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Deutschland

Titanic: Nach Papst-Witzen nun Islam-Satire?

Das Satiremagazin Titanic plant eine "Islamausgabe". Inhalt unter anderem: Witze über Deutschlands einstige "First Lady" Bettina Wulff. Die DW fragt Titanic-Chefredakteur Leo Fischer, was es damit auf sich hat.

Leo Fischer, Chefredakteur des Satiremagazins Titanic, fotografiert an seinem Schreibtisch in den Titanic-Redaktionsräumen in Frankfurt am Main am 25.09.2009 (Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Satiremagazin Titanic Leo Fischer Chefredakteur

Die rechte Hand eines bärtigen Mannes mit Turban reckt einen Dolch in die Höhe. In der linken hält der Mann Bettina Wulff, die Ehefrau des ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff. Mit dieser Fotomontage soll die Oktober-Ausgabe des Satire-Magazins "Titanic" erscheinen. Der Titel: "Der Westen in Aufruhr. Bettina Wulff dreht Mohammed-Film!"

Dass diese gänzlich erfundene Satire auf zwei vieldiskutierte Themen die anti-westlichen Ausschreitungen in vielen muslimischen Ländern weiter anheizen könnte - das kann sich der Chefredakteur des Blattes, wie er sagt, nicht vorstellen.

Fischer: Koran verbiet keine Kritik an Bettina Wulff

"Im Gegenteil glaube ich, dass dieser Titel eher zur Abkühlung der Verhältnisse im arabischen Raum beitragen wird", sagt Leo Fischer mit ironischem Unterton, den er fast während des gesamten Interviews mit der Deutschen Welle beibehält: "Ich habe den Koran mehrfach gelesen. Der Koran verbietet nicht, sich über Bettina Wulff lustig zu machen." Und nur darum gehe es bei dem Foto, so Fischer. "Frau Wulff ist bekannt dafür, dass sie derzeit alle Register zieht, um ihr neues Buch zu verkaufen", sagt Fischer über ein Thema, über das viele Menschen in Deutschland derzeit sprechen.

Demonstration gegen Mohammed-Karikaturen in Teheran (Foto: ATTA KENARE/AFPGettyImages)

Demonstration gegen Mohammed-Karikaturen in Teheran

Die am Mittwoch (19.09.2012) im französischen Satire-Magazin "Charlie Hebdo" erschienenen Mohammed-Karikaturen hatte Fischer in einem Artikel der 'Berliner Zeitung' noch als eine richtige Reaktion auf die "wahnsinnigen Ausschreitungen" verteidigt. Als Reaktion auf die Veröffentlichung der Karikaturen griffen hunderte Islamisten am Donnerstag die französische Botschaft in Teheran an. Laut einem Bericht der iranischen Nachrichtenagentur Fars hinderte ein großes Polizeiaufgebot die Menge daran, das Botschaftsgebäude zu stürmen.

Französische Regierung fürchtet Eskalation der Gewalt

Die französische Regierung befürchtet, dass die Proteste gegen die Karikaturen nach dem traditionellen Freitagsgebet auch in anderen Ländern eskalieren werden. Deshalb hat das Außenministerium vorsorglich die vorübergehende Schließung von Botschaften, Konsulaten, Schulen und Kulturzentren in 20 Ländern angeordnet. Das deutsche Außenministerium hat die Sicherheitsvorkehrungen seiner Botschaften in den betreffenden Ländern ebenfalls verschärft, wie Außenminister Guido Westerwelle auf einer Pressekonferenz in Berlin mitteilte.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (Foto: UN via Nina Werkhäuser/DW)

Warnt vor Provokationen: Außenminister Westerwelle

Auf die geplante Titanic-Ausgabe angesprochen, warnte Westerwelle vor weiteren Provokationen, die radikalen Muslimen neuen Zündstoff liefern könnten. "Meinungsfreiheit ist nicht die Freiheit, Andersgläubige zu beleidigen, zu beschimpfen oder zu verunglimpfen", sagte der Außenminister und mahnte, dass zur Freiheit auch immer Verantwortung gehöre. "Nicht derjenige ist der größere Freigeist, der jetzt aus ganz anderen Gründen auch noch Öl ins Feuer gießt."

Verfassungsschutz: Gewaltakte nicht auszuschließen

Auch der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, ist angesichts der Entwicklung besorgt. Zwar gebe es bislang noch keine "konkrete Gefahr" innerhalb Deutschlands. "Aber das Emotionalisierungspotenzial bei Salafisten ist sehr groß", warnte Maaßen im Gespräch mit der Deutschen Welle, das bedeutet: "Wenn der Film hier öffentlich gezeigt würde und Mohammed-Karikaturen in deutschen Zeitungen zu sehen wären, wäre nicht auszuschließen, dass es zu konkreten Gewaltakten auch in Deutschland kommt, aber auch gegen deutsche Interessen im Ausland."

Für Titanic-Chefredakteur Fischer ist das alles jedoch kein Grund, einen Rückzieher zu machen - selbst wenn sein Titelbild falsch verstanden oder benutzt würde, um die anti-westlichen Proteste weiter anzuheizen. "Das ist sicherlich so. Da gibt es politische Rädelsführer, die so etwas machen“, sagt er. „Aber das lässt sich nicht dadurch verhindern, dass man solche Publikationen nicht unternimmt."

Titanic: Geht es nur um die Auflage?

Die politischen Rädelsführer fänden immer einen Anlass zum Protest, sagt der Titanic-Chefredakteur überraschend ernst und einmal ohne ironischen Unterton. "Sich selbst da einen Maulkorb anzulegen, das nützt auch gar nichts. Selbst wenn wir es wollten, würde es nichts nutzen. Denn diese Menschen finden immer wieder eine Möglichkeit", verteidigt Fischer seinen Standpunkt.

Im Vergleich zu seinem französischen Satire-Kollegen, "Charlie Hebdo"-Chefredakteur Gérard Biard, bleibt Fischer in seinen Aussagen recht unpolitisch. Biard verteidigt im Gespräch mit der Deutschen Welle die Karikaturen mit der politischen und atheistischen Ausrichtung seiner Zeitschrift: "Wir bekämpfen jede Religion, sobald sie den privaten Rahmen verlässt und Einfluss auf Politik und Öffentlichkeit nimmt", formuliert Biard seinen politischen Anspruch. Bei der "Titanic" bleibt zumindest der Verdacht, dass man einfach mal auf einen aktuellen Trend aufspringt, um die Auflage zu steigern.

Nach dem umstrittenen Juli-Titel legte die Titanic im August nach - und zeigte den Papst mit Kinderhandabdrücken auf der Soutane (Foto: Maurizio Gambarini/dpa)

Nach dem umstrittenen Juli-Titel zeigte die Titanic im August den Papst mit Kinderhandabdrücken auf der Soutane

"Sollte das passieren, nehmen wir das schweren Herzens in Kauf", kommentiert Fischer. Mit religiösen Themen auf dem Titelblatt hat man bei der "Titanic" in diesem Jahr schon gute Erfahrungen gemacht: Das umstrittene Papst-Titelbild vom Juli bescherte dem Satiremagazin eine Auflage-Plus von 70 Prozent. Das Magazin hatte das Oberhaupt der katholischen Kirche mit einem großen braunen und einem großen gelben Fleck auf dem Gewand gezeigt. Titelzeile: "Die undichte Stelle ist gefunden." Fischer und die "Titanic" wollten das als Anspielung auf an die Öffentlichkeit geratene Unterlagen verstanden wissen. Zahlreiche Katholiken aber nahmen Anstoß an dem Titel. Auch der Papst selbst zog gegen das Heft vor Gericht.