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Frankreich

Alltag voller Wunden und Gedenken in Paris

Frankreich gedenkt der tödlichen Terroranschläge von Paris. Viele Menschen sind traumatisiert, bei anderen reißen die Wunden jetzt wieder auf. Dazu kommt die Angst vor neuen Attacken. Aus Paris Elizabeth Bryant.

Eigentlich dachte Emmanuel Domenach, er sei auf dem Wege der Genesung. Doch kurz vor dem ersten Jahrestag der Terroranschläge von Paris kehrten die schmerzhaften Erinnerungen mit aller Kraft zurück. "Ich fühle mich bedrängt und müde", sagt Domenach. Er hat den Überfall auf den Musikclub Bataclan überlebt, bei dem 90 Menschen ermordet wurden. "Ich durchlebe vieles psychisch zum zweiten Mal. Es ist nicht leicht, das in den Griff zu kriegen."

Wenn Frankreich am Sonntag der verheerendsten Terroranschläge in seiner jüngeren Geschichte gedenkt, öffnen sich alte Wunden. Daneben bleiben die konkreten Spuren, die die Schießereien und Bombenanschläge mit insgesamt 130 Toten und und mehr als 400 Verletzten hinterlassen haben.

Rund zwei Dutzend Opfer liegen noch immer im Krankenhaus. Hunderte werden psychologisch betreut. Der französische Tourismus ist abgestürzt. Zehntausende Soldaten und Polizisten sind im ganzen Land im Einsatz. Bürgerrechtsaktivisten warnen, der anhaltende Ausnahmezustand höhle die bürgerlichen Freiheiten aus und stigmatisiere die französischen Muslime.

Viele haben Angst, dass die Angriffe des sogenannten "Islamischen Staates" mit dieser bitteren Episode nicht zu Ende sind, sondern im Gegenteil der Anfang einer furchterregende Zeit in Frankreichs Geschichte. So folgten den Anschlägen von Paris weitere Attacken - etwa die Amokfahrt mit einem LKW an der Promenade von Nizza am 14. Juli, dem Nationalfeiertag. 86 Personen kamen dabei ums Leben. Die Behörden erklären, sie vereitelten nahezu täglich Terrorpläne und viele Franzosen erwarten weitere Angriffe.

Frankreich knapp ein Jahr nach Bataclan Anschlag in Paris (DW/E. Bryant)

Das Bataclan öffnet wieder - Passanten lesen die Botschaften an Blumensträußen vor dem Musikclub

"Die Vergangenheit ist immer bei uns"

"Es ist ein nationales Trauma, weil wir eine Reihe von Terroranschlägen in ganz unterschiedlichen Situationen erlebt haben", sagt Dominique Szepielak, Psychologe beim Französischen Verband der Terrorismusopfer. Szepielak hat mehrere Betroffene der Pariser Anschläge behandelt. "Wenn man sich auf eine Art des Terrorismus eingestellt hat, kann er eine andere Form annehmen. Das macht es sehr kompliziert."

An der Oberfläche ist die Stadt zum Alltag zurückgekehrt. Am Samstagabend eröffnet das gründlich renovierte Bataclan mit einem Sting-Konzert, das in wenigen Minuten ausverkauft war. Andere von den Dschihadisten beschossene Cafés und Bars haben ebenfalls wieder eröffnet. Zersprungene Fenster sind ersetzt, die von den Kugeln durchlöcherten Wände ausgebessert und frisch gestrichen.

"Die Vergangenheit ist immer bei uns. Aber wir müssen sehen, dass das Leben weitergeht", sagt Audrey Bily, Managerin des Cafés Bonne Bière, wo die Schützen fünf Menschen getötet haben.

Frankreich knapp ein Jahr nach Bataclan Anschlag in Paris (DW/E. Bryant)

Das Café Bonne Bière war das erste, das nach den Anschlägen wieder öffnete

Ihr Café hat bereits im Dezember wieder geöffnet, als erstes der damals attackierten Orte. Inzwischen ist es wieder voller Menschen, die hier zu Abend essen oder etwas trinken. Die renovierten Innenräume wirken heiter und einladend an einem kühlen Abend. Keiner der Mitarbeiter wurde getötet, doch viele sind nach wie vor traumatisiert. "In unserem Team gibt es einen engen Zusammenhalt und das ist wichtig", sagt Bily. "Die Kollegen unterstützen sich und bringen ihr Leben gemeinsam wieder in Ordnung."

Mehr Intoleranz, mehr Hass auf Muslime

Domenach blieb einige Minuten stehen, nachdem die Dschihadisten in das Bataclan gestürmt waren. Den Lärm der Schusswaffen hielt er für Klangeffekte von der Bühne, wo die Eagles of Death Metal ihr Konzert gaben. Dann hörte er Schreie und Rufe, sah, wie die Schützen auf die Leute an der Bar zielten. Als sie dann die oberen Ränge stürmten, entkam er mit Dutzenden anderer Gäste.

In den Monaten nach dem Angriff riss er sich allmählich wieder zusammen, zwang sich, Konzerte zu besuchen. Doch ins Bataclan zurückzukehren - dafür ist es noch zu früh. Der Jahrestag fühlt sich wie ein neuer Schlag an.

"Immer wenn Du meinst, es werde wieder besser, sitzt Du wieder beim Psychologen. Die Wunden sind einfach noch da", sagt Domenach, der Vizepräsident einer Gruppe von Überlebenden ist, die sich "13. November, Brüderlichkeit und Wahrheit" nennt. "Es fühlt sich wie eine Niederlage an."

Sorgen machen ihm auch die allgemeinen Folgen der Anschläge: die zunehmende Intoleranz und die Hassreden auf den Straßen und die - wie er sagt - fehlgeleitete und überzogene Recht-und-Ordnung-Reaktion der Regierung. Rechtsextreme Aktivisten hätten ihn Anfang dieses Jahres angegriffen, nachdem er Gerüchten widersprochen hatte, die Dschihadisten im Bataclan hätten ihre Opfer gefoltert.

"Als Verein kämpfen wir für Solidarität und Brüderlichkeit", sagt Domenach. "Heute haben wir den Eindruck, dass diese Werte beiseite geschoben und durch Hass ersetzt werden."

Kritik am Ausnahmezustand

Er ist nicht der einzige, der sich Sorgen macht. Ein aktueller Bericht der Internationalen Föderation für Menschenrechte (FIDH) verurteilt den französischen Ausnahmezustand dafür, die Bürgerrechte einzuschränken. Polizei-Razzien konzentrierten sich ungerechtfertigt auf Muslime. Vor einigen Monaten ist auch ins Gesetz geschrieben worden, dass die Befugnisse der Polizei und der Staatsanwälte gestärkt und die der Gerichte geschwächt werden, sagt FIDH-Rechtsanwältin Clémence Bectarte. "Es ist alarmierend", so Bectarte. "Solche Maßnahmen waren vor einigen Jahren undenkbar."

Viele hoffen, diese Spaltung werde am Sonntag, wenn überall in der Hauptstadt Gedenkveranstaltungen für die Opfer des 13. Novembers stattfinden, beigelegt werden.

Frankreich knapp ein Jahr nach Bataclan Anschlag in Paris (DW/E. Bryant)

"Die Rückkehr in die Normalität ist schwer": Stephane Dantier in seinem Café

Im Norden von Paris ist an einer Mauer bereits eine von mehreren Tafeln zur Ehre der Opfer angebracht, die in Kürze enthüllt werden wird. Stephane Dantier, der in der Nähe ein Restaurant besitzt, ist davon wenig angetan. "Es verwandelt das Viertel in ein Denkmal für die Toten", beklagt er.

In seinem Bistro sitzen am Nachmittag noch Gäste bei einem späten Mittagessen. Auf der anderen Seite der Straße haben eine Bar und ein Restaurant wieder eröffnet, in denen die Dschihadisten an jenem milden Novemberabend vor einem Jahr 15 Personen getötet haben.

Die Anschläge hätten die Beziehungen im Viertel noch enger werden lassen, sagt er. Trotzdem sei es für die Bewohner schwierig, nach vorne zu schauen. "Mit den Attacken von Nizza ist alles wieder zurückgekehrt", sagt Dantier. "Wir alle strengen uns sehr an, aber wir sind immer noch verwundet."

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