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Psychologie

Terroropfer: Leben mit dem Trauma

Für die meisten von uns ist die Angst vor Terrorismus abstrakt. Doch was passiert mit Menschen, die tatsächlich Opfer eines Terroranschlages geworden sind? Wie sieht das Leben nach dem Trauma aus?

Es kann jeden jederzeit und überall treffen: Bei einem Konzert in Paris, auf einem Weihnachtsmarkt in Berlin oder auf einer Flaniermeile in Barcelona. Statistiken, wonach es wahrscheinlicher sei, von einem Blitz getroffen zu werden, als einem Terroranschlag zum Opfer zu fallen, mögen diejenigen beruhigen, die zwar Angst vor Terrorismus haben, ihn aber nur aus den Medien kennen. Doch was ist mit denen, die tatsächlich dabei waren? In Paris, Berlin, London oder Barcelona? Wie geht es jemandem, der miterlebt hat, wie eine abstrakte, ferne Angst plötzlich Realität wird?

Gezielter Angriff, maximale psychische Verstörung

Panikattacken, Trauer, Verzweiflung. "Es gibt eine Vielzahl möglicher Reaktionen", sagt Andreas Heinz, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité in Berlin. "Bei manchen Menschen treten posttraumatische Belastungsstörungen auf, bei denen das Grauen in Gedanken immer wieder erlebt wird oder in Form von Albträumen zurückkehrt. Diese Personen ziehen sich oft stark aus dem Leben zurück und versuchen, jede Erinnerung an das Geschehene zu vermeiden." Heinz kennt sich mit Terror- und Folteropfern aus, er hat sie beispielsweise in mehreren Projekten in Afghanistan betreut.

Deutschland Breitscheidplatz nach dem Anschlag in Berlin (DW/F. Hofmann)

Trauer am Anschlagsort 2016 in Berlin - Blumen, Kerzen und Fragen blieben monatelang aufgebaut

Ein Terroranschlag entfalte deshalb eine psychisch so verletztende Wirkung, weil er gezielt Menschen mit bestimmten Eigenschaften angreife, erklärt Heinz. Je nachdem, um welche Art von Terror es sich handelt, könne das die Hautfarbe, das Geschlecht oder die Religionszugehörigkeit sein - oder eine westlich-europäische Staatszugehörigkeit. "Wenn Sie angegriffen werden, wegen der Art von Mensch, die sie sind, dann hat das immer die schlimmsten psychischen Folgen", sagt Heinz. "Schließlich gibt es nichts, was sie dagegen tun können." 

Traumatherapie: Oft gar nicht nötig

Kein Wunder also, wenn die ersten Reaktionen nach einem Erlebnis, wie einem Terroranschlag, heftig sind. "Auch Wut, Aggressionen und Rachegelüste können erste Emotionen sein", sagt Olaf Schulte-Herbrüggen, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Als Traumatherapeut ist er auch mit der Versorgung von Gewaltopfern in Berlin betraut. In der Charité und der Friedrich von Bodelschwingh-Klinik hat er sich um die Opfer des Terroranschlags vom Breitscheidplatz im vergangenen Dezember gekümmert.

Diese ersten Akutreaktionen seien keinesfalls krankhaft, sondern völlig normal. Das müsse man den Patienten unbedingt vermitteln. "Diese Menschen empfinden die Akut-Reaktionen oft als bedrohlich und leiden unter sogenanntem Symptomstress", erklärt Schulte-Herbrüggen. Dieser Stress verschlimmere das Leid zusätzlich. In den ersten 48-72 Stunden nach dem Schreckenserlebnis seien deshalb alle Emotionen erlaubt.

Spanien Barcelona Lieferwagen fährt in Menschenmenge (Getty Images/D. Ramos)

Fassungslosigkeit über das Ausmaß des jüngsten Terrorangriffs in Barcelona

Und dann? "Erstmal warten wir ab. Man war in der Traumatologie lange der Meinung, dass jeder Mensch, der etwas so Schlimmes erlebt hat, krank werden müsse", sagt Schulte-Herbrüggen. "Die meisten Menschen werden aber auch nach schwersten Ereignissen nicht krank." 

Zurück ins Leben

Einige werden aber auch noch Wochen oder Monate später von ihren Erinnerungen gequält. "Viele Menschen kommen zu mir und wünschen sich von mir, dass ich sie von ihren Erinnerungen befreie", sagt Schulte-Herbrüggen. Den Wunsch nach dem Löschen des Gedächtnises kann der Traumatherapeut nicht erfüllen. Stattdessen arbeitet er unter anderem mit der sogenannten Expositionstherapie: Der Therapeut konfrontiert dafür den Patienten mit der angstauslösenden Situation, in diesem Fall der Erinnerung daran, und der Patient kann die Erfahrung machen, dass ihm nichts passiert.

Manchmal geschehe langfristig sogar etwas Positives: Menschen gingen stärker aus einem schrecklichen Erlebnis hervor. Nach dem Motto: Ich habe schlimmste Angst durchlebt und bin nicht zerbrochen. "Man nennt das posttraumatisches Wachstum", erklärt Schulte-Herbrüggen. Diese Menschen seien sich ihrer Vergänglichkeit bewusst und könnten deshalb umso intensiver leben. Doch das sei leider die Ausnahme.

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