Team Sky unter Druck | Sport | DW | 05.03.2018
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Radsport

Team Sky unter Druck

Vom nationalen Prestigeprojekt zum Sündenfall? Das britische Sky-Team ist in Erklärungsnot: Während der Salbutamol-Fall Chris Froome weiter in der Schwebe hängt, gerät Ex-Toursieger Bradley Wiggins ins Zwielicht.

Le Tour de France 2017 Etappe 18 (Getty Images/B. Lennon)

Immer vorn: Team Sky kontrolliert die Tour de France seit Jahren - mit legalen Mitteln?

Sie sind das Nonplusultra des Radsports: Fünf Tour-de-France-Siege, Olympiamedaillen, Erfolge bei der Spanien-Rundfahrt, Frühjahrsklassikern wie Mailand-San Remo und unzählige Etappensiege - Team Sky hat seit Jahren eine dominante Stellung im Radsport. Keine andere Mannschaft arbeitet so akribisch für den Erfolg, kein anderes Team hat ein solches Budget zur Verfügung (rund 35 Millionen Euro) und keinen Rennstall umwabert eine vergleichbare Aura des Unantastbaren. Immer wieder zeigt Team Sky, dass es der Konkurrenz einen Schritt voraus ist. Beispiel Start der Tour de France in Düsseldorf 2018: Die Sky-Fahrer nutzen bis dahin unbekannte, aerodynamisch optimierte Zeitfahranzüge mit Golfballoberfläche und rasen den staunenden Gegnern davon. Einige Teams protestierten, dass diese Anzüge gar nicht erlaubt seien. Letztlich kam Sky aber damit durch. Es spricht jedoch einiges dafür, dass Sky nicht nur in diesem Bereich die Grenzen des Reglements ausreizt.

In der seit Jahren schwelenden Affäre um den Einsatz von medizinischen Ausnahmegenehmigungen (TUEs) bei Team Sky meldet sich nun ein einflussreicher Player zu Wort: das britische Sportministerium. Die Behörde, die ja eigentlich vom Erfolg des Teams unter britischer Flagge angetan sein sollte, erhebt schwere Vorwürfe gegen die Radsport-Equipe. Laut einer Untersuchung des Department for Digital, Culture, Media and Sport hat Sky medizinische Ausnahmegenehmigungen missbraucht, um mit Bradley Wiggins an der Spitze die Frankreich-Rundfahrt 2012 zu gewinnen.

Haben Wiggins und Brailsford gelogen?

Radfahrer Froome bei Doping-Kontrolle (picture-alliance/AP Photo/L. Rebours)

Der Fall Froome wartet noch immer auf ein Urteil: Hat der Toursieger gedopt?

Wiggins soll jeweils kurz vor dem Start der Tour de France in den Jahren 2011, 2012 und 2013 Dosen des starken Kortikoides Triamcinolon verabreicht bekommen haben. Dies hatte die Hacker Gruppe "Fancy Bears" 2016 enthüllt. 2012 gewann er die Gesamtwertung in Frankreich. Außerdem kam ans Licht der Öffentlichkeit, dass Wiggins das Präparat auch beim Critérium du Dauphiné nutzte, einem der wichtigsten Vorbereitungs-Wettkämpfe auf die Tour. Die Version von Sky, wonach es bei einer ominösen Medikamenten-Lieferung an den Rennstall während der Dauphiné nur um ein Hustenmittel ging, scheint damit obsolet. Sollten Wiggins und Teammanager David Brailsford hier tatsächlich gelogen haben, droht neuer Ärger, eventuell auch juristisch.

Der Bericht des Sportministeriums wird in britischen Medien als mögliches "Todesurteil" für Team Sky gewertet. Die Mannschaft steht wegen des Falles Wiggins und der Salbutamol-Affäre um den viermaligen Tour-de-France-Sieger Christopher Froome seit geraumer Zeit unter Druck. Dieser wird nun anwachsen. Denn das Sportministerium sieht es als erwiesen an, dass Wiggins und möglicherweise auch dessen Helfer im Team Sky unter dem Deckmantel von Ausnahmegenehmigungen häufiger leistungssteigernde Kortikoide konsumiert haben - um sich auf die Tour vorzubereiten. Teammanager Brailsford habe das Mannschafts-Ethos des "sauberen Siegens" aus Erfolgsgier über Bord geworfen. Froome und seine Teamkollegen starten ab Mittwoch beim italienischen Radrennen Tirreno-Adriatico - dort wird die Mannschaft erneut viele Fragen zu ihrer Glaubwürdigkeit beantworten müssen.

Doping oder nur ein Graubereich?

Tour de France Radrennen Dave Brailsford (Bryn Lennon/Getty Images)

Mastermind des Erfolges oder Strippenzieher des Betrugs: David Brailsford

David Brailsford gilt als Mastermind des britischen Erfolges. In führenden Positionen hat er maßgeblich dazu beigetragen, dass der Radsport mit Erfolgen auf der Straße wie der Bahn seit 2012 einen nachhaltigen Boom auf der Insel erlebt. 2012 wurde er in Anerkennung seiner Verdienste zum Ritter geschlagen und darf sich "Sir" nennen. Sollte ein Teil dieser Erfolge nicht auf legalem Wege zustande gekommen sein, würde nicht nur dem britischen Verband, sondern dem ganzen Radsport ein riesiger Skandal und Imageschaden drohen. In britischen Medien werden deshalb schon Rücktrittsforderungen gegen Brailsford laut. 

Der Report der britischen Regierung betont allerdings, dass es sich beim festgestellten Sachverhalt nicht um eine Verletzung des Anti-Doping-Codes der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) handele. Jedoch seien Dopingmittel innerhalb dieses Codes genutzt worden, um die Leistung der Fahrer zu steigern - "nicht nur aus medizinischer Notwendigkeit". Kann man Sky also Doping nachweisen? Oder bleibt alles im Graubereich, in den das Team mit seiner Politik der "marginal gains", also der kleinen Fortschritte durch Ausreizung aller Limits, seit Jahren vorstößt? Eine brennende Frage, die der Weltradsportverband UCI nun auch im Fall von Chris Froome schnell beantworten muss. Denn der Schaden in der Öffentlichkeit ist bereits angerichtet.

Team Sky und Wiggins wiesen die Vorwürfe zurück. "Ich finde es traurig, dass Anschuldigungen erhoben werden können, bei denen Leuten Dinge vorgeworfen werden, die sie nie getan haben, die aber als Fakten angesehen werden", sagte Wiggins. Er werde sich in den nächsten Tagen detailliert äußern, um die Vorwürfe auszuräumen, ergänzte der fünfmalige Olympiasieger. Einmal mehr wartet die Radsport-Welt auf Aufklärung.

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