und mit ihrem Tod habe sie zwar ein Zeichen gesetzt. Aber, so der Onkel weiter, "ich wünschte, das wäre alles nicht wahr. Wir können die Realität jedoch nicht ändern."

Für manche Angehörige von Gewaltopfern sei der Gang in die Öffentlichkeit zunächst ein Weg, mit dem Schmerz umzugehen, sagt Stefan Fritsch vom Weißen Ring. "Es gibt Menschen, die sich am Anfang dadurch getröstet fühlen." Man werde wahrgenommen und das sei ja grundsätzlich etwas Gutes, so Fritsch. "Aber es kann sich auch umkehren; vor allem, wenn sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit wieder abwendet. Das Interesse verschwindet eben mit der Zeit."

Schmerz durch Schweigen

Genau in dieser Zeit würde Angehörigen der Verlust besonders deutlich, eine neue Phase des Leidens könne beginnen. So sei zumindest seine Erfahrung mit anderen Fällen. Um die heftigste Leidenszeit dagegen möglichst schnell überwinden zu können, sei ein schleuniges, faires Strafverfahren wesentlich. "Das Bedürfnis nach Strafe gehört dazu, und das ist auch völlig legitim", so Fritsch.

Allerdings könnte es noch Monate dauern, bis der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter beginnt. Die Darmstädter Staatsanwaltschaft hat bislang nur bekannt gegeben, dass eine "stumpfe Gewalteinwirkung gegen den Kopf" den Tod der jungen Frau verursacht habe.

Aus Teelichtern ist das Wort Tugce gebildet (Foto: dpa)

Am Tatort erinnern Kerzen an die junge Frau

Ob ein Schlag oder ein Sturz dafür verantwortlich sei, müsse noch geklärt werden. "Die Untersuchungen sind sehr aufwendig", so die Staatsanwaltschaft. Der Verdächtige sitzt in Untersuchungshaft und will sich bislang nicht zur Tat äußern.

Schweigt er weiter, könnte das den Schmerz der Angehörigen Tugces noch vergrößern. Denn auch die Erklärung für die Tat sei entscheidend, um das Geschehene verarbeiten zu können, so Opferhelfer Fritsch. Tugce ist nun beerdigt. Ihren Eltern und der gesamten Familie Albayrak stehen jedoch noch schwere Monate bevor.

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