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Europa

Biard: "Es geht uns nicht um Provokation"

Auf seiner Titelseite mokiert sich das französische Satireblatt "Charlie Hebdo" über die Reaktionen auf den Mohammed-Schmähfilm. Chefredakteur Gérard Biard stellt im DW-Interview klar: Kritik muss möglich sein.

Deutsche Welle: Worum ging es Ihnen bei der Veröffentlichung der Karikaturen: um freie Meinungsäußerung oder gezielte Provokation?

Gérard Biard: Wir verstehen die Veröffentlichung dieser Karikaturen als Teil unserer Arbeit sowie als freie Meinungsäußerung. Bei solch einer hochaktuellen Nachrichtenlage - also wenn ein einfältiger Film fast überall auf der Welt zu Ausschreitungen führt, bei denen es Tote gibt und Botschaften brennen - wenn wir Journalisten das nicht kommentieren dürfen: Das wäre undenkbar! Ich wehre mich allerdings gegen die Bezeichnung "Provokation". Es geht hier ganz und gar nicht um Provokation. Es geht darum, dass wir unsere Aufgabe als politische Kommentatoren erfüllen.

Es ist nun einmal so, dass wir ein politisches Satiremagazin sind, das mit Bildern arbeitet. Und wir sind vor allem eine atheistische Zeitschrift: Wir bekämpfen jede Religion, sobald sie den privaten Rahmen verlässt und Einfluss auf Politik und Öffentlichkeit nimmt. Der Islam versucht, die Politik für sich zu nutzen, deshalb muss er sich - wie jede andere politische Kraft auch - der Kritik stellen.

In rund zwanzig Ländern bleiben französische Auslands-Schulen vorerst geschlossen, Frankreich hat für zahlreiche Botschaften die Sicherheitsstufe erhöht. Hätten Sie diese Reaktion erwartet? 

Ganz ehrlich: Wir sind sehr überrascht!  Schauen Sie sich die Karikatur auf der Titelseite einmal genau an. Also, ich wüsste nicht, in welcher der beiden Figuren der Prophet Mohammed erkennbar wäre. Das ist eine durch und durch satirische Zeichnung, die ganz in der Tradition der französischen Satire steht. Deshalb verstehe ich die ganze Aufregung nicht, die unser Titelblatt ausgelöst hat - oder besser gesagt: Ich habe Angst davor, sie zu verstehen.

Meiner Meinung nach ist das alles Manipulation. Und was die Entscheidung der französischen Regierung betrifft, Auslandsschulen und Botschaften in fast zwanzig Ländern zu schließen: Es ist doch Frankreichs Aufgabe, für die Sicherheit seiner Bürger in Ländern zu sorgen, in denen sie gefährdet sein könnte. Das ist alles, was ich dazu sagen kann.  

Haben Sie Angst vor Rache-Aktionen?

Als wir das letzte Mal eine Titelseite zu dem Thema veröffentlicht haben, wurde unser Büro angezündet - wir müssen also damit rechnen. Wir haben jetzt Polizeischutz erhalten. Aber es ist einfach nicht hinnehmbar, dass wir uns um unsere Sicherheit sorgen müssen, weil wir von unserem Recht Gebrauch machen, Karikaturen zu veröffentlichen und unseren Job als Journalisten und politische Kommentatoren machen.

Gab es innerhalb Ihrer Redaktion verschiedene Meinungen zur Auswahl der Titelseite?

Wir waren uns alle einig darüber, dass wir dieses Thema auf die Titelseite bringen. Für uns war das ganz klar. Diskutiert haben wir darüber, welches Bild wir letztendlich nehmen sollen. Aber  grundsätzlich waren wir uns einig, dass wir etwas zu dem Thema machen. Das hat keiner infrage gestellt.

Sollte es tatsächlich zu Ausschreitungen kommen - würden Sie sich dann verantwortlich fühlen?

Natürlich würden wir das bedauern. Aber verantwortlich sind wir nicht. Ist Salman Rushdie verantwortlich für die Fatwa, die man gegen ihn ausgesprochen hat und die erst vor zwei Tagen noch verschärft wurde? Nein! Deshalb fühlen wir uns nicht verantwortlich, falls es zu solchen Reaktionen kommen sollte.