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Filme

Tom Tykwer: "Die 1920er Jahre sind im Film ein unterbestelltes Feld"

Zum ersten Mal dreht Tom Tykwer für das Fernsehen. Die neue Serie "Babylon Berlin" ist mit einem Millionen-Budget ausgestattet. Die Herausforderung liege im historischen Zeitkolorit, sagt der Regisseur im DW-Interview.

DW: Der Ort der Pressekonferenz, auf der Sie Ihr neustes Filmprojekt, die Fernsehserie "Babylon Berlin" (ARD/Degeto/Sky) präsentiert haben, ist selbst eine historische Stätte. Das "Babylon" wurde 1929 als Stummfilmkino eröffnet und liegt direkt um die Ecke der berühmt-berüchtigten "Roten Burg", dem Polizeipräsidium von Berlin, das in der Serie eine zentrale Rolle spielt. Werden Sie auch hier drehen?

Tom Tykwer: Das wollen wir unbedingt tun, wobei man sagen muss, es gibt hier in Berlin natürlich mehrere solcher Kinos. Die Leute sind in den 1920er Jahren wie wahnsinnig ins Kino gegangen. Das war eine kinobesessene Zeit damals. Es kostete auch nur einen Groschen. Und es gab noch keine Fernseher und noch wenig Radios, die waren noch nicht im Alltagsgebrauch. Insofern war das Kino der Ort, wo man hinging, um auch Nachrichten zu gucken: Wochenschau und danach noch einen Film. Also auch in der Serie ist das ein richtiger Begegnungsort.

Musik hat in Ihren Kinofilmen immer einen hohen Stellenwert. Es gab damals in Berlin viele Musikrevuen in der Stadt. Inwieweit wird Musik auch in der Serie eine wichtige Rolle spielen?

Die Stadt war damals voller Musik, eigentlich überall und auch auf den Straßen. Und das ist auch das Besondere an diesem Zeitkolorit, was wir versuchen werden, einzufangen. Natürlich können wir nicht so einen Film machen wie "Cabaret" (Musicalfilm von 1972, der acht Oscars bekam, Anmerk.d. Red.), der die Musik ins Zentrum rückt. Das ist eher so, dass wir uns vorstellen: Wie sind die Menschen damals in dieser pulsierenden Metropole Berlin damit umgegangen? Wo sind sie hingegangen? Wie sind sie als normale Bürger in die Clubs hineingeraten, wenn sie nicht in der Musikszene unterwegs waren? Das wird natürlich in "Babylon Berlin" ausführlich beschrieben und gezeigt.

Sie haben gerade den berühmten Kinofilm "Cabaret", mit Liza Minelli in der Hauptrolle erwähnt, der im Berlin von 1931 spielt. Versucht man da als Regisseur mit Scheuklappen an die Inszenierung des eigenen Drehbuchs ranzugehen und all die Vorgängerfilme auszublenden, wenn man sich mit so einem Stoff beschäftigt?

Wir arbeiten ja im Team und wir gucken uns eigentlich alles gerne an. Es gibt ein paar tolle Beispiele für ein perfektes Zeitkolorit. Aber es gibt gar nicht so viel, dass muss man sagen. Die 1920er Jahre in Berlin sind im Film ein unterbestelltes Feld, was einfach ganz simpel damit zu tun hat, dass man hier immer nur sehr schwer drehen konnte.

Also wenn man Berlin aus der Zeit heraus rekonstruieren wollte, dann ist sie einfach nicht mehr da. Oder sie ist wahnsinnig verändert, im Verhältnis zu der historischen Epoche des frühen 20. Jahrhunderts, weil sie später so niedergebombt wurde. Deshalb hat man sich vermutlich davor gescheut, über diese Zeit davor Filme zu drehen.

"Cabaret" ist nicht umsonst der berühmteste Film aus der Zeit, aber der spielt fast nur innen auf der Bühne. Aber wir wollen einen Film machen, der auch auf die Straße geht. Und das muss man auch erst mal zurecht konstruieren. Eingeschüchtert fühle ich mich da von nichts. "Cabarett" ist ein Meisterwerk und wird immer eins sein, keine Frage. Unser Schwerpunkt liegt woanders.

Berlin Kino Babylon

Babylon Berlin: Tom Tykwer stellte seine neue Fernsehserie vor

Was heißt für Sie als Regisseur "auf die Straße" gehen, also auch Massenszenen? Je weiter die Bücher und die Serie in die Zeit der späten 1920er Jahre reingehen, um so mehr ist auch auf der Straße los.

Das darf man einfach nicht vergessen und muss man auch aus der Zeit heraus verstehen: die Stadt, die Straßen waren voll mit Menschen. Autos gab es natürlich, wenige für Privilegierte und Reiche, aber der Normalverbraucher hatte damals kein Auto. Insofern sind irre viel Menschen zu Fuß oder in der Tram unterwegs. Und das müssen wir auch versuchen einzufangen, was anspruchsvoll ist. Die Menschen, also die Statisten, die muss man ja alle anziehen, die müssen den richtigen Hut tragen, und die müssen sich ja auskennen in der Epoche.

Bei der Vorstellung der neuen Fernsehserie fiel das Wort "Sittengemälde". Inwieweit versuchen Sie als Regisseur diese Zeit, diese Epoche des Umbruchs in den 1920er Jahren, nachzuzeichnen?

Das ist der Anspruch. Wir möchten gerne, dass man das Gefühl hat, dass das eine Serie wird, die einem die Epoche wirklich in all ihren Facetten nahe bringt. Und nicht nur, dass es ein spannender Krimi wird. Natürlich steht im Zentrum, dass einen der Serien-Plot und die Geschichte mitreißen, aber wir bewegen uns sehr bewusst und konkret in die politische Zone der Epoche. Auch mit einzelnen Figuren, die entscheidende Auftritte habe und als Personen eine wichtige Rolle spielen und nicht nur als Kolorit im Hintergrund daher laufen. Die politischen Zeitläufte werden ganz stark auch die Geschichte lenken.

Und wenn man sagt "Sittengemälde", heißt das: die Geschichte spielt in einer Stadt, die ein Vulkan war, in der gerade eine kulturelle Explosion, ein Sittenverfall und ein totaler Umbruch stattfand. In Berlin kamen unterschiedlichste Künstler aus den verschiedenen Himmelrichtungen zusammen und erfanden einfach was Neues. Diese sprühende Energie, dieses "Welt-Neu-Erfindungsgefühl", gepaart mit den wachsenden politischen Spannungen, das ist das Energiefeld, in dem wir uns in der Serie "Babylon Berlin" bewegen wollen.

Das Interview führte Heike Mund nach der Pressekonferenz am 10.2.2016 in Berlin.

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