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Kultur

Trauern ohne Tradition

Immer mehr Deutsche verarbeiten Trauer lieber privat als öffentlich und bevorzugen individuelle Begräbnisformen. Bei ihren Angehörigen sind sie allerdings konservativer. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie.

Alte Gräber auf dem Melaten-Friedhof in Köln (Bild: dpa)

Der Melaten-Friedhof in Köln

"Gestorben wird immer" heißt es in der amerikanischen Serie "Six Feet Under", die von einer Bestatter-Familie handelt. Nach diesem Motto müssen sich die Bestatter eigentlich keine Sorgen um ihre Kunden machen. Trotzdem gilt auch hier – Trend und Zeitgeist bestimmen mit über den Geschäftserfolg. Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hat nun Trauerrituale und Bestattungswünsche der Deutschen untersucht. Man habe einen sehr starken Unterschied zwischen dem, was sich die Befragten für ihr Angehörigen wünschen und dem, wie sie selbst gern bestattet werden festgestellt, sagt Joachim Koschnicke, Geschäftsführer von Forsa. "Bei den eigenen Wünschen sind die traditionellen Formen der Bestattung, die wir auch in unserer Kindheit kennengelernt haben, eher auf dem Rück- als auf dem Vormarsch."

Den Angehörigen die Grabpflege nicht zumuten

Petra Bach, Gründerin und Geschäftsführerin der Friedwald GmbH (Bild: Friedwald)

Petra Bach, Geschäftsführerin des Bestattungsunternehmens Friedwald

Eine knappe Mehrheit der Menschen will, dass ihre Angehörigen im Sarg oder der Urne auf einem Friedhof beigesetzt werden. Für sich selbst will das nicht einmal mehr die Hälfte der Deutschen. Stattdessen könnten sich 25 Prozent vorstellen, alternativ beigesetzt zu werden, also zum Beispiel in einem Wald oder zur See. 14 Prozent wären damit einverstanden, anonym bestattet zu werden – vor allem ältere Menschen. Bei den unter 30-Jährigen können sich das allerdings nur drei Prozent vorstellen. Die Studie wurde in Auftrag gegeben von einer Firma, die sich darauf spezialisiert hat, Tote im Wald zu bestatten. Deren Geschäftsführerin Petra Bach sagt, sie sei nicht überrascht, von dieser Diskrepanz: "Ältere Menschen haben schon öfter die Erfahrung gemacht, wie viel Arbeit es ist, ein Grab zu pflegen. Sie wollen das ihren Angehörigen nicht zumuten."

Insgesamt war die Studie aus Sicht des Unternehmens wohl ihr Geld wert. Denn die Ergebnisse passen ziemlich gut zum Konzept des Auftraggebers. Die Menschen wünschen sich demnach einen Ort, den sie besuchen können, sie wollen auch, dass an der Begräbnisstätte der Name des Verstorbenen steht – nur ein Friedhof im traditionellen Sinn muss es eben nicht mehr sein. Wie viele Menschen sich überhaupt Gedanken um ihre Bestattung machen, geht aus der Studie nicht eindeutig hervor. Dafür aber, wie viele in letzter Zeit dazu gezwungen waren, sich mit dem Thema Sterben zu beschäftigen. 35 Prozent der Deutschen sagen laut Koschnicke von sich, dass sie derzeit trauern. Im Alltag werde das aber kaum wahrgenommen. "Heute findet Trauerarbeit doch sehr intim statt und wird nicht öffentlich ausgetragen. Das unterscheidet sich von früher, als Trauer noch sichtbar nach außen getragen wurde: über die Kleidung, über Enthaltsamkeit bei Feierlichkeiten."

Kirchliche Seelsorge kaum noch wichtig

Alte Dame allein auf einer Parkbank (Bild: Fotolia)

Deutsche trauern heute individuell und unsichtbar

Insgesamt, so die Studie, wünschten sich die meisten Trauernden mehr Zeit und Raum für ihre Trauer, gleichzeitig zeigt aber eine überwältigende Mehrheit den Wunsch, möglichst schnell in den Alltag zurückzukehren. Um solche Widersprüche aufzulösen wenden sich übrigens nur noch wenige an den traditionellen Trauerbegleiter Kirche. Nur noch sechs Prozent der Befragten, die besonders um einen nahestehenden Menschen trauern, sagen, sie nähmen kirchliche Seelsorge in Anspruch – das klingt doch nach einem großen Markt für alternative Anbieter.

Autor: Mathias Bölinger
Redaktion: Pia Gram

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