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Welt

Toxischer Befund: Spekulationen um den Tod Arafats

Laut einer Untersuchung von Schweizer Wissenschaftlern ist Jassir Arafat mit einer radioaktiven Substanz vergiftet worden. Die Spekulationen laufen auf Hochtouren - und könnten auch die Nahost-Friedensgespräche belasten.

Die Meldung am frühen Mittwochabend (06.11.2013) hatte es in sich: Der ehemalige PLO-Führer Jassir Arafat sei mit hoher Wahrscheinlichkeit mit der radioaktiven Substanz Polonium vergiftet worden, berichtete der arabische TV-Sender Al-Dschasira. Schnell waren die jüngsten Bemühungen von US-Außenminister John Kerry, den Friedensgesprächen zwischen Israelis und Palästinensern neues Leben einzuhauchen, auf einen Nebenschauplatz verdrängt.

Überraschend kam die Nachricht für viele Palästinenser dennoch nicht - viele sind schon immer davon ausgegangen, dass Jassir Arafat nicht eines natürlichen Todes gestorben ist. "Einerseits fühlen sich viele in ihrem Verdacht bestätigt, dass Israel dahinter steckt", sagt Mahdi Abdul Hadi, politischer Analyst des Ostjerusalemer Think Tanks PASSIA. "Andererseits drehen sich die Gespräche um die Frage: Wer war damals nahe an Arafat dran, wer hat bei diesem Verbrechen geholfen, wer ist der Verräter?"

Viele Spekulationen um den Tod Arafats

Fast genau neun Jahre ist es her, dass PLO-Führer Jassir Arafat am 11. November 2004 in einem Krankenhaus in einem Pariser Vorort starb. Eine Autopsie wurde damals nicht gemacht. Doch es gab schon immer Zweifel daran, dass die plötzliche Krankheit und der Tod des damals 75-jährigen Arafat eine natürliche Ursache hatte. Ins Rollen gebracht hat die Untersuchung seine Witwe Suha Arafat gemeinsam mit dem TV-Sender Al-Dschasira, nachdem an persönlichen Gegenständen Arafats Spuren von Polonium 210 gefunden worden waren.

Exhumierung der Leiche Jasser Arafats in Ramallah. Foto: EPA/ATEF SAFADI

Exhumierung der Leiche Jassir Arafats in Ramallah

Im Sommer des vergangenen Jahres stimmte die palästinensische Autonomiebehörde schließlich der Öffnung des Grabes von Arafats in Ramallah zu. Ein Team aus forensischen Medizinern aus Frankreich, Russland und der Schweiz entnahmen dabei Gewebeproben, die unabhängig voneinander untersucht wurden. Die Schweizer Wissenschaftler haben ihren 108-seitigen Bericht nun an die palästinensische Autonomiebehörde und an die Witwe Suha Arafat übergeben.

Laut Bericht sollen Werte von Polonium 210 gefunden worden sein, die den Normalwert und ein 18-faches übersteigen. Man könne aber nicht zweifelsfrei beweisen, dass das Polonium Todesursache gewesen sei, so die Schweizer Forensiker in einer Pressekonferenz am Donnerstag (07.11.2013). Wann die anderen Testergebnisse veröffentlicht werden, ist unklar. Suha Arafat jedenfalls sprach in einem Interview mit Al-Dschasira vom "Verbrechen des Jahrhunderts".

Polonium - ein zu 100 Prozent tödliches Gift

Im radioanalytischen Laboratorium des Institus für Strahlenschutz des GSF-Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit in München-Neuherberg zeigt am Montag (11.12.2006) ein Wissenschaftler ein Fläschchen mit einer Polonium 210 - Chlorid Lösung. Das Element Polonium mit der Ordnungszahl 84 entsteht als Zerfallsprodukt des natürlichen Uran 238. Polonium wurde auch im Körper des auf ungeklärte Weise in London verstorbenen Russen Alexander Litvinenko gefunden. Foto: Frank Mächler dpa/lby +++(c) dpa - Report+++

Schon in geringen Mengen tödlich: Polonium 210

Das hoch radioaktive Polonium 210 machte zuletzt in einem anderen spektakulären Fall Schlagzeilen. 2006 wurde der russische Ex-Agent Alexander Litwinenko in London mit der Substanz getötet. Polonium ist für den Menschen schon in kleinen Dosen tödlich und wird dann aktiv, wenn es in den Körper gelangt. Da Polonium 210 nicht frei auf dem Markt erhältlich ist, scheint es für viele Palästinenser den Verdacht zu bestätigen, den einige ohnehin schon immer hatten: dass ein Staat oder eine staatliche Organisation, in diesem Fall Israel oder Israels mächtiger Geheimdienst, dahinter stecken könnte.

Israel hat diesen Vorwurf allerdings immer kategorisch bestritten. Den jetzigen Bericht der Schweizer Wissenschaftler hat die Regierung in Tel Aviv als unseriös kommentiert. Ein Sprecher des Außenministeriums beschrieb die Untersuchung im israelischen Radio als eine "Seifenoper" und kritisierte, dass die Experten weder die früheren Arbeitsräume Arafats in Ramallah auf die radioaktive Substanz untersucht hätten noch das französische Militärhospital, in dem Arafat damals starb.

Viele offene Fragen - auch in den eigenen Reihen

Ob sich der Bericht der Wissenschaftler nun bestätigt oder nicht: Die Umstände von Arafats Tod werfen viele Fragen auf - auch die, ob es in den eigenen Reihen einen Verräter gab. "Die meisten Palästinenser sind davon überzeugt, dass Israel hinter dem Mord steckt", sagt der langjährige Nahostkorrespondent Matthew Kalman, der in dem Buch 'The Murder of Arafat' die Geschehnisse dokumentiert hat. "Aber die wichtigste Frage ist jetzt: Wer hatte seine Hände im Spiel, als Arafat die tödliche Dosis verabreicht wurde? Wenn jemand Polonium in Arafats Essen oder seine Getränke tun wollte, dann musste es jemand aus seinem engsten Zirkel sein.“ Viele Spekulationen, aber auch jede Menge brisanter Fragen, die auch für Unruhe in den politischen Reihen in Ramallah sorgen dürfte.

Auswirkungen auf Friedensgespräche?

Foto: AFP/Getty Images

In Gefahr? Friedensgespräche zwischen Israelis und Palästinensern

Unklar bleibt, inwieweit der Bericht der Schweizer Wissenschaftler die ohnehin schwierigen Friedensgespräche zwischen Palästinensern und Israelis belastet. "Ich denke, dass die Veröffentlichung der Ergebnisse zu diesem sehr kritischen Zeitpunkt der Friedensgespräche kein Zufall ist", sagt Buchautor Matthew Kalman. "Die palästinensische Führung könnte versuchen, sich damit einen Vorteil gegenüber der israelischen Position zu verschaffen, vor dem Hintergrund des möglichen Scheiterns der Verhandlungen."

Sicher ist: Die Person Jassir Arafat entzweit bis heute die Gemüter. Für Israel ist er das Sinnbild eines palästinensischen Terroristen, für viele Palästinenser bleibt er eine Symbolfigur des nationalen Widerstands, die bis heute zutiefst verehrt wird. Portraitbilder von ihm sind noch immer in vielen öffentlichen Gebäuden zu sehen, gleich neben denen des jetzigen Präsidenten Mahmud Abbas. Doch in den neun Jahren seit Arafats Tod hat sich auch die palästinensische Gesellschaft verändert. Die jetzige Führung in Ramallah setzt auf Staatsaufbau und Diplomatie, und die junge Generation sieht die Ära Arafat eher mit einer nostalgischen Note.

Ob sich je aufklären wird, wer hinter Arafat's Tod steht, bleibt fraglich. Suha Arafat, die Witwe des verstorbenen PLO-Führers, verlangt eine umfassende Untersuchung. Die Ergebnisse der Schweizer Wissenschaftler jedenfalls haben Bewegung in den brisanten Fall gebracht.

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