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Politik

Tschetschenen in Deutschland: "Wir sind keine Terroristen"

Nach dem blutigen Geiseldrama in Beslan stehen auch die in Deutschland lebenden Tschetschenen unter Schock. In die Trauer mischt sich jedoch wachsender Zweifel an den Aussagen russischer Behörden.

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Zwei Opfer, die sich aus der Geiselhaft in Beslan retten konnten.

"Beslan ist ein Verbrechen, das durch nichts zu rechtfertigen ist", sagt der 40-jährige Issa aus Grosny. Seit drei Jahren lebt der Tschetschene mit seiner Familie in Berlin. Wer die Verantwortlichen sind, weiß Issa nicht. Aber wie viele seiner Landsleute misstraut er den Angaben der russischen Behörden über Herkunft und Motive der Geiselnehmer. Demnach sollen sechs Tschetschenen und vier Inguscheten die Turnhalle in Beslan mit Bomben verdrahtet, Frauen und Kinder erschossen haben.

Als mögliches Motiv wird die enge Verbindung zwischen Moskau und Nord-Ossetien genannt: Dort befindet sich die Schaltzentrale der russischen Armee für den Einsatz in Tschetschenien. Issa glaubt das nicht: "Wieso sollten Tschetschenen so etwas tun? Die Osseten sind unsere Nachbarn. Wir leben friedlich zusammen." Er fordert eine öffentliche Untersuchung des Geiseldramas. Die lehnt der russische Präsident Wladimir Putin ab.

"Man darf kein ganzes Volk verurteilen"

Geisterstadt Grosny

Geisterstadt Grosny: Die zerstörte tschetschenische Hauptstadt.

Seit zehn Jahren leidet die tschetschenische Bevölkerung unter dem Krieg gegen Russland, stellt sich im Zweifelsfall aber hinter die Rebellen. Der Hass gegen Russlands Militär und Regierung sitzt tief. Jedoch nicht so tief, dass die Tschetschenen ein Blutbad wie in Beslan unterstützen würden, glaubt Issa. Entsprechend enttäuscht ist er von der Berichterstattung der deutschen Medien. "Ich lese und höre hier überall, dass Tschetschenen Terroristen sind. Man kann doch kein ganzes Volk dafür verantwortlich machen, was eine Gruppe von Verbrechern in Beslan gemacht hat."

"Tschetschenen sind keine Islamisten"

An eine mögliche Verbindung zwischen Al Kaida und den Geiselnehmern glaubt Issa nicht: "Die Tschetschenen wollen keinen Gottesstaat, sondern die Unabhängigkeit von Russland. Unsere Religiosität wird weit überschätzt." Der tschetschenische Rebellenführer und Ex-Präsident Aslan Maschadow hat mehrfach eine Beteiligung am Geiseldrama bestritten. Von Rebellenführer Schamil Bassajew, der als Islamist gilt, gibt es bisher noch keine derartige Reaktion.

"Ex-Präsident Maschadow nicht beteiligt"

Ähnlich wie der russische Menschenrechtler und Duma-Abgeordnete Kowaljow bezweifeln auch Rustan und Sultan eine mögliche Beteiligung von Ex-Präsident Maschadow. Die beiden 30-jährigen Tschetschenen stammen aus Grosny und leben in Berlin. "Die Drahtzieher von Beslan wollen unsere Ex-Regierung und die gesamte Bevölkerung als terroristische Islamisten in Misskredit bringen. So lenken sie von innerrussischen Problemen ab und bieten der russischen Bevölkerung einen Sündenbock", sagt Rustan.

"Beslan ergibt keinen Sinn"

Filmplakat Disbelief Andrej Nekrasov Regisseur

"Disbelief" ("Misstrauen"), Film von Andrej Nekrasov

Bereits vor dem Geiseldrama wurde immer wieder über eine mögliche Beteiligung des russischen Geheimdienst FSB an Attentaten spekuliert, die tschetschenischen Terroristen angelastet wurden. Etwa weist der russische Regisseur Andrei Nekrasov in seinem Film "Disbelief" dem FSB die Verantwortung für die Anschläge auf zwei Moskauer Wohnhäuser im Jahr 1999 zu. Ähnliches vermutet Sultan nun beim Geiseldrama in Beslan: "Der russische Geheimdienst FSB findet immer Leute, die so etwas für ihn machen - auch Tschetschenen. Denn diese furchtbare Aktion, bei der Babies und Frauen getötet wurden, ergibt, ganz abgesehen von ihrer Schrecklichkeit, aus tschetschenischer Sicht einfach keinen Sinn."

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  • Datum 10.09.2004
  • Autorin/Autor Katrin Matthaei
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  • Permalink http://p.dw.com/p/5YLN
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