Tour: ein Spektaktel - mit Sicherheit | Sport | DW | 02.07.2016
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Sport

Tour: ein Spektaktel - mit Sicherheit

Etwas im Schatten der Fußball-EM beginnt am Samstag auch die Tour de France. Eine sicherheitstechnische Doppelbelastung für Frankreich. Sportlich verspricht das Rennen Spannung wie lange nicht.

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Vorbericht zur Tour de France

Schwere Militärlaster knattern durch die Straßen, olivgrünen Jeeps mit amerikanischem Stern auf der Haube, folgen und amerikanische GIs patrouillieren mit Stahlhelm. Was sich da im nordfranzösischen Saint-Lô abspielt, ist nicht etwa die Wiederholung des D-Day anno 1944, sondern der Einmarsch der Tour de France. Auf den Ladeflächen der alten Army-Trucks werden die besten Radsportler der Welt vorfahren. Denn die kleine Gemeinde in der Normandie, die bei der Landung der Alliierten fast vollständig zerstört wurde, ist die Kulisse für die Teampräsentation der Frankreichrundfahrt. Es ist ein historisch anmutendes Spektakel als Auftakt eines Sportevents, das dieses Mal mit dem Start in der Normandie an die Landung der Alliierten im Zweiten Weltkrieg erinnern will und schon immer gerne historische Anleihen nahm. Die militärische Szenerie von Saint- Lô ist zugleich aber ein wohl ungewollter Fingerzeig auf das Thema, das diese Tour so stark wie noch nie begleiten wird: die Sicherheit.

EM und Tour - eine Doppelbelastung für Frankreich

Tour de France 2016 Teampräsentation (Foto: Getty)

Einmarsch auf Weltkriegs-Laster: Weltmeister Peter Sagan (oben) und Alberto Contador

Denn im Hintergrund der GI-Darsteller wirkten auch schon zur Teampräsentation besondere Kräfte, die das Nationalheiligtum Tour de France bewachen sollen. Die Spezialeinheit GIGN, im französischen Volksmund "Super-Gendarmen" genannt, bewachen die Tour de France und stehen vor einer Mammutaufgabe: Sie sollen gemeinsam mit rund 23.000 Polizisten und Gendarmen entlang der 3500 Kilometer langen Strecke Gefahren erkennen und vom Tour-Tross abhalten. Seit den Aschlägen vom 13. November 2015 gilt auch das nationale Aushängeschild Tour de France als mögliches Anschlagsziel. Denn anders als die gleichzeitig stattfindende Fußball-EM ist ein Radrennen mobil, der zu überwachende Bereich immens groß, und das Publikum an der Strecke kann nicht kontrolliert werden. Ein riesiges Volksfest unter freiem Himmel. Und ein leichtes Ziel, befürchten Sicherheitsexperten. Und angesichts der Doppelbelastung EURO und Tour ein echter Kraftakt für Frankreich, das teilweise den Polizeieinheiten Urlaubssperren im Sommer verordnete.

Die Sicherheit ist diesmal auch ein großes Thema im Peloton der Tour. Allerdings geht es dabei weniger um die Angst vor einem möglichen Anschlag, als vielmehr die Gefahren im Rennen. Diese haben in jüngster Zeit massiv zugenommen, kritisieren zahlreiche Fahrer wie André Greipel oder Tony Martin, die eine Reduzierung der Begleitfahrzeuge im Rennen fordern. In den vergangenen Monaten hatten Kollisionen mit Fahrzeugen mehrere Athleten aus dem Rennen geworfen. In manchen Fällen waren die Folgen sogar weitaus dramatischer: Der Belgier Stig Broeckx liegt seit einem Zusammenstoß mit einem Begleitmotorrad bei der Belgien-Rundfahrt im Koma, und sein Landsmann Antoine Demoitié starb beim Frühjahrsklassiker Gent-Wevelgem, weil ihn ein Motorrad überrollte. Tour-Chef Christian Prudhomme kündigte an, die Zahl der Krafträder bei der Tour zu reduzieren und verspricht, dass Auto- und Motorradfahrer "handverlesen" seien und spezielle Schulungen durchlaufen müssten.

Tour de France Demonstration Polizei Festnahme (Foto: Getty)

Fragile Sicherheit: Hier überwältigen Gendarmen einen Demonstranten. Die Tour gilt mögliches Anschlagsziel.

Kann Degenkolb mit den Besten mithalten?

Die Teams, die mit den zahlreichen Begleitfahrzeigen selbst ein Teil des Problems sind, reagieren auf die zunehmende Anzahl an Stürzen, die insbesondere zur nervösen ersten Woche dazu gehören. Das deutsche Team Giant-Alpecin verwendet in den Trikots und Hosen neuerdings spezielle reißfeste Materialien, die bei Stürzen Verletzungen verhindern oder minimieren sollen. "Nach Stürzen muss der Körper viel Energie für die Wundheilung aufwenden", erklärt Team-Coach Adriaan Helmantel, "die neue Bekleidung kann sich also direkt auf die Leistung auswirken".

Einem seiner Schützlinge half auch solche Textil-Technologie nicht: John Degenkolb erlitt im Januar bei einem Frontalcrash mit einem Auto beim Training in Spanien folgenschwere Verletzungen und hätte beinahe einen Finger verloren. Jetzt meldet er sich zurück: "In den letzten Wochen ist meine Form durch die Rennen wieder besser geworden, ich bin zufrieden mit meiner Verfassung. Nach dem Rückschlag zu Saisonbeginn bin ich nun hier, um meinen ersten Etappensieg zu holen", so Degenkolb, der bisher stets knapp am Ziel Tageserfolg scheiterte.

Zum Auftakt Gelb für Deutschland?

Degenkolb muss sich auf den Flachetappen einer starken Konkurrenz stellen - vor allem aus dem eigenen Land. André Greipel gewann im Vorjahr vier Etappen und bewies am vergangenen Wochenende mit dem Sieg bei der Deutschen Meisterschaft in Erfurt seine Topform. Dort knapp geschlagen, aber über die gesamte Saison hinweg schon mit beeindruckenden Resultaten, präsentiert sich Marcel Kittel in alter Stärke. Der achtfache Tour-Etappensieger ist nach seinem schwarzen Jahr 2015 mit seinem neuen Etixx-Team zurück in der Weltspitze. Und zum Start bietet sich dem vielleicht schnellsten Mann der Welt auf zwei Rädern die ganz große Chance auf das Gelbe Trikot. Weil die Tour nicht mit einem Prolog, sondern mit einer Flachetappe zum Utah Beach startet, ist Gelb für Kittel "ein Riesenwunsch." Sein Kumpel Tony Martin ist dabei einer der wichtigsten Helfer. Da die Zeitfahren der Tour in diesem Jahr zu bergig sind, wird es der Allrounder schwer haben, sich so glänzend in Szene zu setzen wie im Vorjahr.

Radsport Giro d' Italia Marcel Kittel (Foto: pa)

Marcel Kittel (Mitte) schielt zum Auftakt auf das Gelbe Trikot - sein stärkster Gegner ist ein Landsmann

Nicht nur die Zeitfahren, auch die Bergetappen sind dieses Jahr klar auf einen Fahrertyp zugeschnitten: den Bergfahrer. Der Tourveranstalter ASO hofft so auf Spektakel und natürlich auch auf die heimischen Fahrer. Mit Thibaut Pinot, Romain Bardet und Warren Barguil haben die Gastgeber gleich drei Ausnahme-Talente im Spiel um einen Podestplatz dabei. Die oberste Stufe dürfte dabei noch etwas zu hoch sein für die aufstrebenden Franzosen. Das Trio nähert sich der Spitze, doch noch steht dort der derzeitige Tour-Souverän: Vorjahressieger Chris Froome, der auch in diesem Jahr wieder wie ein Uhrwerk seine Form auf den Saisonhöhepunkt hin steigerte und erneut Favorit ist. Ihm zur Seite steht eine bärenstarke Sky-Armada, die zumindest hinsichtlich ihrer Dominanz auf der Straße an Lance Armstrongs US-Postal-Truppe erinnert - hoffentlich nicht mit ähnlichem Erfolgsgeheimnis.

So viele Podiumsbewerber wie lange nicht

Froomes härteste Rivalen sind der kolumbianische Bergfloh Nairo Quintana, der sein radsportbegeistertes Land erneut mit Attacken am Berg verzücken will, sowie der in die Jahre gekommene Alberto Contador. Der Leader des sich auflösenden Tinkoff-Rennstalls ist schwer einzuschätzen. Beim Dauphiné zeigte er starke Form - aber reicht die im Alter von inzwischen 33 Jahren auch noch für drei Wochen? Fraglich ist zudem, wie harmonisch die italienische Doppelspitze von Astana fahren wird: Der Toursieger von 2014, Vinzenco Nibali, soll den deutlich jüngeren Vueltasieger von 2015, Fabio Aru, unterstützen. Ob das zugesicherte Loyalitätsversprechen die drei Wochen übersteht, bleibt abzuwarten. Die Tatsache, dass sich dahinter mit dem Amerikaner Teejay van Garderen, dem Australier Richie Porte, dem Niederländer Bauke Mollema und dem niemals zu unterschätzenden spanischen Routinier Alejandro Valverde in diesem Jahr so viele Anwärter wie lange nicht, aufs Podium drängeln, lässt hoffen. Diese Tour wird spannend, soviel ist sicher.

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