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Erziehung

Tipps für den Umgang mit radikalisierten Schülern

Ist ein gebrülltes "Allahu Akbar" auf dem Pausenhof schon ein Anzeichen für gefährliche Radikalisierung - oder nur jugendliche Provokation? Eine NGO will Pädagogen auf kritische Situationen im Schulalltag vorbereiten.

Deutschland Frau mit Kopftuch (picture-alliance/dpa/B. Thissen)

Muslimische Schüler stellen für einige Sicherheits-Experten ein potentielles Problem dar

In der Hermann-Sander-Grundschule in Berlin kommen über 90 Prozent der Schüler aus Migranten-Familien. Die Lehrer müssen neben Sprach- und Kulturbarrieren zunehmend auch Konfrontationen mit radikalisierten Schülern im Blick haben. Rita Schlegel, Rektorin der Hermann-Sander-Schule im Berliner Bezirk Neukölln kennt das aus ihrem Schulalltag. "Da gibt es welche, die können schlecht akzeptieren, dass ihnen eine Frau etwas sagt, oder sie meinen, ihre Religion verbietet es, im Musikunterricht mitzusingen", sagt die Schulleiterin. Man müsse genau hinsehen, was in den Familien ablaufe.

Rita Schlegel (DW/H.Kiesel)

Rektorin Rita Schlegel: Vor allem Kinder aus "Familien mit nicht deutscher Herkunftssprache" besuchen ihre Schule

Hilfestellung bekommen Schlegel und ihr Kollegium jetzt durch eine ausführliche Handreichung für den pädagogischen Alltag. Der Titel der Schrift: "Integration fördern, Radikalisierung erkennen". Die NGO European Foundation for Democracy (EFD) hat sie ausgearbeitet. "Wir haben intensiv mit Lehrern geredet und versucht herauszufinden, welche Situationen am häufigsten vorkommen", erklärt EFD-Vorstand Alexander Ritzmann. Herausgekommen sind 26 Konfliktbeschreibungen und passende Handlungsoptionen.

Von Antisemitismus und Ehrenmord bis zur Radikalisierung

Die Darstellung, sie steht nicht nur Lehrern zum Download bereit, konzentriert sich auf die Themengebiete patriarchale Strukturen und Traditionen und fundamentalistische Formen des Islamverständnisses. Es geht also um Probleme, die ein Lehrer an einer deutschen Schule mit Muslimen haben könnte: Was tun, wenn meine Schüler einen Gebetsraum haben wollen oder wegen des Freitagsgebets nicht zum Unterricht kommen? Wie steht es mit dem Schwimmunterricht? Der Leitfaden des EFD rät in den meisten Fällen zum klärenden Gespräch mit den Eltern. Oft ließe sich ein Kompromiss finden.

Ein ausführlicher Teil der Handreichung befasst sich mit der Gefahr der Radikalisierung von Schülern. Hier will die Broschüre helfen, den Blick der Lehrer zu schärfen. Es geht um Verschwörungstheorien, den  Besuch auffälliger Moscheen, strikte Auslegungen des Koran und das Verbreiten islamistischer Propaganda. Am Ende gibt es noch eine Checkliste, die den Pädagogen helfen soll, festzustellen, ob ein Schüler einfach seine Religion praktiziert oder schon in extremistisches Fahrwasser geraten ist.

Den Leitfaden für kritische Situationen mit muslimischen Schülern haben die Lehrer der Hermann-Sander-Schule erst vor wenigen Tagen in die Hand bekommen. "Wir werden sehen, wie die Kollegen das nutzen", sagt Rektorin Schlegel. An ihrer Schule sind einige der Probleme schon aufgetreten, die die Broschüre anspricht. Mit der islamistischen Radikalisierung habe man allerdings weniger Probleme. "Wir sind eine Grundschule, aber am besten man hält die Augen offen, denn auch die schlimmsten Verbrecher waren mal Kinder und sind zur Schule gegangen", warnt Schlegel.

Teil eines breit angelegten Feldzugs gegen Extremisten

Der Handlungsleitfaden für Lehrer ist durch die enge Zusammenarbeit von zwei Organisationen möglich geworden, die sich kritisch mit Entwicklungen in der islamischen Community und im Nahen Osten auseinandersetzen. Die bereits genannte European Foundation for Democracy (EFD) ist für den Inhalt verantwortlich. Sie unterhält Büros in Brüssel und Berlin. Einer der Berater des EFD ist der Berliner Psychologe Ahmad Mansour, der eine bundesweite Bildungsinititative gegen Ehrenmorde angeschoben hat. Geschäftsführer Ritzmann hat sich früher als FDP-Abgeordneter im Berliner Abgeordnetenhaus mit innerer Sicherheit beschäftigt. Jetzt freut er sich, dass die Handreichung für Lehrer international Aufmerksamkeit erregt: "Wir wurden sogar schon aus dem Kosovo angefragt."

EFD-Vorstand Alexander Ritzmann, Ex-BND-Chef August Hanning und CEP-CEO David Ibsen (DW/H.Kiesel)

Ex-BND-Präsident August Hanning (Mi.) zwischen EFD-Vorstand Alexander Ritzmann (re.) und CEP-Chef David Ibsen

Das Counter Extremism Project (CEP) - mit Büros in New York, London und Brüssel - hat die Schrift finanziert. CEP hat sich dem internationalen Kampf gegen dschihadistische Bestrebungen verschrieben. Derzeit bewirbt CEP ein Programm, das Social-Media-Plattformen helfen soll, dschihadistisches Material zu finden und zu zensieren.

Das CEP geht auf die Initiative namhafter US-Politiker zurück, die eng mit der Arbeit des amerikanischen Heimatschutz-Ministeriums verknüpft sind. Als CEO fungiert der frühere Botschafter der USA bei den Vereinten Nationen, Mark Wallace, der auch die Initiative "Geeint gegen den Atomstaat Iran" leitet. Beim CEP engagiert sich auch der ehemalige Chef des deutschen Bundesnachrichtendienstes, August Hanning. Er würde mit der Radikalisierungs-Prävention am liebsten schon bei Kindergarten-Kindern beginnen.

Der Leitfaden für Lehrer betont, dass es sehr schwierig sein kann, eine Radikalisierung von streng konservativer Religionsausübung zu unterscheiden und rät immer zu Gesprächen mit den Betroffenen, deren Eltern und anderen Lehrern. Die Checkliste listet Anzeichen auf wie die Abwendung und Abwertung von "Ungläubigen" oder den Rückzug vom Elternhaus und dem alten Freundeskreis. Am Ende der Broschüre werden zahlreiche staatliche und nichtstaatliche Beratungsstellen und Hilfsangebote für den Krisenfall aufgelistet.

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