″Babylon Berlin″: Tom Tykwer dreht TV-Serie mit Rekordbudget | Kultur | DW | 11.02.2016
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Kultur

"Babylon Berlin": Tom Tykwer dreht TV-Serie mit Rekordbudget

Fernsehserien "Made in Germany" sind auf bestem Weg zur Qualitätsmarke zu werden - auch international. Jetzt kommt ein Millionen-Projekt: Tom Tykwer verfilmt im Regieteam einen Krimi-Bestseller.

Combo der Regisseure

Die drei Regisseure der neuen Fernseh-Serie: Hendrik Handloegten, Tom Tykwer, Achim von Borries (von li. nach re.)

Das Finanzierungsmodell des neuen Mehrteilers "Babylon Berlin" ist direkt für die internationale Liga des TV-Marktes aufgestellt. Es werden gleich zwei Staffeln mit insgesamt 16 Episoden gedreht - und kein Pilot. "Think big" ist das Erfolgsrezept der US-amerikanischen oder britischen TV-Produzenten, die für finanzkräftige Fernsehsender wie HBO oder BBC weltweit erfolgreiche Serien produzieren. In Deutschland sind so aufwendig produzierteTV-Serien eher ungewöhnlich.

Mit knapp 40 Millionen Euro ist das Budget für "Babylon Berlin“ angesetzt. Für eine TV-Serie im obersten Segment der Produktionskosten und damit auch die bislang teuerste deutsche Serie. Aber Idee, Drehbuch und handelnde Personen seien einfach erstklassig, merkt Jan Mojto, Chef der Vermarktungsfirma Beta Film, auf der Pressekonferenz im Berliner Kino "Babylon" an: "Die ersten Reaktionen auf das Projekt sind wegen der kreativen Kraft, wegen der involvierten Namen und wegen des hohen Anspruchs sehr positiv."

Kreatives aus dem "Writers Room"

Das Drehbuch für zwei Staffeln von jeweils 8 Episoden wird von den kreativen Köpfen Tom Tykwer ("Das Parfum"), Achim von Borries ("Jeder stirbt für sich allein") und Hendrik Handloegten im Team entwickelt. "Wir sitzen in einem Raum, gedanklich zusammengekettet und überlegen die einzelnen Szenen", erklärt von Borries die ungewöhnliche Arbeitsweise. Alle drei bringen als Regisseure und als Drehbuchautoren viel Erfahrung in Bezug auf historische Stoffe mit. "Aber wir stehen nicht alle drei gleichzeitig vor den Schauspielern am Set", scherzt Kinoregisseur Tom Tykwer ("Das Parfum"), der zum ersten Mal fürs Fernsehen dreht.

Berlin: Frontansicht des Babylon-Kinos. Copyright: Heike Mund

Pressekonferenz an historischer Stätte: Das "Babylon" wurde 1929 als Stummfilmkino in Berlin eröffnet

Verfilmt werden für diese neue Fernsehserie die Bestseller von Autor Volker Kutscher. Spannende Kriminalromane, die im Berlin der späten 1920er Jahre angesiedelt sind – bevor die Nazis an die Macht kamen. Hauptperson ist der eigensinnige Gereon Rath, ein junger Kriminalkommissar aus Köln, der sich nach seiner Strafversetzung in der pulsierenden Großstadt Berlin zurechtfinden muss.

Bei seinen ersten Ermittlungen landet er in einem kriminellen Dschungel aus Korruption, Drogen und Waffenhandel. Dekadenz, Luxus und Armut, alles prallt in "Babylon Berlin" hart aufeinander. Nebenbei verliebt sich Rath in die junge, schlagfertige Polizeikollegin Charlotte Ritter – alles höchst kompliziert für den Ermittler aus der Provinz.

Die politischen Unruhen der Weimarer Republik, erste Schlägereien zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten, der drohende Untergang der Demokratie geben den Krimis ein authentisches Zeitkolorit. Kutscher hat jedes Gebäude, jeden Berliner Platz und die Kriminalfälle der Zeit akribisch recherchiert. "Eine Zeit permanenter Krisen, in der Mitte eine rasant wachsende Stadt mit Zuzüglern von überall her, Berlin als internationaler Schmelztiegel – das war ein Füllhorn für uns Autoren", sagt Achim von Borries.

Ein Drehbuchstoff, der als deutscher Exportartikel derzeit extrem gut ankommt im Ausland, ergänzt Carsten Schmidt, Geschäftsführer des Pay-TV-Senders Sky Deutschland, der die neue Serie koproduziert: "Ein herausragendes Projekt: mutig erzählt, ein großartiger Cast und ein Team voller Kreativität." Auch die Filmstiftung NRW und das Medienboard Berlin-Brandenburg sind deshalb mit großzügiger Förderung eingestiegen.

Hauptdarsteller Volker Bruch und Liv Lisa Fries

Die beiden Hauptdarsteller der neuen Krimiserie: Volker Bruch und Liv Lisa Fries

Neue deutsche Serienstars

Regisseur Tom Tykwer kann es auch kaum erwarten, dass die Dreharbeiten im April losgehen, sagt er. Für ihn und das Team sind die starken Protagonisten der Krimis ein Geschenk. Eins was viel Geld kosten wird: 300 Sprechrollen sind für die Serie zu besetzen. Um so mehr freut es ihn, die zwei Hauptdarsteller bei einer Pressekonferenz in Berlin am Mittwoch (03.02.2016) vorzustellen: Volker Bruch spielt den eigensinnigen Kriminalkommissar Gereon Rath. Liv Lisa Fries, mit zahlreichen Nachwuchspreisen ausgezeichnet, gibt der Charlotte Ritter mit Berliner Schlagfertigkeit und kesser Lippe Profil.

Beide Schauspieler sind stolz bei so einem ambitionierten Fernsehprojekt dabei zu sein. "Von Anfang an hat die Chemie zwischen uns beiden gestimmt", sagt Volker Bruch über seine Filmpartnerin. Zeit für andere Filmprojekte werden sie in diesem Jahr vermutlich beide nicht mehr haben, denn für "Babylon Berlin" sind mehr als 200 Drehtage angesetzt. Derzeit werden auf dem Gelände der Filmstudios Babelsberg ganz neue historische Außenkulissen von Berliner Straßenzügen gebaut – Hinterhöfe, kleine Gassen, Läden, Clubs, alles im Stil der 1920er Jahre. Mehr als 500 Tonnen Stahl werden verbaut, auch für Babelsberg eine Investition in die Zukunft.

Schauspieler Volker Bruch und Tom Schilling am Set der TV-Serie Unsere Mütter, unsere Väter. Copyright: ARD

Volker Bruch (li.) und Tom Schilling am Set der preisgekrönten TV-Serie "Unsere Mütter, unsere Väter"

Ausrichtung auf den weltweiten TV-Markt

Gedreht wird - trotz internationaler Ausrichtung des Projekts - in deutscher Sprache. Eine bewusste Entscheidung für Qualität und für Schauspieler-Persönlichkeiten. "Nicht, dass die Welt darauf wartet", wirft Beta Film-Chef Mojto ein. "Aber das ist die große Herausforderung: Spannend und unterhaltsam wie die amerikanischen Serien, sowas können wir auch."

Produzent Stefan Arndt sieht die Fernsehserie "Babylon Berlin" auch als "Aufbruch in eine neue Ära der TV-Produktion" in Deutschland: als Koproduktion zwischen Free-TV und Privatsendern, weltweit vermarktet und mit DVDs inklusive. Natürlich wolle man an den Erfolg von US-Serien wie "Homeland" und "House of Cards" anknüpfen, die vor allem bei jüngeren Zuschauer Kultstatus haben.

Filmszene aus dem Kinofilm Lola rennt. Copyright: X Filme, Berlin

Mit dem Kinofilm "Lola rennt" ist Regisseur Tom Tykwer auch im Ausland bekannt geworden

Zusammen mit den Regisseuren Tom Tykwer, Dany Lewy und Wolfgang Becker hat Arndt 1994 die Kreativschmiede X Filme Creative Pool gegründet und mittlerweile viele, auch im Ausland erfolgreiche deutsche Kinofilme produziert, "Lola rennt", "Good Bye Lenin". Und er weiß, wie wichtig es ist, so eine "kreative Partnerschaft" im Zaum zu halten.

Deshalb hat die Produktion entschieden, vorerst nur den ersten Kriminalroman von Kutscher, "Der nasse Fisch", für die zwei Staffeln zum Drehbuch verarbeiten zu lassen. Kutscher hat mittlerweile fünf Gereon-Rath-Romane geschrieben – alle Bestseller. Der sechste kommt in Kürze auf den Buchmarkt. "Wir denken schon längst in der 3. und 4. Staffel weiter", wirft Achim von Borries mit einem lachenden Seitenblick auf Filmgeschäftsführer Arndt ein.

Neue Geschäftsmodelle bei TV-Produktionen

Ausgestrahlt werden die insgesamt 16 Folgen von "Babylon Berlin" 2017 zuerst beim Privatsender Sky, der als Koproduzent mit im Boot ist. Erst danach kommen die Zuschauer 2018 auch im öffentlich-rechtlichen Free-TV der ARD in den Genuss. Bei 2,5 Millionen Euro geschätzten Produktionskosten für jede Folge von "Babylon Berlin" wäre es für die gebührenfinanzierten deutschen Fernsehsender allein nicht zu machen gewesen. "Da liegen wir auch ganz klar in der oberen Liga der Produktionskosten", räumt Produzent und Beta Film-Chef Mojto ein.

Regisseur Tom Tykwer

Hat den Anspruch der Erzählhaltung im Blick: "Babylon" spielt im Berlin vor der Machtergreifung 1933

Tom Tykwer hat als Regisseur mehr den Inhalt der neuen Serie im Kopf. Im DW-Interview kommt er auf die authentische, historische Dimension der neuen Fernsehserie zu sprechen. "Wichtig ist, die Story nicht mit dem Geschichtsbewusstsein von heute zu erzählen. Heute wissen wir, wie das alles in der Nazizeit ausging."

Die Serie "Babylon Berlin" erzählt deshalb alles aus der Perspektive des jungen Kriminalkommissars aus Köln, der die Metropole Berlin erst nach und nach kennenlernt. Erste Übergriffe von SA-Schlägertrupps und die aufkommende Präsenz der "Braunhemden", der Nationalsozialisten, lassen ahnen, was sich da politisch in der Weimarer Republik zusammenbraut.

Erfolgreich: Neue deutsche Serien

Berlin als Spielort für historische TV-Serien ist zur Zeit gerade sehr angesagt. Auch ein anderer deutscher Regisseur, Sönke Wortmann, dreht einen Mehrteiler für die ARD - rund um die traditionsreiche Berliner "Charité"-Klinik. Eine aufwendige Kostümproduktion, die im Jahr 1888 spielt. Und Produzent Nico Hofmann hat noch andere historische Stoffe in Arbeit, unter anderem "Kudamm 56". Klingt nach Serientiteln in Serie.

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