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Amerika

Trump und die Abtreibungsdebatte

Donald Trump hat einige seiner Wahlversprechen bereits abgeschwächt. Beim Thema Abtreibung beharrt er allerdings auf seiner Position. Frauen in den USA erzählen, was das für ihre Rechte bedeuten könnte.

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USA: Der Kampf um das Abtreibungsgesetz

Sie tippt mit dem Finger auf ein Bild von einem acht Wochen alten Embryo. "In diesem Stadium hat er schon Fingernägel", erklärt Anne Mulrooney. Die 23-Jährige berät bei der Organisation "Expectant Mother Care" im New Yorker Stadtteil Brooklyn schwangere Frauen und will mit diesen Gesprächen so viele Abtreibungen wie möglich verhindern.

Für ihr Praktikum bei der Schwangerschaftsberatung hat Mulrooney sogar ihr Lehramtsstudium aufgegeben. In dem kleinen Beratungsraum schmücken Gemälde von Müttern mit Kind im Arm die Wände. Modelle aus Plastik auf der Fensterbank zeigen die verschiedenen Entwicklungsstadien eines Fötus im Bauch der Mutter. "Ich lasse mich nicht von den politischen Phrasen von Familienplanungsverbänden oder von Hillary Clinton in die Irre führen. Diese Leute sagen, dass alle Frauen ein Recht auf Selbstbestimmung haben, aber es geht doch um menschliches Leben", sagt Mulrooney.

Anne Mulrooney, Praktikantin bei Expectant Mother Care in New York City (Foto: DW/M. Strauß)

Anne Mulrooney hofft darauf, dass Donald Trump sich gegen Abtreibung einsetzt

Für Anne Mulrooney ist Abtreibung moralisch verwerflich - selbst wenn ein Schwangerschaftsabbruch seit 1973 in den USA legal ist. Damals traf der Oberste Gerichtshof in dem Urteil "Roe vs. Wade" die Entscheidung, Abtreibung in allen US-Staaten zu legalisieren. Frauen haben in den USA damit das Recht, ihre Schwangerschaft zu beenden, bis der Fötus lebensfähig ist - also bis zum sechsten Monat, in besonderen Fällen auch später.

Abtreibungsgegner wie Anne Mulrooney hoffen nun, dass Donald Trump der richtige Mann für ihr Anliegen ist. Obwohl der zukünftige Präsident noch vor einigen Jahren versicherte, er sei dafür, dass Frauen das Recht hätten, selbst über ihre Körper zu bestimmen, präsentiert er sich inzwischen als überzeugter Gegner. Mit dieser in den USA "Pro-Life" genannten Einstellung konnte er im Wahlkampf vor allem bei konservativen Wählern punkten.

In der dritten TV-Debatte attackierte Trump seine demokratische Kontrahentin Hillary Clinton mit den Vorwürfen, dass es nach ihren Werten und dem gültigen Gesetz möglich sei, ein Baby noch am Tag vor der Geburt "aus dem Mutterleib zu reißen" - ein sehr, sehr unwahrscheinliches Szenario, wie Clinton ihm auf der Bühne entgegnete.

Das Abtreibungsgesetz könnte unter Trump ins Wanken geraten

In seinem ersten Interview mit dem US-Fernsehsender CBS verkündete Trump, dass er nur Richter in den Obersten Gerichtshof berufen werde, die sich gegen Abtreibung aussprechen. Weil die Republikaner Barack Obamas liberalen Wunschkandidaten blockieren, ist einer der neun Sitze nach dem Tod des Richters Antonin Scalia im Februar 2016 immer noch vakant. Im Moment gelten vier Richter als eher konservativ, vier als eher liberal. Drei der obersten Richter sind außerdem schon über 80. Donald Trump könnte also in seiner Amtszeit für eine konservative Mehrheit im Obersten Gerichtshof sorgen und damit auf lange Sicht auch das Urteil "Roe vs. Wade" ins Wanken bringen.

Im CBS-Interview erklärte der zukünftige Präsident, in diesem Fall habe dann jeder Staat die Möglichkeit, selbst über das dort gültige Abtreibungsrecht zu entscheiden. Nach Angaben des "Guttmacher Instituts", einer Forschungseinrichtung, die sich für die Rechte von Frauen auf sexuelle und familiäre Selbstbestimmung einsetzt, haben 19 US-Staaten bereits Gesetze, die nach einer solchen Entscheidung Abtreibung verbieten könnten. Wenn eine Frau trotzdem abtreiben wolle, müsste sie das dann eben in einem anderen Staat machen, so Trump bei CBS.

Breanne Butler, eine der Organisatorinnen des Women's March on Washington D.C. am 21. Januar 2017 (DW/M. Strauß)

Breanne Butler ist eine der Organisatorinnen des "Women’s March" am 21. Januar 2017

Frauen wie Breanne Butler werten solche Aussagen des zukünftigen US-Präsidenten als Angriff auf ihr Recht, über den eigenen Körper zu bestimmen - ein Grund, der sie dazu bewegte, zusammen mit anderen Aktivistinnen einen Marsch durch Washington D.C. zu organisieren. Am 21. Januar 2017, einen Tag nach Trumps Amtsantritt, sollen tausende Frauen durch die Hauptstadt ziehen. Männer seien natürlich auch willkommen, sagt Butler. Den Organisatorinnen gehe es darum, dass möglichst viele Menschen zusammenkommen, um Solidarität mit allen Gruppen zu demonstrieren, die Donald Trump in seinem Wahlkampf harsch angegriffen hat.

Bisher haben mehr als hunderttausend Menschen auf Facebook ihre Teilnahme am "Women’s March" zugesagt. "Wir wollen nicht versuchen, Donald Trump aus dem Amt zu werfen. Er ist jetzt unser Präsident", erklärt Breanne Butler. "Wir wollen eine Botschaft senden: Hi, das ist Ihr erster Tag. Willkommen im Job! Damit müssen Sie jetzt klarkommen. Wir haben eine Stimme und wir lassen uns nicht den Mund verbieten."

Erst "Women's March", dann "March for Life"

Breanne Butler ist Köchin und vertreibt seit kurzem ihre eigenen Patisserie-Kreationen. Sich selbst bezeichnet sie als Feministin, die über die Wahl von Donald Trump zum nächsten Präsidenten schockiert ist. "Meine Großmutter hat für Frauenrechte gekämpft und jetzt könnte es sein, dass wir noch zur ihrer Lebenszeit einen Schritt zurück machen", sagt sie

Mary Birnbaum, eine Opernregisseurin in New York City (DW/M. Strauß)

Mary Birnbaum findet es schockierend, dass "Roe vs. Wade" 2016 überhaupt noch diskutiert wird

Ebenfalls in Manhattan, nur ein paar Blocks von Butler entfernt, arbeitet die Opernregisseurin Mary Birnbaum. Sie wird am 21. Januar in Washington D.C. dabei sein. Es entsetzt sie, dass das Abtreibungsgesetz überhaupt noch zur Debatte steht. "Ich glaube von ganzem Herzen daran, dass jede Frau das Recht hat abzutreiben - wo immer sie will und wie auch immer sie will", sagt sie, als sie über den hell erleuchtenden Platz der Kulturzentrums Lincoln Center in Richtung Oper geht. "Es ist so unfair, dass unsere Regierung über unsere Körper bestimmen will. Männer haben diese Probleme nicht."

Wenige Tage nach Butlers und Birnbaums Demonstrationszug wird ein weiterer Marsch durch die US-Hauptstadt ziehen. Der "March for Life" findet jedes Jahr im Januar als Protestaktion gegen das Urteil "Roe vs. Wade" von 1973 statt. Organisatorin Jeanne Mancini sagt, dass es Jahr um Jahr mehr Teilnehmer werden würden. Viele, die dann demonstrieren werden, setzen ihre Hoffnungen auf Donald Trump - ein Graus für Frauen, die an die Devise "My body, my choice" ("Mein Körper, meine Entscheidung") glauben.

Abtreibungsgegner und -befürworter diskutieren in den USA ihre Standpunkte schon lange kontrovers. Mit Donald Trump wird die Debatte um persönliche Freiheit und den Wert von ungeborenem Leben ein sowieso schon zerrissenes Land noch weiter spalten. Er selbst sagte im CBS-Interview, es sei eventuell noch ein langer Weg bis zu einer Änderung des Abtreibungsrechts - und lässt damit viel Interpretationsraum für beide Seiten.

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