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USA

Trumps Kampf gegen Planned Parenthood

Donald Trump will einer gemeinnützigen Organisation die Finanzierung entziehen, weil sie auch Abtreibungen vornimmt. Das wäre das Ende für Planned Parenthood. Doch viele Amerikanerinnen sind darauf angewiesen.

Als Maria* erfährt, dass sie schwanger ist, ist sie schockiert - aber nicht überrascht. Das Ausbleiben ihrer Periode und die Übelkeit, die ihr vor allem morgens das Aufstehen und Duschen so schwer gemacht haben, hatte sie nicht ignorieren können. Doch auf dem Stuhl bei der Frauenärztin zu sitzen, auf den blassen, aber deutlichen zweiten rosa Strich zu starren ist anders.

"In dem Moment dachte ich nur: Das kann ich nicht rückgängig machen", erzählt sie heute, ein Jahr später. Sie hatte damals gerade erst ihren neuen Job angefangen, ihren Freund kannte sie seit einem Monat. Die 26-Jährige ist aus Krakau in Polen nach New York gezogen, ein Ozean trennt sie von ihrer Familie. Mit ihrem neuen Freund will sie nicht darüber reden, sie kennt ihn nicht gut genug. Deswegen trifft sie die Entscheidung alleine. Sie erzählt ihm später davon, als sie das Für und Wider abgewogen hat. Alleine, in der Subway, auf dem Weg nach Hause.

"Ein Baby, das wollte ich einfach nicht"

Ihr Freund bringt sie einen Tag später zum Planned Parenthood Gesundheitszentrum in Manhattan. Die kleine Pille, die Maria schluckt, sieht ungefährlich aus. Doch sie wird den 8-Wochen alten Embryo in ihrer Gebärmutter daran hindern, sich weiterzuentwickeln. Zwei Tage später fahren sie und ihr Freund wieder zum Arzt. Die Schmerzen, nachdem sie die zweite Pille einnimmt, kommen schnell. Viel schneller als gedacht. Ihr Freund ruft ein Taxi. Als sie endlich über die Williamsburg Bridge sind, reißt Maria die Tür auf und übergibt sich. Bereut hat sie es nicht. Sie hat ihre Dummheit bereut, beim Sex nicht richtig aufgepasst zu haben. "Aber ein Baby, das wollte ich einfach nicht."

Die gebürtige Polin ist nicht krankenversichert, ihr Freund und sie haben wenig Geld und ein Schwangerschaftsabbruch ist teuer. Vom Planned Parenthood hat sie die Misoprostol, die Pille, umsonst bekommen. Planned Parenthood ist eine überparteiliche, gemeinnützige Organisation. Der Grund, warum die Einrichtung  die Leistungen umsonst oder sehr günstig anbieten kann, wird ihr gerade zum Verhängnis: Die Organisation generiert 40 Prozent ihres Budgets durch Einnahmen aus der staatlichen Krankenversicherung Medicaid und somit aus Steuergeldern. Der Rest stammt aus  Privat- und Unternehmensspenden.

Steuerzahler sollen nicht für Abtreibungen zahlen

Doch nun steht Planned Parenthood kurz davor, keine Finanzierung durch Steuergelder mehr zu erhalten. Im Mittelpunkt steht die Debatte um Schwangerschaftsabbrüche. Trump und die Republikaner argumentieren, man könne Steuerzahler nicht dazu zwingen, für Abtreibungen zu bezahlen, wenn diese Abtreibungsgegner sind.

Der zukünftige US-Präsident Donald Trump (Reuters/C. Allegri)

Der zukünftige US-Präsident Donald Trump

Im Wahlkampf zwischen Hillary Clinton und Donald Trump war die Linie klar gezogen: "Ich bin für das Leben und gegen Abtreibungen", wetterte Trump. "Damit hat er natürlich all die Wähler auf seiner Seite, die religiös oder konservativ geprägt sind", sagt Emily Calvin von der Organisation National Women's Liberation.

Die Demokraten sind für die Entscheidungsfreiheit der Frau

Nach Angaben des Meinungsforschungsinstituts Gallup Organization in Washington, D.C., waren Anfang 2016 19 Prozent der Amerikaner komplett gegen Abtreibung, 29 Prozent befürworten sie nur unter bestimmten Umständen. Bei den Demokraten ist die Mehrzahl für die Entscheidungsfreiheit vor allem von Frauen. Die Republikaner dagegen.

Dabei ginge es Trump selbst gar nicht um Moral, Ethik oder gar Religion, sagt Stephanie Coontz. Sie ist Historikerin und Autorin, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Entwicklung von Familienstrukturen. "Donald Trump und Mike Pence sind unselige Allianz eingegangen", sagt sie, zwischen religiösen, konservativen Menschen und Menschen, die einfach keine Staats- und Steuergelder in Wohlfahrt pumpen wollten.

Ein Rückschlag für eine ganze Generation

Cecile Richards Planned Parenthood Action Fund (Getty Images/A. Wong)

Cecile Richards, Präsidentin von Planned Parenthood

Doch diese Allianz hat Erfolg gehabt, Trump hat die Wahl gewonnen. Nun fürchten viele Frauen um ihre reproduktiven Rechte. "Ich kann kaum in Worte fassen, wie ernst die Bedrohung für reproduktive Gesundheitsleistungen ist, dadurch dass Trump gewählt wurde", twitterte die Präsidentin von Planned Parenthood Cecile Richards gleich nach Trumps Wahlsieg. Für viele in ihrer Generation sei Trumps Wahlsieg ein Rückschlag.

Die reproduktiven Rechte sind seit der Internationalen Menschenrechtskonferenz Ende der 60er Jahre in Teheran ein Menschenrecht. Familien wurde damals zugestanden, zu entscheiden, wie viele Kinder sie haben wollen oder ob und wie die Frau verhüten will. Doch selbst, wenn im Streit um Abtreibung keine Einigung zu finden ist, birgt das Abschaffen von Planned Parenthood ein Problem, sagt Stephanie Coontz.

Nur drei Prozent der Leistungen sind Schwangerschaftsabbrüche

"Was bei der Debatte verschwiegen wird: Planned Parenthood bietet viel mehr als Abtreibungen", sagt Coontz. Planned Parenthood schreibt im aktuellen Jahresbericht, nur drei Prozent der erbrachten Leistungen seien in 2014 Schwangerschaftsabbrüche gewesen. Die Einrichtung versorgt Frauen und auch Männern mit Gesundheitsleistungen im Bereich der reproduktiven Rechte an. So zum Beispiel Vorsorge, Beratung und Behandlungen in der Schwangerschaft, bei sexuell übertragbaren Krankheiten, Verhütung und das Verschreiben der Pille danach. Dadurch, dass sie nicht wie eine Arztpraxis oder ein Krankenhaus wirtschaften muss, kann sie Leistungen oft umsonst oder sehr günstig anbieten.

Abtreibungsbefürworter bei einer Demo in Washington (picture-alliance/dpa/S. Thew)

Die Debatte pro und gegen Abtreibung spaltet die USA

Das spielt besonders in einem Land, in dem viele junge Menschen immer noch nicht versichert sind, eine große Rolle. Laut Planned Parenthood hat eine von fünf Amerikanerinnen schon mal eine der Leistungen in Anspruch genommen.

Obama versuchte Planned Parenthood noch zu unterstützen

In einigen Bundesstaaten wurde Planned Parenthood bereits ganz oder teilweise die Förderung entzogen. Im Februar 2016 versuchte das Repräsentantenhaus Präsident Obama's Veto zu kippen, mit dem er verhinderte, dass die Gelder aus dem Medicaid-Topf ein Jahr lang nicht mehr an Planned Parenthood fließen sollten. Noch Ende 2016 arbeitete die Obama-Regierung an einer Regelung, die es Kliniken wie Planned Parenthood ermöglicht hätte, weiterhin staatliche Gelder zu beziehen - auch, wenn sie Abtreibungen anbieten. Doch einer der Richter blockierte diese Regel - einen Tag vor Verabschiedung.

Würde Planned Parenthood tatsächlich seine Pforten schließen müssen, könnte das massive Folgen haben. "Frauen wird der Zugang zu Verhütungsmitteln erschwert", sagt Emily Calvin. Und diese Sorge ist vor allem dieser Tage in den Health Centern von Planned Parenthood zu spüren.

In Texas nehmen die selbst vorgenommenen Abtreibungen zu

Es ist voll, die Wartezeiten sind lang - die Nachfrage nach Spiralen ist um 900 Prozent gestiegen, sagt Planned Parenthood Präsidentin Richards in einem Interview auf CNN International. Doch noch viel erschreckender ist, dass in Bundesstaaten wie Texas sie selbst vorgenommenen Abtreibungen zunehmen. Dazu bestellen Frauen die Abtreibungspille online und nehmen sie ohne ärztliche Überwachung ein. Wenn sie das Kind bekommen, das sie eigentlich nicht zur Welt bringen wollten, steigt innerhalb des ersten Jahres nicht nur ihr Risiko, depressiv zu werden. "Sie stehen auch in Gefahr mit größerer Wahrscheinlichkeit Opfer häuslicher Gewalt zu werden", sagt Coontz. Abtreibungen zu erschweren würde den Nährboden für viele weitere soziale Probleme bilden.

* Name von der Redaktion geändert.

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