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Europa

Tschangos: Minderheit in der Minderheit

Sie leben in den rumänischen Ostkarpaten und sind Nachfahren mittelalterlicher Grenzwächter. Ihre Muttersprache ist ein archaisches Ungarisch. Heute wollen sowohl Rumänen als auch Ungarn sie assimilieren.

Maria und Imre Popovici mit den beiden fünfjährigen Zwillingen stehen vor ihrer Sommerküche im Weiler in Rumänien (Foto: DW/ Keno Verseck)

Sind sind Tschangos: Mária und Imre Popovici und ihre Kinder

Mária Popovici steht in ihrer Sommerküche, einem offenen Bretterschuppen, und rührt einen Eimer mit Kleie an. Sie ist eine kleine, spindeldürre Frau mit grauen Haaren, 43 Jahre alt, sechsfache Mutter. Zusammen mit ihrem Mann Imre lebt sie in einem Weiler unweit des Dorfes Csíkcsicsó im Szeklerland, einer Gebirgsregion Ostsiebenbürgens, in der vor allem die ungarische Minderheit Rumäniens wohnt. Mária Popovici und ihr Mann jedoch sind eine Minderheit in der Minderheit: Sie gehören zu den Moldauer Tschangos, die ein mittelalterliches Ungarisch sprechen, versetzt mit rumänischen Wörtern.

Kleine, exotische Minderheit

Aufgewachsen sind die Eheleute in Dörfern der Moldau, jenseits der Karpaten. 1982 zogen sie hierher, weil sie in der früheren Kooperative Arbeit fanden. Angekommen fühlen sie sich noch immer nicht. "Es heißt immer, die dreckigen Tschangos kleben hier fest", sagt Mária Popovici. "Die Leute sagen das, weil die Tschangos anders sprechen und alle christlichen Feiertage einhalten. Sie denken, dass wir faul sind, denn hier kommt die Arbeit zuerst. Wer nicht arbeitet, ist ein faules Aas. Aber die Tschangos sind einfach sehr gläubig."

Ein Haus in einem Bergdorf in den rumänischen Karpaten (Foto: picture-alliance)

Die rumänischen Karpaten sind die Heimat der Popovicis

Was Mária Popovici erzählt, ist charakteristisch für die Situation der Tschangos in Rumänien. Sie gehören zu den kleinen, exotischen Minderheiten in Europa, die um den Erhalt ihrer Sprache, ihrer Traditionen und ihres Glaubens kämpfen. Die meisten der 200.000 und 250.000 Tschangos leben im Karpatenvorland der ostrumänischen Moldau. Im Gegensatz zu den orthodox-christlichen Rumänen sind sie streng katholisch.

Unter den Theorien über die Herkunft der Tschangos lautet die gängigste, sie seien die Nachfahren jener Grenzwächter, die im Zuge der madjarischen Landnahme vor 1000 Jahren in den Ostkarpaten siedelten.

Assimilierungsversuche von allen Seiten

Seit mehr als 150 Jahren versuchen rumänische Verwaltungs- und Kirchenbehörden in der Moldau, die Tschango-Mundart zu verbieten. Besonders effizient waren solche Versuche unter der Ceausescu-Diktatur in Rumänien. Tschango-Organisationen schätzen, dass nur noch zwischen 30.000 und 60.000 Menschen die Sprache beherrschen. Die Assimilierungsversuche gehen seit 1989 ungebrochen weiter. Zwar forderte der Europarat Rumänien 2001 auf, Sprache und Brauchtum der Tschangos zu schützen, doch lokale Behörden, Politiker und Kirchenvertreter ignorieren das.

Gleichzeitig wächst der Druck der ungarischen Seite. Ungarische Minderheiten-Politiker in Siebenbürgen sähen es gern, wenn die Tschangos sich zu Ungarn erklärten. So könnte das Schrumpfen der ungarischen Minderheit durch die Abwanderung nach Ungarn ausgeglichen werden.

Maria Popovici kocht in ihrer Sommerküchhe im Weiler in Rumänien (Foto: DW/ Keno Verseck)

Mária Popovici beim Kochen

Zurückgeblieben und einfältig?

Früher sprach auch Mária Popovici die Tschango-Mundart gut. Und zwar zuhause, im Dorf Tarhausi, wo sie aufgewachsen ist. Jetzt, sagt sie, habe sie sich an das moderne Szekler-Ungarisch gewöhnt. Aber eben nicht ganz. "Bestimmte Wörter der Tschango-Mundart benutze ich immer noch. Dann sagen die Leute hier: 'Mari, du sollst diese Tschango-Wörter nicht benutzen!' Aber man kann seine Muttersprache nicht einfach verlassen."

Die Tschangos gelten bei vielen Rumänen und vielen der Szekler-Ungarn als zurückgeblieben und einfältig. Romantische Nationalisten auf beiden Seiten hingegen verklären sie als letzte Vertreter einer urtümlichen, reinen Volkskultur. Mária Popovici zuckt einfach mit den Schultern, wenn sie solche Dinge hört. "Ich schäme mich nicht", sagt sie. "Ich bin als Tschango geboren, und das bin ich einfach."

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